Fiebersaft & Co.: Darum sind Arzneien nur in Deutschland knapp!

Ganz Deutschland ist gerade krank. So kommt es einem zumindest vor, oder? Und auch unsere Kleinen sind schwer gebeutelt, ganze Kita-Gruppen und Schulklassen sind halbiert. Corona, das RS-Virus, die Influenza, Erkältungen – gefühlt haben die Viren sich noch nie so bunt gemischt und in dieser Intensität ausgetobt wie diesen Winter.

Diese Extremsituation lenkt, wie schon die Pandemie der letzten Monate und Jahre, Missstände in unserem Gesundheitssystem auf.

Kinderkliniken und Notaufnahmen sind so überlastet, dass sie entweder keine kleinen Patienten mehr aufnehmen oder sie in improvisierten Krankenzimmern warten lassen müssen. Das Krankenhauspersonal geht auf dem Zahnfleisch.

Ein weiteres Problem: Wichtige und „ganz alltägliche“ Medikamente werden knapp!

Viele Eltern mit kranken Kindern haben echte Probleme, fiebersenkende Mittel, verschriebene Antibiotika und andere Arzneien in den Apotheken ihrer Umgebung zu bekommen. Und auch online ist es ein echter Glücksfall, wenn man die Präparate findet:

Screenshot: docmorris.de

Apotheker berichten, dass sie Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um die nötigen Mittel für ihre kleinen Patienten zu besorgen:

Was bei Apothekern und Patienten dabei besonders für Unmut sorgt: In den meisten unserer Nachbarländer ist von einem Medikamenten-Engpass keine Spur!

Wie kann das sein!?

Bei den Fiebersäften für Kinder gibt es aufgrund des hohen Kostendrucks nur noch ganz wenige Hersteller, die den deutschen Markt versorgen – und die Nachfrage ist wegen einer erhöhten Atemwegsinfektionsrate bei Kindern in diesem Jahr stark angestiegen“,  wird Christian Splett, stellvertretender Sprecher der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e. V. (ABDA), von Business Insider zitiert.

Zur Erklärung: Preise für Arzneien sind reguliert, Hersteller können höhere Kosten nicht ohne Weiteres an Kunden weitergeben. Produzenten von Paracetamol-Fiebersäften erhalten laut Pro Generika seit rund zehn Jahren 1,36 Euro je Flasche. Der Wirkstoff sei aber in den vergangenen Jahren um 70 Prozent teurer geworden. Und auch andere Kosten – etwa für Energie und Versand – sind massiv angestiegen, gerade jetzt in der Krise.

Inzwischen ist nur noch ein Hauptanbieter für Paracetamol-Fiebersaft übrig, und auch Ibuprofen-Saft wird in Deutschland zum Löwenanteil von einem einzigen Konzern produziert.

Viele Medikamente, für deren Produktion Deutschland früher bekannt war, kommen inzwischen aus China und Indien zu uns.

Internationale Hersteller beliefern durch diesen strengen Preisdeckel natürlich lieber Länder, bei denen ihre Gewinn-Marge lohnender ist – verständlich, aber brisant für uns.

Zudem ist wohl die ungleichmäßige Verteilung der Arzneien innerhalb Deutschlands ein Problem.

Denn, so erklärt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfAuM): „aus den vorliegenden Daten kann kein Rückschluss auf einen Lieferabriss gezogen werden, es werden kontinuierlich Arzneimittel in den Markt gebracht.“

Natürlich gäbe es aber zudem aktuell einen deutlichen Mehrbedarf an den Arzneien, der nicht im vollen Umfang kompensiert werden könne.

Apotheken können Fiebersäfte theoretisch (und auch praktisch) selbst herstellen, wie wir hier schon berichtet haben.

Aber: „Das Anfertigen einer individuellen Rezeptur ist im Vergleich zur Abgabe eines Fertigarzneimittels sehr zeit- und personalaufwendig“, erklärt ABDA-Sprecher Christian Splett. „Notwendig ist auch ein separates ärztliches Rezept, damit die Krankenkasse auch die Kosten dafür trägt. Ob eine Apotheke eine solche Rezeptur anfertigt, muss im Einzelfall entschieden werden.“

Es bleibt also brenzlig und eine echte Nervenprobe, aktuell das passende Medikament zu bekommen.

Christian Splett weiß, was sich ändern muss, um solche Situationen künftig zu vermeiden. Er erklärt im Interview: „Die Apotheken brauchen dauerhaft – nicht nur in der Corona-Zeit – mehr pharmazeutische Entscheidungsfreiheit, damit sie schnell und unkompliziert ein tatsächlich vorrätiges statt eines nicht lieferbaren Arzneimittels abgeben dürfen. Für das Lieferengpass-Management brauchen die Apotheken auch dringend ein extra Honorar, um den hohen Zeit- und Personalaufwand stemmen zu können.“ Und: „Mittel- und langfristig brauchen wir in Europa wieder mehr Produktionskapazitäten für wichtige Medikamente, wie zum Beispiel Antibiotika.“

Laura Dieckmann

Als waschechte Hamburgerin lebe ich mit meiner Familie in der schönsten Stadt der Welt – Umzug ausgeschlossen! Bevor das Schicksal mich zu Echte Mamas gebracht hat, habe ich in verschiedenen Zeitschriften-Verlagen gearbeitet. Seit 2015 bin ich Mama einer wundervollen Tochter.

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