Gendern, Rassismus & Co. – Woke-Wahnsinn oder faire Sprache?

Gendern & Co.: Woke-Wahnsinn oder faire Sprache?

Habt ihr auch in der vergangenen Woche in der BILD den Artikel über den „Woke-Wahnsinn“ gelesen? Beim Lesen könnte man meinen, dass alle bekloppt seien, die sich für einen sensibleren Umgang unter anderem mit der  Sprache einsetzen.

Der Grabenkampf um die political correctness eskaliert immer wieder. Dabei müsste er das vielleicht gar nicht, wenn wir einander mehr zuhören als übereinander urteilen würden?

Was heißt denn überhaupt Woke?

„Woke“ („wach“) – damit ist die zunehmende Sensibilisierung für Ungerechtigkeiten gemeint, etwa, wenn es um Rassismus oder um Geschlechteridentitäten geht. „Die umstrittene Bewegung nimmt für sich in Anspruch, alle Missstände auf der Welt zu kennen und die richtigen Lösungen gegen Rassismus und Diskriminierung zu haben“, schreibt die BILD. Im Artikel klingt es, als habe sich eine Gruppe von Menschen habe sich dazu verschworen, ihre Mitmenschen mit möglichst absurden Forderungen zu unterjochen: Die wollen uns Schach und Apfelkuchen wegnehmen!  So soll die ganze „Bewegung“ ins Lächerliche gezogen werden.

Dabei gibt es gar keine einheitliche Bewegung. Beispiel Apfelkuchen: Es war gerade mal ein einzelner britischer Journalist, der darauf aufmerksam gemacht hat, dass die Geschichte der beliebtesten amerikanischen Süßspeise damit begann, dass man genügend Zucker zur Verfügung hatte – für den Sklaven auf Plantagen schufteten.

Die Wunden gehen tief

Und wenn Bahlsen seine „Afrika“-Kekse umbenennen soll, scheint das vielleicht überzogen. Hinter der Namensgebung steckten keine Anspielungen auf die Hautfarbe, sondern afrikanische Kakaobohnen. Trotzdem hat das Unternehmen reagiert – und den Keksen einfach einen neuen Namen verpasst. Finde ich okay. Denn vielleicht zeigen gerade die überzogen wirkenden Forderungen besonders deutlich, wie tief manche Verletzungen sitzen, die nun endlich laut nach Heilung schreien.

Wie könnte ich mir anmaßen, darüber zu urteilen, wie berechtigt diese Empfindungen sind? Ich bin weiß, privilegiert – und habe nicht einmal aufgrund meines weiblichen Geschlechts nennenswerte Nachteile erlitten. Mir ist es wichtig, dass wir als Gemeinschaft gut zusammenleben und ich möglichst niemanden verletze. Deshalb halte ich es für meine Pflicht, mir die Forderungen anhören und so gut ich kann, darauf einzugehen.

Wie wär’s mit etwas mehr Toleranz auf allen Seiten?

Trotzdem denke ich manchmal: Wir reden zu viel darüber, wie etwas gesagt wird, statt darüber was gesagt wird. Deshalb verstehe ich sogar, wenn sich Menschen gegen den vermeintlichen „Sprachterror“ auflehnen. Leider werden moralische Entrüstung und die Forderung nach korrekter Sprache auch genutzt, um sich moralisch überlegen zu fühlen. Hier wünsche ich mir mehr Toleranz von allen Seiten –  außer von den Betroffenen. Die müssen nach allen erlittenen Diskrimierungen bestimmt nicht noch mehr Toleranz aufbringen.

Aber oft sind es weiße Priviligierte, die vor lauter Lust an der eigenen Betroffenheit noch lauter als alle anderen brüllen. Wenn jemandem entgangen ist, dass man gerade weiß  klein und kursiv, Schwarz aber groß schreibt. Weil jemand „dunkelhäutig“ sagt. Vermutlich hat derjenige aber gerade versucht, eine NICHT diskriminierende Formulierung zu benutzen – und verpasst, dass sich manche daran stören, weil es eine Bezeichnung ist, die weiße den Betroffenen aufgedrückt haben.

Kleines Geständnis am Rande: Dass ich diesen Begriff besser nicht mehr benutzen sollte, weiß ich auch erst, seit ich für diesen Artikel nach dieser Info gegoogelt habe, für die –  zu wenigen – Persons of Color in meinem Bekanntenkreis, geht diese Formulierung nämlich okay. Weitergeholfen hat mir ausgerechnet… räusper, vielleicht ist Ehrlichkeit ja auch schon ein guter Anfang… ein Beitrag für Kinder. .

Lasst uns lieber etwas verbessern, statt „besser“ zu sein

Natürlich sollte man immer den Mund auftun, wenn sich jemand verächtlich über Menschen äußert – aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung oder körperlicher Einschränkungen. Aber vielleicht muss man nicht jedem, der mal ungeschickt formuliert, eins mit der Keule drüber geben.

Damit tut man nur denen einen Gefallen, die sich über „Woke-Wahnsinn“ aufregen wollen. Und vergrault am Ende Menschen, die vielleicht sogar gerne mit an Bord wären – und nie jemanden diskriminieren wollten. Es soll ja darum gehen, gemeinsam etwas zu verbessern – statt eine kleine, exklusive Gruppe der „Besseren“ zu bilden und damit erneut Menschen auszugrenzen.

 

Sprache allein macht nicht alles besser

Ich habe schon gesagt, dass ich eine „korrekte“ Sprache nicht für die einzig wahre Lösung halte. Wir haben uns so an dieser Idee festgebissen. Fast so, als wären  Gleichberechtigung, Inklusion und Integration schon erreicht, wenn wir uns korrekt ausdrücken. Sprache kann aber die Prozesse nur unterstützen. Effektiver als Worte bewegen Handlungen etwas. 

