„Ich möchte Frauen ermutigen: Ihr schafft beides, Kind und Karriere!”

Wir haben mit Alexandra Trudnowski gesprochen, die sich dazu entschieden hat, beides zu wollen: Ein Kind bekommen und Karriere machen. Als sie vor einem Jahr an Brustkrebs erkrankt, ist für sie klar, dass sie auch die Erkrankung nicht von ihrem Weg abbringen wird – und das tut es auch nicht. Alexandra ist seit April 2024 Chief Strategy Officer EMEA und Head of DACH bei dentsu health und ihre Tochter, inzwischen fast 14 Jahre alt, auch immer mal wieder ein bisschen stolz auf die Mama.

„Als ich schwanger wurde, hatten wir bereits längere Zeit versucht, ein Kind zu bekommen, leider erfolglos. Als es dann geklappt hat, hatte ich Bedenken, mit meiner Chefin zu sprechen. Ich war damals 40, stand voll im Beruf und hatte eine Führungsposition. Ich war erst seit knapp 1,5 Jahren in dem Team und alles lief sehr erfolgreich. Trotzdem hat der Wunsch überwogen, eine Familie zu gründen und ich würde mich immer wieder so entscheiden.

Auch wenn’s oft schwierig ist, man kriegt das hin.

Ich arbeite gerne. Aber trotzdem hatten wir ein paar Sorgen, weil mein Mann und ich in München wohnen. Meine Mutter lebt in Österreich, seine Eltern sind in der Nähe vom Bodensee. Er war voll im neuen Job und wir haben uns gefragt: Wie schaffen wir das alles, ohne ständig jemanden um Hilfe zu bitten? Wir haben es geschafft, indem wir diszipliniert waren, uns Aufgaben aufgeteilt haben, indem wir als Paar zusammengehalten haben und, indem wir Hilfe angenommen haben.

Ohne Hilfe ging es dann doch nicht und unsere Eltern und Freunde waren zum Glück immer da, wenn es eng wurde. Ich habe mir nach der Geburt eineinhalb Jahre Auszeit genommen und danach habe ich unsere kleine Tochter in die Kindergrippe gegeben. Es war eine ziemliche Herausforderung, überhaupt eine zu finden. Letztendlich mussten wir auf eine private Krippe ausweichen.

Unser Kind abzugeben war für meinen Mann und mich anfangs schwierig.

Das ist es für alle Eltern, glaube ich. Aber ich habe dann schnell gemerkt, wie viel Spaß sie mit anderen Kindern hatte und wie viele coole Dinge dort gemacht wurden – die Ideen und die Zeit hätte ich nicht gehabt. Natürlich musste ich mir dann auch einiges aus meinem Umfeld anhören. ‚Was nach anderthalb Jahren schon? Das ist ja viel zu klein, typisch Karrierefrau, das Kind braucht doch die Mutter …‘

Vieles musste ich mir selbst von Freundinnen anhören, von der älteren Generation sowieso. Ich habe gedacht, ich muss gegenhalten und meinen Weg gehen – das hat dann eigentlich ganz gut funktioniert. Auf gewisse Kämpfe muss man sich einstellen, man wird als böse Mama dargestellt, wenn man wieder in Vollzeit arbeiten will.

Der oftmals befürchtete Karriereknick blieb bei mir aus.

Ich konnte nach den 1,5 Jahren Auszeit nahtlos anknüpfen. Es war mir wichtig, dass ich mich im Job weiterentwickeln kann, dass ich meine Karriere fortführen kann, aber gleichzeitig genug Zeit habe, eine gute Mama zu sein. Schwieriger wurde es dann wieder mit dem Wechsel in die Schule. Wir standen vor der Herausforderung, dass unsere Tochter um 12 Uhr mittags nach Hause kommt und sich jemand kümmern muss.

Wir haben zum Glück per Zufall eine Ganztags-Privatschule gefunden – das Konzept hat uns überzeugt. In der Privatschule ist unsere Tochter heute noch. Uns hat die Lösung überzeugt, weil die Schule zweisprachig ist und weil alle Kinder bis 15:45 Uhr Schule haben. Dadurch kann sich ein Gefühl der Benachteiligung (‚die anderen können schon viel früher heim‘) erst gar nicht einstellen und alle Kinder bleiben gleich lang.

Das hat mir ermöglicht, weiterzuarbeiten.

Hätte es diese Schule nicht gegeben, wäre das ein Problem gewesen. Die aktuelle Situation der Kinderbetreuung in den deutschen Großstädten ist ein absolutes No-Go! Die Eltern werden einfach mit ihren Sorgen allein gelassen. Eine Nachmittagsbetreuung müsste meines Erachtens für jede Frau, für jede Familie, zugänglich sein.

