Ist doch (nicht) so schlimm? Diesen Satz solltest du deinem Kind nie sagen:

Dein Kind steht in Tränen aufgelöst vor dir und schreit herzzerreißend. Du schielst panisch in die Richtung deines Handys, weil mindestens der Blinddarm geplatzt oder vor seinen Augen der Hamster einen Herzinfarkt erlitten haben muss. Dann endlich erfährst du die schreckliche Wahrheit. Das rosa Glitzer-Radiergummi ist verschollen! Die Erleichterung ist groß – genau wie die Versuchung, zu sagen: „Beruhige dich, ist doch nicht schlimm.“ Lass es. Dass es nicht so schlimm ist, ist nämlich nur das, was DU denkst!

Viele Varianten, eine Wirkung: Dein Kind wird verunsichert

Zugegeben, mir ist das auch schon rausgerutscht – sogar in mehreren Varianten: „Beruhige dich jetzt erstmal“ (im viel zu genervten Tonfall). „Alles wird gut“ (in vollkommener Hilflosigkeit gegenüber dem untröstlichen Kind). „Ist doch nicht so schlimm.“

Dabei verletzten wir unsere Kinder mit unbedachten Äußerungen wie diesen. Wir müssen nur daran denken, wie ätzend es ist, wenn andere unsere Gefühle als nichtig oder übertrieben abtun („Hast du etwa deine Tage?“). Was uns umhaut, ist nämlich sehr subjektiv. Und der Schmerz deines Kindes über ein verlorenes Lieblingsstück oder einen geschlossenen Eisladen kann tief empfunden sein. Wenn du ihm jetzt vermittelst, dass seine (starken) Gefühle nicht berechtigt sind, wird es entweder an sich selbst zweifeln – oder daran, dass es sich dir anvertrauen kann. Das wollen wir doch beides nicht, oder?

Was du stattdessen tun kannst

Leider gibt es kein Universalmittel. Wahrscheinlich musst du ein bisschen ausprobieren, was deinem Kind hilft. Was den einen tröstet, kann den anderen noch mehr auf die Palme bringen – oder sich einfach nur schrecklich aufgesetzt anfühlen, wenn es nicht zu euch passt.

Es hat zum Beispiel eine ganze Weile gedauert, bis ich gemerkt habe, dass sich unser Sohn am liebsten selbst beruhigen möchte. Er möchte dann weder reden noch angefasst werden, weswegen ich mich anfangs immer schrecklich hilflos gefühlt habe. Im Ernst, eine Mama, die es nicht gebacken bekommt, ihr Kind zu trösten?! Dann habe ich gemerkt, dass es ihm gut tut, wenn ich das einfach gelassen aushalte. Jetzt gebe ich ihm die Zeit, in Ruhe alles rauszulassen, ohne einzugreifen. Schließlich geht es hier um seine Bedürfnisse und nicht das Supermutti-Bild, das ich gerne von mir hätte. Ich dränge mich ihm nicht auf, bleibe aber ganz nahe bei ihm, damit er sieht, dass ich seinen Kummer nicht ablehne.  So beruhigt er sich viel schneller, als wenn ich irgendetwas tue.

Andere bewährte Techniken können sein:

  • „Ich sehe, dass du traurig bist.“ Klingt zu banal, um es auszusprechen – für dein Kind ist es aber superwichtig, von dir wirklich gesehen zu werden.
  • „Kann ich etwas für dich tun?“ Setze nicht einfach voraus, dass du schon weißt, was deinem Kind gut tut, frage lieber nach, was es von dir braucht. Wenn es selbst entscheidet, was ihm gut tut, wirft dein Kind auch gleich ein Stück von der Hilflosigkeit ab, der es sich gerade so ausgeliefert fühlt.
  • „Ich atme jetzt einmal tief durch.“ Statt deinem Kind eine Beruhigungsmaßnahme aufzudrängen, führe sie selbst aus. Erkläre dabei, was du tust, und was es mir dir macht („Jetzt fühle ich mich schon ein bisschen ruhiger“). Wenn es sehen kann, dass dir etwas gut tut, wird es dieses Instrument vielleicht auch einmal für sich ausprobieren wollen.
  • „Ich bin hier bei dir und für dich da.“ Das kannst du mit Worten, aber auch mit einer zärtlichen Berührung oder Umarmung vermitteln. Manchmal reicht das schon.
  • „Erzählst du mir noch einmal etwas genauer, was passiert ist?“ Dein Kind erfährt so: Du nimmst seinen Kummer wirklich ernst und bist bereit, zuzuhören.
Jana Stieler

Ich lebe mit Mann und Sohn im Süden Hamburgs – am Rande der Harburger „Berge“ (Süddeutsche mal kurz weghören: Der höchste Punkt misst immerhin sagenhafte 155 Meter ü. M.). Wenn ich nicht gerade einen Text verfasse, liebe ich Outdoor-Abenteuer mit meiner Familie, lange Buch-Badewannen-Sessions mit mir allein und abendliches Serien-Binge-Watching.

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