„Ich habe mein Kind weggegeben – und es fühlt sich richtig an!“

Für die meisten von uns ist es unvorstellbar, uns von unseren Kindern zu trennen.  So ging auch unserer Echten Mama Linda. Doch dann kam alles anders.

„Ich weiß, dass mich viele von euch nicht verstehen werden.“

„Ich habe meinem Sohn weggegeben. Es war allein meine Entscheidung. Und niemand kann mich dafür so hart verurteilen, wie ich selbst es tue. Wie ich damit klarkomme? Indem ich mich immer wieder daran erinnere, dass es das Beste für ihn war. Denn im Grunde bin ich mir sicher, für mein Kind das Richtige getan zu haben.

Meine eigene Kindheit war nicht schön. Meiner Mutter rutschte bei jeder Kleinigkeit die Hand aus. Genauso oft beschimpfte und beleidigte sie mich. Sie war sehr launisch. Ich wusste nie, was mich erwarteten würde, wenn ich nach Hause kam. Da habe ich gelernt, ,brav‘ zu sein, mich allem anzupassen. Sobald ich konnte, zog ich von zu Hause aus – und hatte dann erstmal eine ziemlich wilde Phase. Es war wohl so eine Art Befreiungsschlag. Ich hangelte mich von einem miesen Job zum anderen, schlief mit den falschen Männern. Ich glaube, ich habe ihre Anerkennung gesucht, um das Gefühl zu haben, überhaupt etwas wert zu sein. Von einem dieser Männer wurde ich schwanger – trotz Pille. Vielleicht war die Magen-Darm-Erkrankung Schuld, die ich ein paar Tage vor dem Sex hatte.

Natürlich habe ich über eine Abtreibung nachgedacht. In dieser Situation ein Kind? Unmöglich! Ich lebte in einem winzigen WG-Zimmer und hatte nichts.  Allerdings war ich bereits im dritten Monat, als ich mitbekam, dass ich schwanger bin. Die Ärztin hat mir im Ultraschall den Herzschlag gezeigt. Die verschwommen Umrisse drumherum hatten schon fast die Form eines richtigen Babys. Mit einem Mal konnte ich es nicht mehr ,wegmachen‘ lassen. Plötzlich fand ich den Gedanken sogar richtig schön, dass dort ein kleiner Mensch darauf wartete, zu mir zu gehören.

Es war schnell klar, dass der Vater des Kindes sich nicht einbringen würde.

Und ich war so doof oder so stolz, ihn nicht als Erzeuger eintragen zu lassen. Das war’s dann mit den Alimenten. Eine ganze Weile schlug ich mich noch durch. Ich wollte es für mein Kind auf die Reihe bekommen, begann eine Ausbildung. Was ich damit verdiente, reichte jedoch nicht, um davon zu leben. Ich wusste nicht, wie ich uns beide alleine durchbringen sollte, deshalb zog ich kurz nach Leons Geburt wieder bei meiner Mutter ein.

Mein Vater war inzwischen gestorben, und anfangs schien sie richtig froh zu sein, dass sie wieder Gesellschaft bekam. Ich schöpfte Hoffnung. Vielleicht würde es sie erweichen, Oma zu sein? Doch bald kam ihre alte Gehässigkeit wieder durch, einmal verpasste sie mir sogar eine heftige Ohrfeige. Statt dass ich mich wehrte und ihr endlich die Meinung sagte, wurde ich krank – nicht körperlich, aber seelisch. Das hing vielleicht auch damit zusammen, dass in der Wohnung meiner Eltern alles wieder aufbrach, was früher schiefgelaufen war.  Meine Mutter verlangte, dass ich mich nicht so anstelle. Und ich versuchte wirklich, mich zusammenzureißen.

Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass Depressionen wirklich eine Krankheit sind.

Bis dahin wusste ich nicht, warum ich das Gefühl hatte, gar nicht wirklich da zu sein. Manchmal sah ich mein Leben wie durch Milchglas. Oder ich saß heulend neben meinem schreienden Kind und nahm es nicht hoch – aus Angst, es zu schütteln. Ich fürchtete, dass ich ihm weh tun könnte, wie meine Mutter mir weh getan hatte. Manchmal war ich auch kurz davor, mir selbst etwas anzutun. Wir hangelten uns irgendwie durch, bis Leon anderthalb Jahre alt war.

Wir lebten in einer bedrückenden Atmosphäre, und er weinte viel. Als ich begriff, dass nicht nur ich unglücklich war, sondern auch dieser kleine unschuldige Junge, war mir klar, dass ich Hilfe brauchte. Ich informierte das Jugendamt, das schnell eine liebevolle Pflegefamilie für Leon fand. Als ich seinen Teddy und sein liebstes Schnuffeltuch in meinen einzigen Koffer packte, weinte ich nicht einmal, das kam erst später. Zunächst funktionierte ich, aber ich glaube, eigentlich stand ich unter Schock. Eine Mutter tut so etwas nicht, oder?

