Diese Fehler machen bedürfnisorientierte Erziehung oft mühsam

Immer mehr Eltern entscheiden sich für eine bindungs- und bedürfnisorientierte Erziehung – und damit bewusst gegen Methoden wie Strafen oder Schimpfen. Das ist toll: Ist die Bindung gut und das Kind fühlt sich bedingungslos geliebt – auch wenn es sich mal nicht so verhält, wie gewünscht – hat es sehr gute Voraussetzungen, zu einem psychisch gesunden, selbstbewussten, glücklichen Erwachsenen zu werden. Doch leider gibt es einige Fehler, die wir Mamas immer wieder machen, wenn es um die bedürfnisorientierte Erziehung geht.

Hier habe ich mal die häufigsten Missverständnisse aufgeschrieben – und wie du sie in Zukunft vermeidest.

Die Bedürfnisse aller Familienmitglieder zählen. Auch Mamas!

Wir Mamas würden alles für unsere Mäuse tun. Gerade wir bedürfnisorientiert erziehenden Mütter stellen hohe Ansprüche an uns selbst. Wir wollen alles „richtig“ machen, um die wertvolle Bindung zu den Kleinen nicht zu gefährden. Leider tendieren wir dabei dazu, die Bedürfnisse des Kindes über unsere eigenen zu stellen: Wir opfern uns bis zur Erschöpfung auf. Ich kann ein Lied davon singen. Als mein Bruno ein kleines Baby war (ein sehr anspruchsvolles noch dazu), habe ich ihn trotz Rückenschmerzen stundenlang durch die Gegend getragen, ihn abends ewig in den Schlaf gesungen – und mich und meine Bedürfnisse dabei oft vergessen. Dinge wie Essen oder ein paar Stunden erholsamer Schlaf kamen zu kurz.

Das Kind hat aber überhaupt nichts davon, wenn Mama irgendwann unter der ganzen Belastung zusammenklappt. Der wohl wichtigste Grundsatz der bedürfnisorientierten Erziehung ist daher, dass die Bedürfnisse ALLER Familienmitglieder zählen. Auch (und ganz besonders!) die von Mama. Nur wenn du gut für dich selbst sorgst, hast du die nötige Energie, feinfühlig auf die Signale des Kindes einzugehen. Und die Bedürfnisse aller Familienmitglieder zu managen. Wenn du deine eigenen Bedürfnisse immer hinten anstellst, bist du außerdem kein gutes Vorbild. Dein Kind sollte sehen: Mama sorgt sich gut um sich selbst, damit sie sich gut um mich sorgen kann. Nicht umsonst gibt es den Spruch: Glückliche Mama, glückliches Kind!

Noch ein beliebter Fehler, wenn es um bedürfnisorientierte Erziehung geht: Die eigenen Grenzen nicht achten

Erziehen wir bedürfnisorientiert, bringen wir unseren Kindern in der Regel bei, ihre eigenen Grenzen zu wahren. Sprich, sie müssen sich nicht vom netten Onkel in die Wange kneifen lassen, wenn sie das nicht möchten. Oder fremden Erwachsenen „brav“ die Hand geben. Sie müssen auch nicht aufessen, obwohl sie keinen Hunger mehr haben (so wird sowieso nur das natürliche Sättigungsgefühl abtrainiert). Sie sollen lernen, ihre körperlichen und seelischen Grenzen zu erkennen – und diese auch aufzeigen. Extrem wichtig fürs spätere Leben!

Aber was ist eigentlich mit unseren eigenen Grenzen? Häufig verbiegen wir Mamas uns, um keinen Knatsch mit den Kids zu bekommen oder die Bindung nicht zu gefährden. Obwohl wir gerade keine Lust haben oder zu erschöpft sind, das Kleinkind zu tragen, mobiliseren wir unsere letzten Kräfte. Oder wir spielen widerwillig mit dem Schatz Lego, nur um ihm einen Gefallen zu tun. Du kannst deinem Kind aber nicht Dinge beibringen, die du selbst nicht einhältst. Es ist wichtig, dass du auch in dieser Hinsicht ein gutes Vorbild bist – und deine eigenen Grenzen gegenüber dem Kind aufzeigst.

Gefühle zulassen: Auch Mama sollte ihre Wut nicht unterdrücken

Diesen Fehler machen viele Mamas, wenn es um die bedürfnisorientierte Erziehung geht. Wir wollen am liebsten immer zugewandt, geduldig und freundlich sein. Das ist löblich – im stressigen Alltag aber so gut wie unmöglich. Wir stehen ständig unter Anspannung, müssen Job, Haushalt und Kinder unter einen Hut bekommen. Kein Wunder, dass uns da auch mal die Sicherung durchbrennt. Wir werden laut, meckern und schimpfen. Hinterher schämen wir uns und machen uns den ganzen Tag Vorwürfe, dass wir so aus der Haut gefahren sind. Mir beispielsweise geht regelmäßig die Geduld aus, wenn Bruno sich am Morgen mal wieder nicht anziehen will.