Die Schule bringt wieder neue Herausforderungen mit sich, wie z.B. Hausaufgaben oder Freizeitprogramm am Nachmittag. Ein großer Vorteil ist, wenn man einen Arbeitgeber hat, bei dem man sich die Zeit flexibel einteilen kann. Dass es zum Beispiel möglich ist, dass du mal drei Stunden am Nachmittag nicht da bist und du die Stunden am Abend dranhängen kannst. Ich glaube, es ist in so einer Phase einfacher, einen Chef oder eine Chefin zu haben, die oder der selber Kinder hat.

Mittlerweile ist meine Tochter fast 14.

Es wird einfacher, weil die Kinder natürlich selbstständiger werden. Sie können sich selbst ein Müsli machen oder auch schon mal alleine mit der Bahn zum Arzttermin fahren. Irgendwie hat man dann sogar das Gefühl, sie wollen gar nicht mehr, dass Mama immer dabei ist.

Mittlerweile habe ich ganz viele junge Mütter in meinem Team (gehabt). Sie haben vor der Schwangerschaft sogar ganz offen mit mir darüber gesprochen und mich gefragt, was ich davon halte. Ich kann wirklich jede Frau nur dazu ermutigen, stark zu sein und zu sagen: Ich schaffe Kind und Arbeit. Ich gestalte mir mein Leben und mein Umfeld so, dass ich glücklich bin. Aber …

Als Mutter hatte ich so oft ein schlechtes Gewissen.

Ich habe mich schon gefragt: Habe ich genug Zeit für unser Kind? Habe ich wirklich alles getan, damit sie richtig aufwächst? Habe ich sie genug gefördert und, und, und? Unsere Tochter hat einmal zu mir gesagt: ‚Mama, ich werde nie arbeiten gehen!‘ ‚Okay‘, habe ich gesagt, ‚warum? Du musst irgendwann arbeiten gehen, ich kann dir nicht die ganze Zeit dein Leben bezahlen.‘ Sie hat gesagt: ‚Dann habe ich nie Zeit für mein Kind.‘ Boom, das war ein Schlag ins Herz.

Wir haben begonnen, darüber zu sprechen und dieser Dialog war wahnsinnig wichtig. Ich war dann sogar froh, weil ich ihr erklären konnte, wie es mir dabei geht und was meine Perspektive ist. Heutzutage aber ist sie schon auch stolz, eine Mama zu haben, die einen coolen Job hat, der ihr Spaß macht. Manchmal sitzt sie im Publikum und schaut sich Mama auf dem Podium an.

Wir sollten immer offen und ehrlich mit unseren Kindern sprechen

Warum es wichtig ist, als Frau zu arbeiten? Ich wollte schon immer unabhängig sein und finde es wichtig, diese Lebenseinstellung an unsere Tochter weiterzugeben. Viele tolle Gespräche haben wir seitdem geführt. Ich glaube, Mädchen ab 12/13 Jahren, die verstehen das schon und können sich eine eigene Meinung bilden und sich an ihren Müttern orientieren. Ich versuche immer, ein Vorbild zu sein und unsere Tochter darin zu stärken, ihren Weg zu gehen.

Außerdem sollten wir Frauen im Job aufhören, uns dauernd Vorwürfe zu machen, dass man zu wenig Zeit für die Kids hätte. Das musste ich schmerzlich lernen, als ich vor eineinhalb Jahren an Brustkrebs erkrankt bin. Mein erster Gedanke war: ‚shit, jetzt habe ich noch weniger Zeit.‘ Mein zweiter Gedanke war: ‚mach dich jetzt bloß nicht verrückt!‘

Eine Krebs-Diagnose ist immer ein Schock.

Ich konnte zum Glück die meiste Zeit arbeiten. Manchmal ging es nicht wegen der Chemotherapie, aber ich fand es wichtig, mitten im Leben zu bleiben, mich nicht den ganzen Tag auf Brustkrebs zu konzentrieren, sondern auf das Leben, das vor mir liegt.

Für unsere Tochter war meine Erkrankung – besonders am Anfang – schon schwierig. Sie konnte mit der Diagnose wenig anfangen und wusste nicht, was das heißt. Ich habe immer offen mit ihr über alles gesprochen und ihr versichert: Ich werde wieder gesund! Mittlerweile weiß ich gar nicht mehr, woher ich in manchen Situationen die Kraft genommen habe, allem gerecht zu werden.

