Forscher meinen, wir sollen unsere Kinder erschrecken. Ernsthaft, jetzt?

Ich habe eine zweijährige Tochter und einen vierjährigen Sohn – und finde, dass unser Alltag reichlich Risiken birgt. Ob diese jetzt von der Umwelt bestimmt sind (wir müssen auf dem Weg zum Kindergarten drei Straßen überqueren) oder sie in der Natur der Sache liegen (die Kinder rumsen mindestens ein Mal am Tag mit ihren Köpfen zusammen) ist hier erstmal unerheblich.

Dabei bin ich absolut keine überbesorgte Mutter, die nicht loslassen kann und wie ein Helikopter unablässig über ihren Kindern kreist.

Ich war deswegen ziemlich überrascht, als ich auf eine neue Studie aus Australien, England und den Niederlanden gestoßen bin. Die Empfehlung der Forscher: Man solle Kleinkinder dazu ermutigen, absehbare Risiken einzugehen. Das würde die Chance verringern, dass Kinder später unter Ängsten leiden.

Die Wissenschaftler untersuchten dafür 312 Kinder im Vorschulalter. Eltern, die ihre Kinder „sichere“ Risiken eingehen ließen, litten später weniger häufig an einer Angststörung.

Gut, ich verstehe, dass die Forscher natürlich vorhersehbare Risiken meinten – und keine Handlungen oder Aktionen, bei denen das Kind sich und andere verletzt.

Trotzdem habe ich mich über die Beschreibung dieser angeblich kleinen Risiken geärgert. Zu diesen gehört, die Kinder „zu erschrecken, sie in einem hitzigen Spiel mit Körpereinsatz zu verwickeln oder sie ein Spiel verlieren zu lassen.“

Weitere Vorschläge: Die Kinder „üben lassen, sich zu behaupten, und selbstbewusst neue Situationen anzunehmen“.

Mit den letzten beiden Vorschlägen kann ich mich noch anfreunden, aber den Tipp, meine Kinder absichtlich zu erschrecken, finde ich fürchterlich. Meine Kinder werden schon nervös, wenn ich mich vor ihren Augen mit einer Decke als Gespenst verkleide und „Buh“ rufe. Und Spiele mit Körpereinsatz? Sorry, aber die hat jedes Kind, das in die KiTa geht oder Geschwister hat, täglich. Das brauche ich als Mama nicht noch zu fordern.

Auch wenn ich die Empfehlungen sehr unglücklich formuliert finde, verstehe ich natürlich, welche Botschaft die Forscher rüberbringen möchten: Wenn Kinder im Alltag kleine Kämpfe und Herausforderungen annehmen und diese meistern, entwickeln sie Selbstvertrauen und beugen Ängsten vor.

Meinen Vierjährigen zu ermutigen, das Klettergerüst eine Stufe höher als gestern zu erklimmen, macht also durchaus Sinn, wenn er das möchte. Es ist auch nicht nötig, bei jedem Streit zwischen ihm und seiner Schwester dazwischen zu gehen.

Zugegebenermaßen hat meine Kleine einige der wichtigsten Lektionen ihrer Lebens im täglichen Austausch mit ihrem älteren Bruder gelernt – dabei ist sie erst zwei Jahre alt: Größere (Brüder) sind zwar stärker und sie nehmen einen unvermeidlich in den Schwitzkasten, aber sie sind nicht unverwundbar.

Auf die Zerstörung eines ihres Lieblingsspielzeuge, wie zum Beispiel des neuesten Lego-Raumschiffes – reagieren auch sie mit Tränen.

Der schönste Moment nach der Geschwister-Katastrophe: Wenn die Tränen auf allen Seiten getrocknet sind, meine Tochter die zerstreuten Lego-Steine aufklaubt, sie ihrem Bruder in die Hand gibt und wir alle zusammen ein neues Raumschiff bauen.

So funktioniert Familie.

Tamara Müller

Als süddeutsche Frohnatur liebe ich die Wärme, die Berge und Hamburg! Letzteres brachte mich vor fünf Jahren dazu, die Sonne im Herzen zu speichern und den Weg in Richtung kühleren Norden einzuschlagen. Ich liebe die kleinen Dinge im Leben und das Reisen. Und auch wenn ich selbst noch keine Kinder habe, verbringe ich liebend gerne Zeit mit ihnen.

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