„Ich war froh, keinen Kontakt zu meiner Mutter zu haben – bis sie starb.”

„Ich bin Bine, 31 Jahre alt und zweifache Mutter. Ich liebe meine Familie und bin glücklich verheiratet. Und ich bin sehr dankbar für mein heutiges Leben. Es ist für mich wie eine Wiedergutmachung vom Schicksal, denn ich hatte nicht den besten Start ins Leben.

Ich habe als Kind kaum Liebe bekommen.

Als ich zur Welt kam, war meine Mutter schon alleinerziehend. Mein Vater ist noch vor meiner Geburt abgehauen. Meine Mutter gab mir die Schuld an ihrer Situation. Nach ihrer Logik wäre ihr Leben besser gewesen, wenn es mich nicht gegeben hätte.

Als ich fünf oder sechs Jahre alt war, lernte sie einen neuen Mann kennen. Ihr neuer Traummann war Alkoholiker und oft stritten die beiden sich lautstark, während ich mich in meinem Kinderzimmer unter der Bettdecke versteckte. Ständig war Geld ein Thema und ich konnte nie an Ausflügen teilnehmen oder irgendeinem Hobby nachgehen. Meistens wurde ich zuhause einfach ignoriert, ob ich Hausaufgaben machte oder stundenlang Fernsehen schaute war egal.

Ich hatte also schon in der Grundschule schlechte Noten und kam auf die Hauptschule.

Dort hatte ich dann zum ersten Mal richtig Glück in meinem Leben und bekam eine ganz tolle Klassenlehrerin. Sie nahm mich öfter zur Seite und fragte, ob alles okay wäre und sie half mir manchmal nach dem Unterricht, wenn ich Aufgaben nicht verstanden hatte. Meine Noten waren dann einigermaßen okay und ich wollte gerne den Realschulabschluss nachholen.

Meine Mutter war aber dagegen. Sie meinte, ich soll lieber für meinen Unterhalt aufkommen und direkt eine Ausbildung anfangen. Ich war damals 15 und wusste nicht weiter. Meine Lehrerin stellte dann den Kontakt zum Jugendamt her, das mich in eine betreute Wohngemeinschaft für Jugendliche vermittelte. Meine Mutter rastete total aus, als sie davon Wind bekam.

Sie nannte mich undankbar und schmiss mich sofort raus.

Heute erkenne ich, dass die Entscheidung in die WG zu ziehen und meinen Realschulabschluss zu machen, die beste meines Lebens war. Ich bin meiner Lehrerin und meiner Betreuerin vom Jugendamt sehr dankbar. Damals war es aber trotzdem sehr schwer für mich, mit meiner Vergangenheit abzuschließen.

Ich trauerte dem Kontakt mit meiner Mutter sehr hinterher. Sie hat sich jedoch nie gemeldet und auch nicht erkundigt, was aus mir geworden ist.

Also versuchte ich, damit abzuschließen.

Ich lernte in der Ausbildung meinen jetzigen Mann kennen. Er hat eine große und liebevolle Familie. Es war für mich schön, so eine Art Ersatzfamilie zu haben. Dann gründeten wir unsere eigene Familie. Ich wurde Mutter von unseren beiden Engeln. Natürlich war es anstrengend mit zwei kleinen Kindern, aber ich fühlte mich auch endlich angekommen.

In den ersten Jahren als Mutter dachte ich kaum an meine eigene Kindheit. Ich habe das alles verdrängt, bringt ja nichts, lässt sich nicht mehr ändern. Der einzige Gedanke an früher war, dass ich es anders machen möchte als meine Mutter, damit meine Kinder es besser haben. Eigentlich war ich erleichtert, dass wir keinen Kontakt hatten.

15 Jahre lang hörte ich nichts von meiner Mutter, bis sie plötzlich starb.

Entfernte Verwandte riefen plötzlich an, sprachen mir mein Beileid aus, wollten mit mir über meine Mutter sprechen. Ich fand das schlimm, wusste nicht, was ich dazu sagen soll. Nach der Beerdigung kam ich noch mit in unsere alte Wohnung, ich sah ihre Kleidung auf dem Wäscheständer und roch daran. Plötzlich überkam mich eine heftige Traurigkeit.

Ich fuhr nach Hause und konnte wochenlang schlecht schlafen, ich träumte von früher, von meiner Mutter. Die Erinnerungen holten mich ein. Das schlimmste war, dass ich mich schuldig fühlte, ich bereute es, dass ich nie wieder den Kontakt zu ihr gesucht habe und nun war es zu spät. Ich weinte oft, denn mir wurde plötzlich bewusst: Ich werde nie eine richtige Mutter haben, diese Chance ist endgültig vorbei.

Ich habe ein altes Fotoalbum aus der Wohnung mitgenommen.

Zuerst traute ich mich gar nicht, hineinzusehen. Aber ich wollte gerne etwas haben, was mich an sie erinnert, damit sie sich nicht einfach nur in Luft auflöst. Es tat weh, sich die Bilder anzusehen. Zuerst sah ich nur meine traurige Kindheit, aber beim vierten oder fünften Durchblättern fiel mir auch auf, wie unglücklich und unzufrieden meine Mutter auf den Bildern aussieht. Ich glaube nicht, dass sie ein schönes Leben geführt hat.

Inzwischen ist der Tod meiner Mutter einige Monate her, meine Schuldgefühle sind nicht mehr so schlimm. Trotzdem bleibt ein dumpfer Schmerz, wenn ich an sie denke. Oft frage ich mich, ob ich den Kontakt hätte suchen sollen. Vielleicht hätte es im Erwachsenenalter doch eine Chance für uns gegeben, vielleicht wäre sie eine gute Oma gewesen.

Vielleicht.

Mein Mann hält das für Quatsch, er sagt: ‚Du könntest deinen Kindern niemals antun, was sie dir angetan hat, du musst ihr nicht verzeihen.

Ich bin mir unsicher, ob es nicht doch richtig gewesen wäre, meiner Mutter eine zweite Chance zu geben. Selbst, wenn es nichts geändert hätte, vielleicht würde es mir dann heute besser gehen. Aber ich muss jetzt lernen, mit dieser Ungewissheit zu leben. Zum Glück habe ich meine Familie, die für mich da ist und die mich unterstützt.”


Liebe Bine, vielen Dank für deine Geschichte. Wir wünschen Dir und Deiner Familie alles Liebe für die Zukunft!

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Lena Krause

Ich lebe mit meinem kleinen Hund Lasse in Hamburg und bin dort immer gerne im Grünen unterwegs.

Auch wenn ich selbst noch keine Mama bin, gehören Babys und Kinder zu meinem Leben dazu. Meine Freundinnen machen mir nämlich fleißig vor, wie das mit dem Mamasein funktioniert und ich komme als „Tante Lena“ zum Einsatz.

Seit ich denken kann, liebe ich es, zu schreiben – und bei Echte Mamas darf ich mich dabei auch noch mit dem schönsten Thema der Welt auseinandersetzen. Das passt einfach!

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