„Ich bin die Mama des ,schrecklichen Kindes‘ – und brauche eure Hilfe.“

Sicher kennst du auch ein Kind, dessen Name ständig auftaucht, wenn in der KiTa oder Schule etwas Doofes passiert ist. Manche Kinder können ihre Impulse einfach schlechter kontrollieren als andere. Wenn sie wütend sind, demolieren sie vielleicht Gegenstände oder hauen einfach zu. Klar, dass diese Kinder nicht gerade ganz oben auf der Liste stehen, wenn wir Geburtstagseinladungen verteilen.

Eine Mama (Name ist der Redaktion bekannt) hat uns erzählt, was es bedeutet, wenn dieses eine, „spezielle“ Kind das eigene ist.

Ich weiß, was ihr von mir denkt

„Vielleicht rollt ihr automatisch mit den Augen, wenn euer Kind euch wieder einmal erzählt, das XY jemanden gehauen oder getreten hat. Vermutlich seid ihr insgeheim dankbar, dass nicht euer Kind in das Bücherregal gepinkelt hat. Wahrscheinlich sorgt ihr euch darum, dass XY eurem Kind schaden könnte. Ich kann euch verstehen. Bitte verzeiht mir, dass ich mich trotzdem am meisten um XY sorge: Er ist nämlich mein Kind.

Wenn ich ihn aus der KiTa abhole, schaut ihr mich so seltsam an. Ich habe dann das Gefühl, in eure Köpfe blicken zu können. Bestimmt denkt ihr, ich sei nicht in der Lage, mein Kind zu erziehen und dass bei uns zu Hause etwas nicht stimmt. Manchmal schäme ich mich so sehr für meinen Sohn. Gleich danach schäme ich mich für mich selbst – weil eine Mama doch rückhaltlos zu ihrem Kind stehen sollte. Ich schäme mich aber auch, weil es doch immer die Schuld der Eltern ist, wenn ein Kind nicht „normal“ funktioniert, oder? Ihr versucht, eure Kinder von meinem Sohn fernzuhalten. Und wisst ihr, was das Schlimmste daran ist: Ich kann euch total gut verstehen – und wünschte doch, es wäre anders.

Ihr könnt euch unsere Einsamkeit nicht vorstellen.

Ihr wollt wirklich wissen, wie es bei uns zu Hause wohl läuft? Unser Sohn wurde nie geschlagen oder seelisch misshandelt. Wir haben achtsam seine Bedürfnisse beachtet, ohne ihnen dauernd nachzugeben. Wir haben uns so sehr bemüht, denn wir lieben dieses ,schreckliche‘ Kind. Um ihm zu helfen, haben wir alles ausprobiert. Wir haben empathisch seine Gefühle gespiegelt und ihm zugehört, wie es bedürfnisorientierte Eltern von mir gefordert haben. Ich habe geschimpft und konsequent enge Regeln gesetzt, wie es traditioneller orientierte Eltern empfahlen.

Sein Verhalten isoliert uns von anderen. Während ihr euch von euren Kindern (vermutlich leider wahre) Geschichten über unser Kind anhört, höre ich von XY, dass er mich hasst. Ich halte ihn davon ab, seinen kleinen Bruder zu kneifen, wenn er wieder nicht weiß, wohin mit seiner Wut. Noch häufiger lässt er seinen Frust allerdings an sich selbst aus. Dann reißt er sich an den Haaren oder boxt seine Hand gegen die Wand, bis die Fingerknöchel aufgeschürft sind, wenn ich nicht rechtzeitig dazwischen gehe. Warum er so ,verrückte‘ Dinge tut? Er fühlt sich sehr oft genauso unzulänglich, wie ihr ihn seht.

Er ist mehr als seine dunklen Momente

Aber es gibt auch so viele gute Momente. Manchmal spielt er stundenlang geduldig mit seinem kleinen Brüderchen und hilft ihm bei allen Problemen. An solchen Tagen sagt er mir ganz oft, dass er mich lieb hat. Dann macht er sich Gedanken um den Zustand der Welt. Bei aller Aggression ist er nämlich auch ganz schön sensibel. Deshalb ist er natürlich traurig, dass er so gut wie keine Freunde hat. Und natürlich ahnt er, dass es an ihm liegt – trotzdem kann er manchmal nicht aus seiner Haut raus.

