Gewalt im Kreißsaal: „Seien Sie still und stellen Sie sich nicht so an!”

Triggerwarnung

Der folgende Text beinhaltet Schilderungen einer Gewalterfahrung im Kreißsaal. Er behandelt also Inhalte, die für einige Menschen sehr beunruhigend oder verstörend sein könnten. Wenn du dich damit nicht wohl fühlst, solltest du den Text nicht lesen.


„Ich habe vier Kinder und bin inzwischen 40 Jahre alt. Das erste Kind bekam ich mit 19 Jahren. Es war nicht geplant, aber ich wollte es trotzdem bekommen. Von Schwangerschaft und Geburt hatte ich keine Ahnung und, um ehrlich zu sein, habe ich mich damit auch nicht weiter beschäftigt. Ich konnte bis zum Schluss nicht glauben, dass ich schwanger war.

Am Abend vor der Geburt habe ich noch das Kinderzimmer gestrichen und die Möbel aufgebaut. Ich war zwar in einer Beziehung, aber das war nicht der Erzeuger des Kindes. Der hielt sich so ziemlich aus allem raus. Ich ging abends ins Bett und wachte gegen sieben Uhr mit Rückenschmerzen auf. Mein Freund meinte, dass es los geht, aber ich glaubte ihm nicht und versuchte noch mal einzuschlafen.

Nach paar Minuten ging es wieder los und er packte mich und fuhr mit mir in die Frauenklinik.

Dort angekommen begann die Routineuntersuchung. Ich hörte nur, wie sie fragten, ob der Kreißsaal frei sei. Ich bat um eine PDA und man sagte mir: ‚Neee, dafür ist es schon zu spät. Der Kleine kommt jetzt.‘ Also ging es ohne Schmerzmittel in den Kreißsaal. Ich kann mich an nichts mehr ab da erinnern.

Mein Freund erzählte mir dann, dass ich die Hebamme in die Ecke getreten habe, weil ich die Beine nicht anwinkeln wollte. Und dass ich aufgehört habe zu pressen und eingeschlafen bin, als lediglich der Kopf draußen war. Ab da erinnere ich mich wieder, ein Arzt kam, sprach kein Wort und legte sich förmlich auf meinen Bauch. Er kletterte auf mir rum und diese Schmerzen waren schlimmer als die Wehen.

Dann kam das 1. Kind mit 4080 g zur Welt.

Ich hatte keinen Dammriss und geschnitten wurde ich auch nicht. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass das was der Arzt gemacht hatte, nicht in Ordnung war. Ich dachte damals, das muss so. 16 Jahre später hatte ich endlich den Mann gefunden, mit dem ich alt werden wollte. Eigentlich wollte ich keine Kinder mehr, aber irgendwie kam dann doch der Wunsch wieder hoch. Also versuchten wir es und es hat auch sofort geklappt.

Es wurde ein Junge, spontan geboren, 4880g, ohne gerissen oder geschnitten worden zu sein. Er wurde zwei Wochen vor ET geboren, da ich HELLP Syndrom hatte (eine schwere Verlaufsform einer Präeklampsie). Das war trotzdem die einzige Geburt, die perfekt lief. Ich hatte eine PDA und die Hebamme hat mich super unterstützt.

Ein Jahr später folgte dann Kind Nr. 3

Ich entwickelte eine Schwangerschaftsdiabetes. Die Frauenklinik nahm mich nicht, da sie keine Kinderklinik im Haus haben. Also musste ich in die städtische Klinik. Dort stellte ich mich zur Anmeldung vor. Zu der Zeit war es eine der besten Geburtskliniken in Deutschland, sie hatte auch eine super Kinderklinik. Ich war begeistert, aber das hielt nicht lange. Sie sagten der Kleine muss per Kaiserschnitt geholt werde, weil er zu groß ist und sonst stecken bleibt.

Dabei waren meine ersten beiden auch spontan zur Welt gekommen, völlig problemlos und von Gewicht und Größe fast gleich. Ich wollte den Kaiserschnitt nicht, aber sie ließen nicht ab. Die Ärzte erzählten mir, dass das alles mittlerweile schön ablaufen würde, nicht mehr so wie früher. Man sagte mir, dass ich meine Musik mitbringen kann und dass es direkt Bonding gibt und mein Mann die ganze Zeit bei mir bleiben kann. Ich ließ mich weichklopfen.

