Kindern Demenz erklären: „Wieso erkennt Opa mich nicht mehr?“

Wenn die Erinnerungen einer Person langsam verblassen, leiden auch ihre Angehörigen mit.

Alzheimer ist die bekannteste Form von Demenz.

Die Unterscheidungen der verschiedenen Demenzformen sprengt den Rahmen, diese sind hierganz wunderbar aufbereitet. Die Alzheimer-Demenz beginnt schleichend, ihre typischen Symptome wie Gedächtnisstörungen nehmen langsam zu. Persönlichkeitsveränderungen, Inkontinenz, Sprach- und Gesichtserkennungsstörungen treten meist erst spät auf, bei anderen Formen der Demenz stehen diese schneller im Vordergrund.

Allen Formen gemeinsam ist aber eines: Auch für die Angehörigen der Betroffenen ist es schwer, mit den Veränderungen des geliebten Menschen umzugehen. Besonders für Kinder, die Oma oder Opa ganz verändert und häufig als „wunderlich“ erleben.

Hier können ihnen ihre Eltern helfen. Sie können kindgerecht erklären, warum jemand plötzlich anders ist. Aber das ist natürlich alles andere als einfach!

Andrea Josefa Brinker und Sonja Steinbock sind die Projekt-Initiatorinnen von „KIDZELN“ (Kindern Demenz erklären). Sie haben Ravenburger im Interview erklärt, wie man Kinder am besten an das Thema Alzheimer heranführt.

Hier die wichtigsten Passagen des Interviews:

Warum ist es wichtig, Kindern Demenz zu erklären?

„In unserer heutigen Gesellschaft ist es eher die Ausnahme als die Regel, dass Kinder mit ihren Großeltern oder Urgroßeltern unter einem Dach leben. Häufig leben sie in anderen Städten und haben natürlich seltener Kontakt miteinander als das der Fall ist, wenn man zusammenwohnt. Sind sich die verschiedenen Generationen räumlich nahe und die Großeltern erkranken an einer Form von Demenz, so wachsen die Kinder in diese Situation hinein. Sie haben meistens eine gute Intuition bezüglich des Umgangs mit ihren Großeltern, weil sie sie gut kennen. Viele Kinder wohnen jedoch weit entfernt. Dadurch ist der Kontakt nicht so intensiv und verändertes Verhalten der Großeltern wirkt möglicherweise befremdlich auf die Kinder. Gleichzeitig gibt es viele intergenerative Projekte, in denen Kindergärten Einrichtungen der Altenhilfe besuchen. Dort leben häufig Menschen mit Demenz. Um den Kindern die Freude und Neugier am Kontakt mit anderen Generationen zu erhalten, ist es wichtig, ihnen Wissen zu vermitteln, warum sich manche Menschen möglicherweise seltsam verhalten. Verständnis schafft Sicherheit!

Mit Ihrem Projekt KIDZELN wollen Sie u.a. bewirken, dass „Anderssein“ durch Demenz von der heranwachsenden Generation als normal betrachtet wird, nicht wahr?

„Ja, viele Konflikte würde es gar nicht geben, könnten wir alle Menschen, die anders sind als wir, einfach so akzeptieren und annehmen, wie sie sind. Eigentlich ist es doch ganz normal, anders zu sein. Jede:r ist anders als der Andere. Wir wünschen uns, dass Menschen mit Demenz in die Gemeinschaft integriert werden oder bleiben, dass man hinschaut und die Person sieht, die eine Demenz hat und nicht (nur) die Krankheit. Um das zu fördern, haben wir eine Spielmodulreihe für Kinder im Kindergartenalter entwickelt. Diese hilft Erzieher:innen und Mitarbeiter:innen im Altenhilfebereich, sich der Thematik kindgerecht zu nähern.“

Worin liegen die Herausforderungen, Kindern Demenz zu erklären?