Ich wünsche mir mehr von den guten Tagen. Und ich wünsche ihm so sehr, dass er Freund findet. Wie gerne würde ich ihm aus dem Teufelskreis befreien. Dadurch, dass er oft aggressiv ist, stößt er andere Kinder weg. Und wenn er sich abgelehnt fühlt, wird er noch aggressiver.

Vielleicht könnt ihr mir helfen?

Wenn er sich akzeptiert fühlt, gibt es viel mehr von diesen guten Tagen. Dafür brauche ich euch. Könntet ihr euch vielleicht vorstellen, uns zu helfen? Ihr müsst gar nicht viel tun. Mein Kind ist nicht eure Verantwortung, das weiß ich. Deswegen arbeiten mein Mann und ich jeden Tag sehr hart daran, ihm zu zeigen, dass wir ihn annehmen wie er ist. Wir setzen alles daran, ihm zu helfen, seine Energie in bessere Kanäle zu leiten. Wir wollen ihm dabei helfen, sich selbst besser zu verstehen und zu akzeptieren.

Genau wie ihr strenge ich mich jeden Tag an, meinem Kind einen guten Start ins Leben zu ermutigen. Der Unterschied ist, dass ich soviel mehr dafür tun muss. Bevor ich Mutter wurde, dachte ich genau wir ihr, dass sich mein Kind niemals so benehmen würde. Ich war mir sicher, dass es genügt, zu lieben, ein gutes Vorbild zu sein und vernünftige Grenzen zu setzen. Seid dankbar, falls das bei euch der Fall ist. Aber statt euch dauernd für eure tolle Erziehung auf die Schulter zu klopfen, zieht doch mal in Erwägung, dass ihr auch ein Stück weit Glück hattet.

Schon ein Lächeln von euch würde mir so gut tun

Ich bin eine von euch. Bitte tut mein Kind nicht als hoffnungslos ab. Sagt nicht: ‚Der ist halt so. Halt dich lieber von ihm fern.‘ Versucht es doch einmal mit: „Vielleicht hat er gerade ganz schön mit etwas zu kämpfen. Gib ihm doch noch einmal eine Chance.“

Vielleicht könnt ihr mir von Zeit zu Zeit aufmunternd zulächeln, statt verärgert oder verächtlich auf mich herabzusehen. Fragt fragt mich doch einmal, wie es mir geht – wie ihr es bei allen anderen Müttern macht – statt hinter meinem Rücken zu raunen, dass ich alles verkehrt mache. Es würde mir soviel bedeuten, wenn ihr mein Kind weiterhin berücksichtigt, wenn ihr alle anderen Kinder aus der Gruppe zum Geburtstag einladet. Vielleicht muss ich absagen, weil er einen schlechten Tag hat, aber bitte gebt ihn nicht auf.

Ich arbeite jeden Tag verdammt hart daran, dass es mehr von den guten Tagen gibt. Und ich bin so stolz darauf, wie auch unser Sohn sich immer wieder bemüht, etwas zu ändern. Wenn man einen Menschen erstmal in eine Schublade gesteckt hat, öffnet man diese Schublade nicht so schnell wieder. Dabei möchte ich euch bitten, genau das von Zeit zu Zeit zu tun. Vielleicht erhascht ihr dann ja auch mal einen Blick auf das, was ich sehe: einen eigenwilligen, kreativen, temperamentvollen kleinen Jungen, der sich richtig viel Mühe gibt, auch wenn ihm das ,Funktionieren` viel mehr Kraft abverlangt als anderen Kindern.“

Jana Stieler

Ich lebe mit Mann und Sohn im Süden Hamburgs – am Rande der Harburger „Berge“ (Süddeutsche mal kurz weghören: Der höchste Punkt misst immerhin sagenhafte 155 Meter ü. M.). Wenn ich nicht gerade einen Text verfasse, liebe ich Outdoor-Abenteuer mit meiner Familie, lange Buch-Badewannen-Sessions mit mir allein und abendliches Serien-Binge-Watching.

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