Drei Tage später, drei Wochen vor ET, lag ich im Krankenhaus und wurde für die OP vorbereitet.

Ich hatte meine Musik und meinen Mann dabei und habe vorher brav Milch ausgestrichen und gesammelt (vier Spritzen voll). Ich war stolz, freute mich, hatte aber auch Angst vor der OP. So dann ging es los. Ich fuhr Richtung OP, mein Mann musste sich umziehen. Ich gab der Schwester die CD, doch die guckte blöd und sagte: ‚Der Player geht nicht. Es gibt keine Musik.‘

Da bekam ich schon ein komisches Gefühl, da sie total genervt von mir zu sein schien. Im OP fragte ich dann nach meinem Mann und bekam zur Antwort, dass der erst später rein darf. Ich bekam immer mehr Angst und fing an zu weinen und zu zittern. Ein Pfleger hat sich rührend um mich gekümmert und versucht, mich zu beruhigen. Während die Schwester bereits zum fünften Mal ansetzte, um mir an der Hand einen Zugang zu legen.

Dabei hatte ich beim Vorgespräch schon gesagt, dass das da nicht geht.

Sie sollten es bei mir besser in der Armbeuge versuchen. Das sagte ich ihr auch. Sie meinte nur: ‚Ach, Paperlapapp, das muss‘, und drangsalierte mich weiter. Irgendwann hörte ich nur noch ‚Scheiß drauf.‘ Ich heulte und schrie die ganze Zeit nach meinem Mann. Sie steckte den Zugang anscheinend einfach unter die Haut, denn meine Hand wurde immer dicker. ‚Das geht dann schon weg‘, sagte sie nur.

In der Zwischenzeit versuchte der Anästhesist, mir zum vierten Mal die Spinalanästhesie zu legen und verfehlte ständig. Ich schrie und heulte weiter. ‚Seien Sie jetzt endlich still. Sie haben schon zwei Kinder bekommen. Also stellen Sie sich nicht so an‘, fauchte der Arzt. Der Pfleger redete auf mich ein, hielt mir die Hand und versuchte mich zu beruhigen. Dann lag ich da. Sie stachen mir in den Fuß: ‚Spüren Sie das?‘ Ich sagte: ‚Ja.‘

Also warteten sie noch einen Moment.

Kurze Zeit später fragten sie erneut, aber als ich wieder bejahte kam nur: ‚Das kann nicht sein, wir fangen jetzt an!‘ Da fing ich richtig an zu brüllen. Sie versuchten, mir Beruhigungsmittel zu geben, das ging aber nicht, weil Zugang nicht richtig lag. Trotzdem fingen sie einfach an zu schneiden, mein Mann durfte immer noch nicht herein. Ich schrie, dass ich das alles spüre. Doch der Arzt sagte nur: ‚Erzählen Sie nichts, das ist unmöglich!‘

Ich schrie so sehr, dass ich keine Ahnung mehr habe, was dann passiert ist, ob ich in Ohnmacht gefallen bin oder mein Kopf einfach abgeschaltet hat. Mein Mann durfte erst in dem Moment in den OP, als sie Mini herauszogen. Ich bekam ihn nicht zum Bonding. Sie nahmen ihn gleich weg. In der Zwischenzeit wurde ich sterilisiert.

Das war im Vorfeld abgesprochen, aber auch dazu wurde ich massiv überredet.

Als sie fertig waren, meinten sie nur: ‚Glückwunsch, Sie können ab jetzt zu 90 Prozent keine Kinder mehr bekommen. Das ist auch besser so, bei ihrer Phobie.‘ Sie haben mehrere Zentimeter Eileiter auf jeder Seite entfernt, verknotet und verödet. Im OP-Bericht stand, dass alles ohne Komplikationen verlaufen wäre und der Grund meines Kaiserschnitts eine Geburtsphobie sei. Das war erstunken und erlogen. Aber ich hatte keine Kraft, um mich dagegen zu wehren.

