Liebe Instagrammer: Warum ist es bei euch nie so chaotisch wie bei mir?

Ich geb’s zu, ich stehe eigentlich voll auf die heile Instagram-Welt. Ich folge vielen Familienblogs und liebe es, deren schöne Bilder zu betrachten. Eine fünfköpfige Familie im Abendlicht vor ihrem schwedischen Holzhaus am See – hach! Die stuckverzierten Berliner Altbauwohnungen – echt hipp! Da stehen sogar die Blätter der Topfpflanzen im perfekten Winkel ab. Ich meine das nicht einmal ironisch. Ich sehe zur Unterhaltung ja auch lieber Filme, die NICHT mein Leben abbilden, Von letzterem habe ich schließlich genug. Aber manchmal, da wünschte ich mir dann doch, es gäbe so etwas wie #Bodypositivity auch für den Rest unseres Alltags!

Habe ich mein Leben nicht im Griff?

Statt Dehnungsstreifen würden dann chaotische Räume gezeigt und Kinder, die zoffen. Die Wohnzimmer würde man kaum noch als solche erkennen – weil die Besitzer es eben NICHT geschafft haben, den Raum von Kinderspielzeugen freizuhalten. Auf Balkonen und Terrassen würden mal nicht gelbe Tomaten und lila Kartoffeln (alte Sorte) angebaut, sondern Fahrräder und Kisten gelagert. Oderbin ich etwa die einzige, die spät am Abend erschöpft aufs Sofa fällt? Die dann lieber Netflix schaut, statt sich mit den Playmo-Haufen auf dem Fußboden vor sich zu beschäftigen? Dann habe ich eine gute Ausrede: Ich bin gerade mal wieder barfuß auf Lego getreten und muss erstmal bequem sitzend die Wunde verarzten.

An guten Tag entlocken mir die perfekten Bilder ein breites Lächeln. Dann möchte ich mit den Familien ihr vollkommenes, offenbar perfekt geordnetes Leben feiern und freue mich ehrlich für sie. An schlechten Tagen sorgen die Beiträge dafür, dass ich mit meinem eigenen Leben unzufrieden bin. Dann schaue ich mich um und will schreien: Alle Ablagen zugemüllt. Die Bücher im Regal gestapelt, statt farblich sortiert… Lustlos fange ich an, ein wenig aufzuräumen – aber es ist schon so spät, ich habe acht Stunden gearbeitet (in der Realität ist in Hamburg nämlich selbst der mäßig aufregende Vorort noch kein Schnäppchen), die Geschirrspülmaschine ausgeräumt und mit meinem Kind gespielt (was ich übrigens meistens gerne tue, bevor gleich wieder jemand schimpft).

Seid ihr wirklich so perfekt?

Also lasse ich das mit dem Ordnen und denke stattdessen zum Selbstschutz lauter missgünstige und boshafte Dinge über die anderen. Hätte ich früher anfangen sollen mit dem Kinderkriegen und fünf bekommen sollen? Einfach nur, weil sie sich so hübsch nebeneinander auf den blank polierten Küchentresen einer Marke drapieren lassen, die ich mir vermutlich in diesem Leben nicht mehr werde leisten können?

Dann stelle ich mir gerne vor, dass das folkloristische Kissen auf der maisgelben Samtcouch wahrscheinlich inzwischen Blutflecken verdecken muss, weil die zuckersüßen Kinder sich gleich nach der Aufnahme unglücklich mit Kapla-Steinen auf den Kopf gehauen haben. Und dass die perfekte Mami fluchend und kettenrauchend daneben hockt, während zu ihren Füßen halbleere Bierflaschen umkippen, so dass die pissgelbe Brühe in den weißen Lammfellteppich läuft. Der Abwasch in der Küche ist liegen geblieben. Auch Papi hat keine Zeit dafür, denn der hat einen Spättermin mit der Sekretärin.

Zeigt doch auch mal, wie es wirklich bei euch aussieht!

Wahrscheinlich habe ich zu viele schlechte Filme geschaut (ist euch mal aufgefallen, dass in Instagram-Wohnungen fast nie Fernseher zu sehen sind? Die haben einfach alle Besseres zu tun), denn was ich gerade geschrieben habe, ist natürlich vollkommen übertriebener Blödsinn – aber all die Perfektion ist es auch. Liebe Blogger und Instagrammer: Zeigt uns doch von Zeit zu Zeit auch mal euer Chaos und eure Kämpfe!

Nicht missverstehen: Ihr müsst uns mit solchen Bildern ja auch nicht – haha – zumüllen. Einfach nur schöne Bilder haben absolut ihre Berechtigung. Ich würde (in starken Momenten) deshalb auch nie schimpfen: „Ihr seid ja voll nicht authentisch, ey!“ Vielleicht seid ihr es nämlich doch, und zwar in dem, was ihr eigentlich rüberbringen wollt – meistens ist es wohl nicht eure Wohnungsrealität. Deshalb folge ich euch ja auch so gerne. Trotzdem würde ein gelegentlicher Blick hinter die Kulissen wahnsinnig gut tun. Dann würde mich der Rest noch viel mehr begeistern. Echt jetzt!

P.S. Und falls das nicht geht: Können wir anderen Mamas uns dann zumindest darauf einigen, dass wir uns deswegen nicht schlecht fühlen? Es ist ganz normal ist, wie es bei vielen von uns (vermutlich) tatsächlich aussieht. Und manchmal bin ich von den hysterischen Aufräum- und Putzaktionen vor einem Besuch so kaputt, dass ich durchgeschwitzt und abgehetzt die Tür öffnen muss. Dabei hätte ich mir in der Zeit so gerne noch die Haare gekämmt 😉

Jana Stieler

Ich lebe mit Mann und Sohn im Süden Hamburgs – am Rande der Harburger „Berge“ (Süddeutsche mal kurz weghören: Der höchste Punkt misst immerhin sagenhafte 155 Meter ü. M.). Wenn ich nicht gerade einen Text verfasse, liebe ich Outdoor-Abenteuer mit meiner Familie, lange Buch-Badewannen-Sessions mit mir allein und abendliches Serien-Binge-Watching.

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