Ja, mein Kind darf naschen – und zwar täglich!

Unter Eltern ist es ein ständiges Zoff-Thema: Sollten die Kleinen naschen oder nicht? „Zuckerfrei“, „Zuckersucht“ – manchmal könnte man meinen, Zucker sei der in Gummibärentüten eingeschweißte Teufel. Klar ist Süßes ungesund. Klar ist aber auch, dass Kinder ihn lieben. Warum ich meinen Sohn den Spaß gönne, erkläre ich euch hier.

Meine eigenen Eltern waren früher Stammkunden im Reformhaus

Konkret hieß das: Weizenkeime und nicht erhitztes Sauerkraut statt Schoki und Chips. Süßes gab es nur sonnabends bei Omi, deren Motto schlicht war: „Lasst die Kinder doch (naschen, fernsehen, Jagdwurstbrote essen)!“ Vielleicht habe ich deshalb nie gelernt, Maß zu halten. Später habe ich viel Taschengeld in Naschzeug investiert. Wenn ich mal eine Tafel Schokolade in die Hände bekomme, muss ich sie ganz essen, bevor sie mir jemand wegnimmt. Ratzfatz! Sogar heute noch. Auch deshalb habe ich mich entschieden, meinen Sohn naschen zu lassen.

Mein Kind darf täglich Süßes

Gefühlt hat in unserer KiTa  jede Woche ein Kind Geburtstag. Dann werden Gummibären, Smarties oder Kuchen verteilt. Soll ich den Erziehern echt sagen: „Mein Kind darf das nicht, aber in seiner Brotdose sind doch die Apfelschnitze?“ Wenn es nach manchen Eltern geht, offenbar schon. Verabredungen sind immer wieder ein Eiertanz. „Darf dein Kind einen Keks?“, „Darf es einen Schuss Saft ins Mineralwasser?“ Bei Süßigkeiten ist das Ergebnis oft, dass alle verzichten müssen, denn ich fände es unfair, wenn ein Kind den anderen beim Naschen zuschauen müsste.

Solange mich niemand fragt, verschweige ich, dass mein Kind sogar täglich naschen darf. Zuckerfreie Eltern erklären mir hingegen gerne ungefragt, dass ihr Kind höchstens mal etwas Trockenobst oder Muffins mit Agavensirup bekommt. Auf Nachfrage sage ich aber die Wahrheit – und höre mir schweigend Vorträge über gammelnde Zähne und Übergewicht an. Ich schlucke herunter, dass auch Zuckerersatz am Ende nur Zucker ist. Oder dass ich von unseren Kindern weiß, dass die anderen sich auf Süßes stürzen, bis sie sich beinahe übergeben, sobald doch mal etwas in Reichweite ist. Ich glaube, Kinder, für die Zucker ein Tabu ist, gieren oft mehr danach. Und strenge Regeln verführen nun einmal dazu, sie zu brechen.

Die Besessenheit mit der Ernährung stresst mich

Unser Sohn hat übrigens sehr gesunde Zähne und tobt viel zu gerne herum, als dass man den Hosenbund weiter schnallen müsste. Wenn Freunde aufwändige Zuckerfrei-Diäten zelebrieren und dauernd von Zuckersucht die Rede ist, denke ich, dass eher die dauernde Beschäftigung mit der Ernährung zu einer ungesunden Besessenheit führt. Ich wünsche mir,  dass unser Sohn einen gesunden Umgang mit Ernährung lernt – aber dazu gehört für mich auch, sich nicht dauernd den Kopf darüber zu zerbrechen. Wenn ich sage, dass mein Kind täglich naschen darf, meine ich auch nicht, dass ich ihm die Gummibärchen in den Mund werfe wie einem Flipper die Sardinen. In seinem ersten Jahr haben wir Gesüßtes komplett vermieden. Und er bekommt seine Apfelschnitze, isst außerdem gerne und viel Gemüse, Vollkornprodukte und Fisch.

Trotzdem ist es bei uns Ritual, dass er sich jeden – ja, jeden – Nachmittag eine Kleinigkeit aus einer Schublade mit Süßigkeiten nehmen darf – etwa einen Mini-Schokoriegel oder ein paar Gummibärchen. Selbst die Weltgesundheitsorganisation (WHO) findet es okay, Kindern ein oder zwei süße Teilchen am Tag zu erlauben –  vorausgesetzt natürlich, das Kind ist aktiv, gesund und die Ernährung ansonsten ausgewogen. Übrigens vergisst unser Sohn sogar oft, nach etwas Süßem zu fragen. Ich denke, für ihn ist Naschen deshalb nicht das Allergrößte, weil wir keinen Wirbel darum machen. Über Papas Spinat-Lachs-Lasagne freut er sich mindestens genauso.

Immer vernünftig sein, macht auch keinen Spaß

Zu ganz besonderen Gelegenheiten darf er sogar mal richtig über die Stränge schlagen, Zuckerwatte und Schaumküsse essen, bis er freiwillig aufgibt.  Zu meinen liebsten Kindheitserinnerungen gehören selbstgemachte Karamellbonbons von Omi. Auf einen Ast klettern, den Mama einen Tick zu hoch findet, an einem sonnigen Herbsttag mit hochgekrempelter Hose durch einen kalten Bach waten und eine Schniefnase riskieren. Weniger gut erinnere ich mich an Möhrengemüsemahlzeiten, Hausaufgaben machen und Zimmeraufräumen. Wichtige Erfahrungen und Bilder, die bleiben, hängen wohl oft mit ein wenig Unvernunft zusammen.

Dass ich auf belehrende Kommentare trotzdem (meistens) nicht reagiere, hat einen Grund: Ich finde, Eltern sollten einander in Ruhe lassen – es sei denn einem Kind wird ernsthaft Schaden zugefügt. Deshalb verspreche ich euch, dass ich euren Kindern niemals Süßigkeiten unterjubeln werde und euch nicht ungefragt darüber aufkläre, was ihr anders machen könntet  – dafür wünsche ich mir nur, dass ihr meinem Kind nicht die Freude am (vielleicht nicht immer perfekt gesunden) Essen nehmt.

Wie haltet ihr es mit den Süßigkeiten: Dürfen eure Kinder naschen, oder ist Zucker bei euch zu Hause tabu? Verratet es uns in den Kommentaren oder diskutiert mit anderen Müttern in unserer Facebook-Gruppe „Wir sind Echte Mamas“.

 

Jana Stieler

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