Seine Pflegefamilie war sehr nett – und trotzdem konnte ich sie nicht mögen.

Es war einfach zu schmerzhaft, zur bloßen Besuchsmutti zu werden. Aber ich nutzte die Zeit seiner Abwesenheit, um mein Leben auf die Reihe zu bekommen. Ich zog bei meiner Mutter aus, machte meine Ausbildung zu Ende, fand einen Job. Mir half der Gedanke, all dies für ihn zu tun. Doch am Ende war viel Zeit vergangen. Leon feierte bereits seinen fünften Geburtstag und war in seinem neuen Leben angekommen, als ich so weit war, ihn zurückzuholen.

Ich wusste, dass seine Pflegeeltern Angst hatten, ihn wieder hergeben zu müssen. Trotzdem habe ich mich nie dazu bereit erklärt, ihn zur Adoption freizugeben. Ich konnte nicht auf mein Recht verzichten, Leons Mutter zu sein. Und jetzt war ich doch endlich so weit, für ,meinen‘ Jungen so da zu sein, wie er es verdiente, oder? Doch ich konnte meine Augen nicht vor der Realität verschließen: Es hätte Leon unendlich weh getan, sich von seiner Pflegefamilie zu trennen. Er sah zu seinen beiden älteren ,Geschwistern‘ richtig auf – sie und die Eltern gingen so liebevoll mit ihm um. Er sagte Mama und Papa zu ihnen. Anständigerweise haben sie mich vorher gefragt, ob mir das Recht ist. Ich willigte ein, obwohl es mir das Herz brach. Er sollte sich neben den leiblichen Kindern nicht wie ein Fremdkörper fühlen.

Und wenn ich genauer hinsah, ahnte ich, dass sie für ihn wirklich seine ,echte‘ Familie waren. Nur wahrhaben wollte ich es nicht.

Pflichtschuldig gab Leon mir Küsschen. Vielleicht freute er sich sogar, mich zu sehen, hoffentlich nicht nur, weil ich oft kleine Geschenke dabei hatte. Aber das Zuhause-Gefühl, nach dem ich mich selbst mein Leben lang gesehnt hatte, das empfand er bei ihnen. Gerade habe ich seinen Pflegeeltern deshalb gesagt, dass ich in eine Adoption einwillige. Sie waren überglücklich, aber für sie habe ich es nicht getan. Leon sollte die Sicherheit haben, die ich nie hatte. Die Eltern haben mir direkt versprochen, dass ich Leon weiterhin regelmäßig sehen darf. Ich werde das Angebot nutzen, solange Leon mich ohne Zwang lässt. Aber ich ahne, dass er irgendwann nicht mehr soviel Interesse an seiner ,Bauchmama‘ haben wird. Ihn endgültig herzugeben war die schlimmste und schwerste Entscheidung meines Lebens. Aber ich bleibe dabei: Für ihn war es die Richtige!“

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Liebe Linda, vielen Dank für deine Geschichte. Wir wünschen Dir und Deiner Familie alles Liebe für die Zukunft!

WIR FREUEN UNS AUF DEINE GESCHICHTE!
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Jana Stieler
Ich lebe mit Mann und Sohn im Süden Hamburgs – am Rande der Harburger "Berge" (Süddeutsche mal kurz weghören: Der höchste Punkt misst immerhin sagenhafte 155 Meter ü. M.). Wenn ich nicht gerade einen Text verfasse, liebe ich Outdoor-Abenteuer mit meiner Familie, lange Buch-Badewannen-Sessions mit mir allein und abendliches Serien-Binge-Watching.

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Jasmin
Jasmin
3 Monate zuvor

Meine Pflegeeltern waren nicht viel besser als meine leiblichen Eltern. Auch dort erlebte ich Gewalt, Beleidigung, Ablehnung und am Ende die „Abschiebung“ weil ein Adoptivbaby dazu kam.
Trotzdem habe ich mir lange gewünscht das meine biologische Mutter mich zur Adoption freigegeben hätte.
Den sie wollte mich nicht zurück. Sie hat mich auch nie besucht oder sich für mich interessiert.

Jetzt viele Jahre später wo ich selbst längst Mutter bin muss ich sagen es hätte nichts geändert. Ich hätte so oder so eine zerstörte Kindheit, Familie gehabt und würde die Narben davon tragen.

Patricia
Patricia
2 Jahre zuvor

Liebe Linda, trotz allem bist du seine Mama. Überlege es dir gut, einen solchen entgültigen Schritt kannst du nicht rückgängig machen. Ich könnte mir vorstellen, dass es auf lange Sicht, jetzt wo du dein Leben für Leon auf die Reihe bekommen hast, wichtiger ist dass Leon bei dir aufwächst. Er ist erst 5 Jahre alt…