„Ich bringe mein Kind im Lockdown in die Kita – obwohl ich arbeitslos bin“

„Ich wohne in NRW und ‚darf‘ mein Kind auch im Lockdown in die Kita bringen, aber der Aufschrei wird bestimmt trotzdem riesig sein. Denn ich bringe mein Kind in diesen Zeiten in die Kita, obwohl ich arbeitslos bin.

Wie kann sie nur? Wie unsolidarisch, gefährlich und egoistisch! Sie ist doch den ganzen Tag zu Hause und hat auch nur ein Kind.

Glaubt mir, das sind auch die Dinge, die ich mir selbst vorwerfe. Ich habe kein Homeoffice, kein Homeschooling und auch kein Baby zu Hause. Ich habe nur meinen wundervollen und lebhaften anderthalbjährigen Jungen. Trotzdem möchte ich nicht dafür verurteilt werden, dass ich mein Kind in die Kita bringe, denn ganz so einfach ist es nicht.

Um mich zu verstehen, muss man meine Situation genauer betrachten.

Jetzt aber zu mir und meinem Sohn.

Als mein Sohn im Juli 2019 geboren wurde, bin ich ganz normal in Elternzeit gegangen. Ursprünglich wollten mein Mann und ich uns die Elternzeit fair aufteilen, jeder sieben Monate. Mein Mann hatte aber ein knappes Jahr vorher beruflich gewechselt und steckte in einem sehr wichtigen Projekt. Also haben wir uns geeinigt, dass ich 12 Monate nehme und mein Mann ganz klassisch am Ende zwei Monate, um unseren Sohn in die Kita einzugewöhnen. Ich wusste, ich bekomme einen 45-Stunden-Platz, also war ich entspannt. Man konnte mich nicht kündigen.

Ich konnte in meinen alten Job zurück. Dann kam 2020 und Covid-19. Meinem Unternehmen ging es schlecht, ab April führte ich immer wieder Gespräche mit meiner ehemaligen Chefin. Die Aussichten waren bitter, max. 15 Stunden könnte sie mir anbieten. Aber das war keine Option, da würde ich ja mehr Arbeitslosengeld bekommen, finanziell wäre das eine Katastrophe.

Der Sommer kam und ich musste eine Entscheidung treffen.

Ich habe einen Doktortitel in Biologie. Mikrobiologie, Infektionsprävention und Hygiene waren meine Schwerpunkte. Ich habe dieses Jahr sogar noch Teile meine Doktorarbeit mit Kollegen international veröffentlicht. Wir wurden in vielen deutschen Zeitschriften zitiert. Warum ich das dazu schreibe? Das sind alles Dinge, die jetzt, in dieser Pandemie, gebraucht werden. Ich zweifelte nicht daran, dass ich eine neue Arbeit finden würde.

Also einigte ich mich mit meinem Arbeitgeber auf eine Abfindung mit Aufhebungsvertrag. Ich war voller Tatendrang und hatte Lust auf etwas Neues. Die Infektionszahlen waren ziemlich weit unten und ich glaubte nicht daran, dass sie im Herbst wieder so stark ansteigen würden. Mein Mann war noch in Elternzeit, hätte diese eventuell verlängern können, hätte mir den Rücken freigehalten. Außerdem hatten wir eine super Kita und ein noch besseres soziales Netz. Dachte ich.

Doch auf meine Bewerbungen kam nur eine Absage nach der anderen.

Zwischenzeitlich musste ich mich noch drei Monate mit der Arbeitsagentur um mein Geld streiten. Es stand um Raum, dass ich eine Sperre erhalten, weil ich einen Aufhebungsvertrag angenommen habe und nicht gekündigt wurde. Mein Arbeitgeber und ich mussten ausführlich Stellung nehmen, dass ich trotzdem gekündigt worden wäre.

Im Herbst 2020 wurde ich langsam nervös, die Covid-19 Fallzahlen stiegen und ich saß immer noch zu Hause. Mein Gemütszustand pendelte zwischen ‚zum Glück bin ich zu Hause‘, da mein Sohn häufig erkältet war (die typischen Schnupfnasen zu Beginn einer Kita Kariere) und Traurigkeit über jede Absage. Ich fing an, meinen Sohn im Lebenslauf nicht mehr zu erwähnen und tatsächlich wurde ich so immerhin zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Aber sobald klar wurde, das mein Sohn in der Kita war, kam die Absage. Natürlich wurden offiziell immer andere Gründe genannt.

Dann kam der zweite Lockdown.