Beispiel Gendern: Wenn es mehr Physikerinnen gäbe, würde man sie vermutlich tatsächlich mitdenken, wenn von Physikern die Rede ist. Ich bin mir zum Beispiel sicher, dass sich Angela Merkel immer mitgedacht gefühlt hat – ebenso wie andere ostdeutsche Frauen (eine Perspektive die übrigens nur sehr selten mitgedacht wird).  Für die war es nämlich lange Zeit normal, auch in „Männerberufen“ zu arbeiten – ohne sprachliche Anpassung. Vermutlich ist vielen von ihnen das Gendern ziemlich schnuppe. Nicht aus Ignoranz, sondern weil die Wahrnehmung eine andere ist.

Warum ich fürs Gendern bin, ohne daran zu glauben

Trotzdem plädiere ich dafür, „wach“ bei der Sprache zu sein, egal, ob es um Rassismus oder Geschlechtergerechtigkeit zu sein. Wenn dies der erste kleine Schritt ist, das Bewusstsein zu verändern und Verletzungen zu heilen – prima! Auch das Gendern soll gerne ein Teil davon seinSchließlich klaut mir ein Sternchen, ein Unterstrich oder ein Binnen-I auch nichts.

Ich wünsche mir nur, dass wir danach nicht darüber reden, warum „Niederlage“ weiblich und „Sieg“ männlich ist (selbst, wenn uns das insgeheim ärgern sollte) und uns immer tiefer in Sprachdebatten verstricken. Es ist jetzt wichtig, dass wir eine Sprache finden, in der sich so viele wie möglich angenommen fühlen wie sie sind. Aber selbst die ausgefeilte Vokabel bringt nichts, wenn sie nicht mit einer aufrichtig wertschätzenden Haltung einhergeht.

Ich habe es satt, dass sich immer nur bei Twitter, Facebook & Co. eine Filterblase über die andere auskotzt. Dass wir uns nur darauf fokussieren, was uns trennt. Dass bei einer abweichenden Meinung gleich der ganze Mensch verurteilt wird. Es wäre so schön, wenn wir uns jetzt schon die Hände reichen könnten – auch wenn wir uns bei Details, etwa der idealen Sprache, noch nicht einig sind.  Manche Themen sind zu wichtig, um die Ergebnisse von Sprachdebatten abzuwarten.  Zum Beispiel Klimawandel und die soziale Ungerechtigkeit gehen uns alle an – da brauchen wir alle Frau, alle Mann, alle Mensch, alle* an Bord – jetzt!

Jana Stieler

Ich lebe mit Mann und Sohn im Süden Hamburgs – am Rande der Harburger „Berge“ (Süddeutsche mal kurz weghören: Der höchste Punkt misst immerhin sagenhafte 155 Meter ü. M.). Wenn ich nicht gerade einen Text verfasse, liebe ich Outdoor-Abenteuer mit meiner Familie, lange Buch-Badewannen-Sessions mit mir allein und abendliches Serien-Binge-Watching.

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Chris Kah
Chris Kah
2 Jahre zuvor

Ich – alter weißer Mann – finde diese Debatte lächerlich. Im Grunde beruht die gesamte Diskussionsgrundlage ja nur darauf, dass irgendjemand nicht zwischen sprachlichem Sexus und geschlechtlichem Sexus unterscheiden kann. Dummerweise wird auch beides mit den gleichen Begriffen beschrieben: männlich und weiblich. Vielleicht tun wir der deutschen Sprache einen größeren Dienst, das zu ändern, als mit Binnen „i“, Sternchen und anderen nicht organisch aus der Sprache gewachsenen Albernheiten.
Von mir aus nennen wir den männlichen sprachlichen Sexus von nun an „orkisch“ und den weiblichen „elfisch“.
Dann wäre künftig die Sonne eflisch und der Mond orkisch. Niemand kann das dann mehr mit Männlein und Weiblein verbinden, es bringt ein wenig Magie in den Alltag und schlussendlich dürfen sich die Frauen freuen, dass ihr Sexus mit Elfen verglichen wird, während die der ehemalige männliche sprachliche Sexus die Katapulte nach Gondor ziehen darf.
Spaß beiseite:
Die Genderdiskussion beruft auf einem Irrglauben: Dass die Sprache das Bewusstsein formt. Wenn das so wäre, dürfte es ja in Ländern ganz ohne sprachlichen Sexus gar keine weibliche Diskriminierung geben. Wie wir wissen ist das nicht der Fall.
Es ist immer das Bewusstsein, dass der Sprache vorgelagert ist.
Und selbst die Aussage, dass ein Sternchen keinem Wehtut stelle ich in Zweifel. Mir tut schon einiges weh, wenn ich zusehen darf, wie aus unserer Muttersprache ein orwellsches Neusprech geformt wird. Wer 1984 nciht gelesen hat: Durch Sprachplanung sollen in der geplanten Sprache „Neusprech“ sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten beschränkt und damit die Freiheit des Denkens aufgehoben werden. Damals galt das noch als Dystopie.

Ob ich einen dunkelhäutigen Menschen „Neger“ nenne oder nicht ist völlig egal, solange ich ihn mit meinem Handeln und in meinem Herzen als gleichberechtigt empfinge und auch so behandle.
Das ist mir viel lieber als ihn mit einer scheinbar gerechten Sprache abzuspeisen, um ihm bei jedem Handelsvertrag erneut zu beweisen, für wie minderwertig ich ihn halte – und das ist leider das aktuelle Vorgehen unserer ach so hochmoralischen Gesellschaft.