Nach einem halben Jahr kam erneut ein Kinderwunsch auf. Aber ich hatte ja die Sterilisation bekommen, die ich eigentlich gar nicht wollte. Ich ging in eine andere Klinik, um zu erfahren, ob man es rückgängig machen kann. Die lasen den OP-Bericht und schüttelte nur den Kopf. Statt ein paarZentimeter haben sie mir die Eileiter fast komplett entfernt, den Rest verknotet, verödet und zugeklammert. Die Ärztin meinte, dass der Arzt es wohl besonders sicher machen wollte.

Da sei nichts mehr rückgängig zu machen.

Ich fiel in ein ganz tiefes Loch. Ich war fertig. Meine letzte Hoffnung war, es über eine Kinderwunschklinik zu versuchen. Ich bekniete die Krankenkasse, die ablehnte. Ich legte Widerspruch ein und bekam ein Attest vom Arzt, dass es eine medizinisch notwendige Sterilisation war. Da mir aber die Klinik, in der diese durchgeführt wurde, das Attest verweigerte und ich es nur von meinem Gynäkologen bekam, lehnte die Krankenkasse wieder ab.

So kratzten wir unser letztes Erspartes zusammen und liehen uns etwas, um die Kinderwunschklinik selbst zu bezahlen. Es klappte auf Anhieb. Alles lief bestens. Ich wollte aber nie mehr in diese andere Klinik zurück. Also suchte ich mir eine neue. Ich befragte Freunde und Bekannte und kam schließlich zu einer super Klinik. Dort wurde mir auch gesagt, dass ich auch normal entbinden könne. Sie konnten die Empfehlung des Kaiserschnitts bei meiner letzten Geburt nicht nachvollziehen.

Ich hatte wieder die Schwangerschaftsdiabetes und mein Baby wuchs und wuchs.

Drei Wochen vor ET konnte ich nicht mehr laufen. Alles tat weh, aber ich wollte unbedingt normal entbinden. Aber auch in der neuen Klinik riet man mir dann doch davon ab, da das Kind wirklich sehr groß sei und meine Zuckerwerte sehr schlecht. Sie erklärten mir alles in Ruhe und ließen sich viel Zeit dafür. Deswegen konnte ich meinen Frieden damit schließen, dass es wieder ein Kaiserschnitt wird.

Ich erzählte ihnen, wie es mir vorher ergangen war und sie kümmerten sich rührend um mich. Mein Mann ist die ganze Zeit bei mir geblieben, keine Sekunde von meiner Seite gewichen. Ich hatte auch Bonding, alles war perfekt. Mein Kind kam mit 5160g, 58cm Länge und einem Kopfumfang von 39 cm auf die Welt. Für mich war das der beste Kreißsaal der Welt.

Ein Traum eben, der sich auf der Wöchnerinnenstation aber leider schnell in Luft auflöste.

Wegen meiner Schwangerschaftsdiabetes bekam mein Sohn direkt nach der Geburt Milch aus der Flasche, um nicht in Unterzuckerung zu kommen. Dass er gleich 30 ml trinken würde, hatte keiner geahnt. Somit war er so ziemlich den ganzen restlichen Tag satt und schlief. Doch als ich ihn zum Füttern wecken wollte, damit er nicht unterzuckert, haben die Schwestern mich nicht gelassen.

Sie speisten mich damit ab, dass er schlafen soll. Er meldet sich, wenn er Hunger hat. Ich hatte dabei kein gutes Gefühl, konnte aber wegen des Kaiserschnitts den Schwestern nicht hinterher, die ständig kamen, um mein Kind mitzunehmen, um es zu wiegen und Zucker und Temperatur zu messen. So kam, was kommen musste: nachts um zwei Uhr weckte man mich, der Kleine hat Unterzucker und muss auf die Intensiv.

Ab da begann der Horror.

Ich dachte die ganze Zeit nur daran, dass man meinem Kind, das alles hätte ersparen können, wenn jemand auf mich gehört hätte. Ich wurde auf der Station nur noch behandelt wie ein lästiges Anhängsel. Als ich Milch für mein Baby abpumpen wollte, wurde mir das verweigert. Meinem Mann wurde ständig unterstellt, er wäre länger als die erlaubten Stunden zu Besuch und mir wurde mit Konsequenzen gedroht.