Für mich war klar, dass ich anderen Eltern in der Kita den Vortritt lasse und mein Kind selbst betreue. Wir reduzierten im Dezember unsere Kontakte auf das absolute Minimum. Wir als Familie wollten schließlich alles tun, um das Virus zu bekämpfen. Ich als Biologin weiß, wie wichtig das ist. Ich nehme es ernst. Die zwei Wochen vor Weihnachten haben mein Sohn und ich gut überstanden – auch wenn es immer langweiliger wurde. Danach hatte mein Mann erstmal zwei Wochen Urlaub.

Ich schrieb wieder Bewerbungen, jetzt auch an Labore zum Corona-Proben-Pipettieren. Aber wieder bekam ich nur Absagen. Dabei wird doch in diesem Bereich dringend Personal gebraucht. Ich merkte, wie ich immer mehr an mir selber zweifelte. Aus meiner Familie kamen auch immer wieder Sätze wie ‚Du bist doch Biologin, die brauchen dich! Warum bist du immer noch arbeitslos?‘ Ja, warum eigentlich?

Diese Frage konnte ich mir doch nicht mal selbst beantworten.

Wie gesagt, ich bin top ausgebildet, war an den besten Unis, Bachelor in Köln, Master in Düsseldorf und München, Doktor in München, Halle und Coimbra (Portugal). Aber es reicht dennoch nicht. Ich merkte, wie ich immer depressiver wurde, meinem Sohn nicht mehr gerecht wurde. Er ist ein Kind, das sehr viel Action braucht. Er liebt es, mit anderen durch die Gegend zu rennen und zu spielen. Aber ich konnte ihm das nicht geben, weil ich mich immer deprimierter und trauriger fühlte.

Ich befand mich in einem Teufelskreis und wurde immer einsamer. Mein Mann merkte das gar nicht. Er ist den ganzen Tag arbeiten, trifft Menschen und hat so seine sozialen Kontakte. Dann kommt er abends nach Hause und freut sich auf seinen Sohn. Aber für mich, als kommunikativen Menschen, ist die Einsamkeit nur schwer zu ertragen. Also entschied ich nach fünf Wochen schweren Herzens, dass ich unseren Kleinen wieder für drei Tage die Woche in die Kita gebe.

Und wisst ihr was, das war eine super Entscheidung.

Meinem Sohn geht es besser und ich kann mich viel besser um mich kümmern. Eine Anstellung ist immer noch nicht in Sicht, es regnet immer noch Absagen. Aber mein Sohn muss jetzt die traurige Mama nicht immer sehen. Ich kann drei Tage ‚weinen‘, im Anschluss trockne ich meine Tränen und bin voll für meinen Sohn da. Was die Zukunft bringt? Ich weiß es nicht, hoffentlich einen Job und Gesundheit für alle.

In meinen Augen ist die geistige Gesundheit genauso wichtig wie die körperliche. Ich nehme das Virus ernst, aber auch die seelische Gesundheit von meinem Sohn und mir. Das ist also der Grund warum ich meinen Sohn in die Kita gebe. Wir Mamas sind auch nur Menschen und auch wir können manchmal einfach nicht mehr.

Die Gründe können so vielfältig sein, wie Kinder es sind.

Liebe Mamas da draußen, holt euch Hilfe, wenn es nicht mehr geht. Schämt euch nicht diese anzunehmen, auch wenn ihr denkt, dass sie euch nicht zusteht, weil andere es vielleicht noch schwerer haben. Das ist egal, es geht um euch und nicht um die anderen.“

Liebe Mama (echter Name ist der Redaktion bekannt), vielen Dank, dass Du Deine Geschichte mit uns geteilt hast. Wir wünschen Dir und Deiner Familie alles Liebe!

WIR FREUEN UNS AUF DEINE GESCHICHTE!
Hast Du etwas Ähnliches erlebt oder eine ganz andere Geschichte, die Du mit uns und vielen anderen Mamas teilen magst? Dann melde Dich gern! Ganz egal, ob Kinderwunsch, Schwangerschaft oder Mamaleben, besonders schön, ergreifend, traurig, berührend, spannend oder mutmachend – ich freue mich auf Deine Nachricht an lena@echtemamas.de.

Lena Krause

Ich lebe mit meinem kleinen Hund Lasse in Hamburg und bin dort immer gerne im Grünen unterwegs.

Auch wenn ich selbst noch keine Mama bin, gehören Babys und Kinder zu meinem Leben dazu. Meine Freundinnen machen mir nämlich fleißig vor, wie das mit dem Mamasein funktioniert und ich komme als „Tante Lena“ zum Einsatz.

Seit ich denken kann, liebe ich es, zu schreiben – und bei Echte Mamas darf ich mich dabei auch noch mit dem schönsten Thema der Welt auseinandersetzen. Das passt einfach!

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