Man entwickelt Superkräfte – oder besser Überlebenskräfte?

Was mir extrem geholfen hat, waren mein Mann, unsere Tochter, unsere Familie und unsere Freunde. Die waren einfach immer da. Und ja, ein Job, bei dem ich wusste, dass ich gebraucht werde. Ich habe im Job sehr transparent über meine Erkrankung gesprochen. Vorher hatte ich mitbekommen, dass Mitarbeiterinnen im Konzern das gleiche Schicksal hatten.

Sie haben es aber keinem erzählt und dieses Gefühl, das zurückhalten zu müssen, muss unglaublich schwierig sein. Wenn man offen mit der Erkrankung umgeht, kommen Menschen auf einen zu und das hilft, zu heilen. Ich habe mit dem ganzen Team, rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, immer sehr offen kommuniziert und sie auch immer wieder ins Boot geholt, wie es mir geht.

Ich bin kein Mensch, der sich oft auf die Couch setzt und in Ruhe ein Buch liest.

Irgendwie habe ich immer was zu tun. Aber, ich verstehe auch jeden Erkrankten, der sagt: Ich will mich zurückziehen, ich muss mich jetzt auf mich konzentrieren, damit ich gesund werde. Diese Entscheidung darf hoffentlich jeder selbst treffen. Die Reaktionen auf meine Offenheit und dass ich weitergearbeitet habe, waren zu 99 Prozent positiv. Aber, es gab auch verletzende Stimmen: ‚Warum arbeitest du überhaupt? Und, warum muss ich mir dein Elend anschauen?‘

Krass. Ohne Worte. Sowas gab es auch, aber zum Glück nur einmal – und ich habe es ignoriert. Genauso wie ich damals ignoriert habe, dass mir viele gesagt haben, wenn du ein Kind kriegst, dann ist deine Karriere vorbei. Gewisse negative Erlebnisse darf man auch mal ausblenden, man muss seinen eigenen Weg gehen.

Zum Glück habe ich schon immer gewusst, was ich will.

Ich habe mich nur selten von meinem Weg abbringen lassen. Wenn ich doch mal von meinem Weg abgekommen bin, habe ich es meistens irgendwann gemerkt, danke für die Erfahrung gesagt, bin umgekehrt und habe die andere Straße genommen. Man muss an sich glauben! Wenn man das als Frau in der Kindheit nicht gelernt hat, dann sollte man das möglichst schnell lernen. Wir sind einfach so tolle, einzigartige Wesen. Ich habe an mich geglaubt und habe trotz meiner Erkrankung einen weiteren Karriereschritt gemacht.

Zum Glück bin ich heute gesund. Ich habe aber auch ein paar Dinge in meinem Leben geändert, bin achtsamer mit mir selbst geworden. Ich meditiere (das hätte ich früher nie gedacht), ich mache noch regelmäßiger Sport und ich versuche, mich gesund zu ernähren und gönne mir Zeit für mich selbst.

Über gewisse Dinge rege ich mich auch einfach nicht mehr auf…

Ich sage jetzt immer ‚Family first‘. Hört sich blöd an, aber früher hätte ich vielleicht einen Businesstrip gemacht, wenn mein Mann Geburtstag hatte. Heute mache ich das nicht mehr. Letztendlich sind deine Partnerschaft, deine Kinder, deine Eltern und deine Freunde – also Familie – wirklich das Allerwichtigste, was dich durchs Leben trägt. Der Job darf dann gerne danach kommen.

Mein Fazit: Viel Spaß beim Kinder kriegen!

Ich möchte Frauen Mut machen, denn ihr könnt beides: Mutter sein und Karriere machen. Lasst euch nicht von verständnislosen Chefs oder veralteten Frauenbildern in unserer Gesellschaft oder von Familie und Freundeskreis stoppen. Geht euren Weg! Den Weg, der euch glücklich macht, und gebt unseren Töchtern all die tollen Erfahrungen weiter, damit sie wachsen können.”


Liebe Alexandra, vielen Dank, dass wir deine Geschichte erzählen durften. Wir wünschen dir und deiner Familie alles Liebe für die Zukunft!

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Lena Krause
Ich lebe mit meinem kleinen Hund Lasse in Hamburg und übe mich als Patentante (des süßesten kleinen Mädchens der Welt, versteht sich). Meine Freundinnen machen mir nämlich fleißig vor, wie das mit dem Mamasein funktioniert. Schon als Kind habe ich das Schreiben geliebt – und bei Echte Mamas darf ich mich dabei auch noch mit so einem schönen Thema befassen. Das passt einfach!

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