Ich musste mit frischer Kaiserschnittnarbe alle zwei Stunden alleine auf die Neugeborenen-Intensiv laufen. Mit einer frischen Narbe nach einer Bauch-OP zu laufen, ist die reinste Qual. Wenn ich dann auf der Neugeborenen-Intensiv war, wurde auf der Wöchnerinnenstation nach mir gesucht, obwohl ich Bescheid gegeben hatte, wo ich bin. Trotzdem wurde ich jedes Mal zusammengestaucht, wo ich denn gewesen sei, ein Arzt hätte mich gesucht, oder die Stillhebamme, oder die Diabetesberatung.

Danke für die Kommunikation.

Mit Sprüchen wie: ‚Sie haben ja schon drei Kinder, stellen Sie sich nicht so an‘, oder ‚Wie kann man nur so rumjammern‘ und ‚wenn es Ihnen nicht passt, gehen Sie doch heim‘, hatte ich täglich zu kämpfen. Dabei wäre ich so gerne schon wieder zuhause gewesen, doch trotz Schmerzmittel konnte ich gerade mal fünf Schritte gehen. Meistens bin ich deswegen fast zur Neugeborenen-Intensiv gekrochen, um meinen Sohn zu sehen.

Besonders gemein: Meine Zimmernachbarin wurde von vorne bis hinten betüdelt. Sie war nur halb so alt wie ich, hatte nur ein Kind und durfte es die ganze Zeit bei sich haben. Ich fragte mich die ganze Zeit: Was habe ich euch getan? Womit habe ich das verdient, dass ich so viel schlechter behandelt werde?

Dann durfte ich mein Baby endlich mit nach Hause nehmen.

Alles schien gut, doch dann entwickelte er eine Gelbsucht und wir mussten wieder in die Klinik. Es waren die heißesten Tage des Jahres, wir waren eingesperrt in der Kinderklinik in einem Minizimmer und konnten die Fenster nicht öffnen. Also schwitzen wir uns zu Tode und trotzdem legten sie den Kleinen in ein Wärmebett, das sie ständig auf 40 Grad stellten. Das habe ich zwei Tage und zwei Nächte mitgemacht.

Sie wollten, dass wir noch länger bleiben, aber ich habe mich und mein Baby selbst entlassen und bin stattdessen regelmäßig zum Kinderarzt zur Kontrolle. Von der zuständigen Ärztin im Krankenhaus wurde ich als Rabenmutter hingestellt, weil ich gehen wollte. Sie versuchte noch, mich zum Bleiben zu überzeugen, indem sie mir einige Horrorgeschichten erzählte, die höchstwahrscheinlich passieren würden.

Nix ist passiert.

Wenigstens eine meiner vier Geburten war toll, auch wenn sie eingeleitet wurde und es mir gesundheitlich nicht so gut ging. Heute tröste ich mich damit, dass es allen meiner vier Kinder gut geht. Mittlerweile sind die drei Älteren 21, vier und drei Jahre alt und der Kleinste ist neun Monate alt.”


Liebe Mama (Name ist der Redaktion bekannt), vielen Dank, dass du uns deine Geschichte anvertraut hast. Wir wünschen dir und deiner Familie alles Liebe für die Zukunft!

Echte Geschichten protokollieren die geschilderten persönlichen Erfahrungen von Müttern aus unserer Community.

WIR FREUEN UNS AUF DEINE GESCHICHTE!
Hast Du etwas Ähnliches erlebt oder eine ganz andere Geschichte, die Du mit uns und vielen anderen Mamas teilen magst? Dann melde Dich gern! Ganz egal, ob Kinderwunsch, Schwangerschaft oder Mamaleben, besonders schön, ergreifend, traurig, spannend oder ermutigend – ich freue mich auf Deine Nachricht an [email protected]

Lena Krause

Ich lebe mit meinem kleinen Hund Lasse in Hamburg und bin dort immer gerne im Grünen unterwegs.

Auch wenn ich selbst noch keine Mama bin, gehören Babys und Kinder zu meinem Leben dazu. Meine Freundinnen machen mir nämlich fleißig vor, wie das mit dem Mamasein funktioniert und ich komme als „Tante Lena“ zum Einsatz.

Seit ich denken kann, liebe ich es, zu schreiben – und bei Echte Mamas darf ich mich dabei auch noch mit dem schönsten Thema der Welt auseinandersetzen. Das passt einfach!

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