Unserer Ansicht nach besteht die größte Herausforderung für Eltern und Erzieher:innen darin, sich selbst mit der Thematik zu beschäftigen, die eigene Haltung gegenüber Menschen mit Demenz zu überprüfen und möglicherweise auch zu ändern. Die Menschen neigen dazu, Dinge, vor denen sie selbst Angst haben, zu verdrängen. Solche Berührungsängste übertragen sich schnell unbewusst auf die Kinder, was diese wiederum verunsichern kann. Für Pflege- und Betreuungsmitarbeiter:innen ist die größte Herausforderung, sich sozusagen zu re-sensibilisieren. Wir empfehlen ihnen, immer mal wieder mit Kinderaugen durch die eigene Einrichtung zu gehen. Plötzlich erscheinen ihnen Geräusche, Gerüche und vieles mehr in einem ganz anderen Licht.“

Welche Botschaft haben Sie an Personen, die sich noch wenig bis gar nicht mit Demenz beschäftigt haben?

Menschen mit Demenz sind und bleiben in erster Linie Menschen. Gefühle werden nicht demenzkrank. Menschen mit Demenz brauchen Zeit und Präsenz der Personen, die sich um sie kümmern. Begegnet man Menschen mit Demenz mit Akzeptanz, Empathie und Kongruenz können sie sich trotz ihrer Erkrankung wohl fühlen. Damit dies gelingen kann, brauchen Angehörige Entlastung durch weitere helfende Hände wie andere Familienmitglieder, Nachbar:innen, Freund:innen und beruflich Pflegende.“

Wo finden Betroffene und Angehörige Unterstützung?

„Empfehlenswert ist es, Kontakt zu regionalen Alzheimer Gesellschaften aufzunehmen. Diese bieten Informationen zum Krankheitsbild, Beratung für an Demenz erkrankte Menschen und ihre Angehörigen und bieten und / oder kennen weitere regionale Unterstützungsmöglichkeiten, wie z.B. Angehörigengesprächskreise oder auch tagesstrukturierende Angebote.“

Aber auch im eigenen, heimischen Umfeld ist es wichtig, offen über die Veränderungen der Großeltern zu sprechen.

Was ist los mit Oma oder Opa, wieso ist das nicht zum Fürchten, auch wenn es so wirkt und wie verhält man sich am besten, um ihnen weiterhin seine Liebe zu zeigen – auch, wenn die Reaktion darauf vielleicht nicht mehr dieselbe ist wie früher?

Wie auch Andrea Josefa Brinker und Sonja Steinbock empfehlen, ist es wichtig, sich vor Gesprächen mit Kindern selbst gut zu informieren, um die eigenen Hemmungen abzubauen.

Eine gute Hilfe können aber auch Kinderbücher sein! „Bilderbücher unterstützen Erwachsene dabei, Kindern schwierige Sachverhalte sowie Gefühle, Gedanken und Worte verständlich darzulegen.“

„Dich vergesse ich nie“ (Affiliate Link) ist eines davon. Es ist wunderschön gezeichnet und gibt Mut und Hoffnung. Am Ende der Geschichte bekommen die Kinder viele Tipps, wie sie mit ihren „vergesslichen“ Großeltern am besten umgehen können.

 

„Dich vergesse ich nie“ von Laura Hughes und Rachel Ip.

„Dich vergesse ich nie“ von Laura Hughes und Rachel Ip, Ravensburger, 14,99 Euro.

 

In dem Buch erstellt die kleine Amelie ein Erinnerungsbuch für ihre Oma.

Dafür fotografiert sie schöne gemeinsame Momente und klebt sie ein. Die Expertinnen zu dieser Idee: „Ein Erinnerungsbuch zu erstellen, ist ebenso eine schöne Hilfestellung für Kinder und Eltern. Erinnerungsbücher unterstützen Menschen mit Demenz sehr und sind immer eine schöne Gelegenheit, sich gemeinsam wieder an vermeintlich vergessene Momente zu erinnern, sich zu unterhalten und sich zu orientieren.“

Mit viel Liebe, Geduld und Offenheit können an Alzheimer erkrankte und ihre Angehörigen also weiterhin wundervolle Zeiten miteinander haben.

Laura Dieckmann

Als waschechte Hamburgerin lebe ich mit meiner Familie in der schönsten Stadt der Welt – Umzug ausgeschlossen! Bevor das Schicksal mich zu Echte Mamas gebracht hat, habe ich in verschiedenen Zeitschriften-Verlagen gearbeitet. Seit 2015 bin ich Mama einer wundervollen Tochter.

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