Diese Wut zu unterdrücken, wie wir es in solchen Situationen häufig versuchen, ist keine gute Idee. Wut hat immer einen Sinn und macht auf ein Bedürfnis oder Problem aufmerksam. Wir bringen unseren Kindern bei, dass auch „negative“ Emotionen wichtig sind, angemessen ausgelebt und reguliert werden sollten. Aber uns selbst gestehen wir das nicht zu? Kinder wollen keine Automaten als Eltern, sondern authentische Vorbilder. Das soll kein Freifahrtschein sein, die Wut ungehemmt rauszulassen. Schau besser hin: Was will mir meine Wut mitteilen? Habe ich vielleicht zu viel Stress? Kann ich der Wut irgendwie vorbeugen? Wie kann ich beim nächsten Mal reagieren, wenn ich wieder so sauer werde (Atemübung? Bis zehn zählen?) So zeigst du deinem Kind erfolgreiche Strategien gegen die Wut auf.

Die kindliche Wut begleiten – so gut es geht

Bedürfnisorientierte Erziehung ist kein Rezept für Familienfrieden. Sie verhindert nicht kindliche Tränen und Wutanfälle, im Gegenteil. Es geht ja gerade darum, auch negative Emotionen anzunehmen, zu begleiten und Wege aufzuzeigen, angemessen damit umzugehen. Genau wie wir selbst können Kinder ihre Wut oft nicht kontrollieren. Sie sind von ihrer Gehirnentwicklung her noch gar nicht in der Lage, ihre Emotionen so zu regulieren wie wir Erwachsenen. Genau wie bei uns sind Gefühle meistens ein Hinweis auf unerfüllte Bedürfnisse.

Wir sollten wütendes Verhalten also nicht strafen oder herunterspielen („Jetzt stell dich nicht so an, ist doch nur eine zerbrochene Banane“). Wir sollten auch nicht ablenken, so verlockend das oft ist. Laut bedürfnisorientierter Erziehung sollten wir empathisch reagieren und herausfinden, was hinter dem Wutanfall steckt. Doch auch hier gibt es meiner Meinung nach Grenzen. Du kannst als Mama nicht den ganzen Tag jede Gefühlsregung deines Kind begleiten. Ganz ehrlich: Das macht einen fertig. Besonders, man ein sehr lebhaftes Kind hat. Wirft sich dein Schatz im Supermarkt schreiend auf den Boden, weil es kein Ü-Ei gibt, musst du dich also nicht daneben setzen und dem Gefühl dahinter auf den Grund gehen. Manchmal muss man als Mama auch einfach mal klare Ansagen machen.

Zwischen Wünschen und Bedürfnissen unterscheiden

Es ist nicht immer leicht, zwischen Wünschen und Bedürfnissen zu unterscheiden. Bedürfnisse solltest du als Mama möglichst erfüllen. Bei Wünschen kommt es ganz auf den Wunsch an. Auch mir fällt das Unterscheiden teilweise schwer. Bei einigen Dingen ist die Sache klar: Will das Kind ein Eis oder Fernsehgucken, ist das eindeutig ein Wunsch. Möchte es kuscheln, steckt das Bedürfnis nach Nähe dahinter. Bruno hat wie jeder Mensch das grundlegende Bedürfnis nach einer gesunden, sättigenden Mahlzeit. Möchte er eine Wurst, ist das ein Wunsch. Solchen Wünschen jedes Mal als Mama nachzukommen, ist nicht gut – und in dem Fall auch nicht gesund.

Aber, und an dieser Stelle wird es komplizierter: Manchmal steckt hinter Wunsch ein Bedürfnis. Äußert das Kind einen Wunsch, sollte man sich daher immer auch fragen: Steckt hinter dem Verlangen nach Fernsehen zum Beispiel das Bedürfnis nach Ruhe oder Entspannung? In dem Fall könnten eine Runde Kuscheln oder Lesen den gleichen Effekt haben. Für viele Wünsche gibt es gesündere Alternativen, die das dahinter liegende Bedürfnis ebenso befriedigen. Jeden Wunsch gleich als Bedürfnis anzusehen und zu erfüllen, ist ein Fehler, den Mamas oft machen, wenn es um bedürfnisorientierte Erziehung geht. 

Noch ein beliebter Fehler, wenn es um bedürfnisorientierte Erziehung geht: Das Kind alles bestimmen lassen

Oft wird die bedürfnisorientierte Erziehung in einen Topf mit Laissez Faire-Erziehung oder „unerzogen“ geworfen. Dabei dürfen die Kinder alles selbst bestimmen: Was sie wann essen, wann sie ins Bett gehen, ob sie draußen eine Jacke tragen wollen oder nicht. Ich bin mir sicher, dass so viel Entscheidungsfreiheit die Kleinen überfordert. Außerdem haben wir Erwachsenen bei vielen Dingen nun mal sehr viel mehr Erfahrung. Ich als Mama weiß, dass das Kind sich ohne Jacke bei der Kälte draußen eine Erkältung holt. Das Kind selbst kann die Konsequenzen noch gar nicht einschätzen.

Wir sind die Erwachsenen, wir haben die Verantwortung. Wir Mamas sollten liebevoll, aber bestimmt den Ton angeben. Kinder brauchen einen Raum, in dem sie sich ausleben und trotzdem geborgen fühlen können. Sonst fangen sie an zu „schwimmen“ und suchen Grenzen. Natürlich gibt es Felder, in denen das Kind mitbestimmen kann – und sogar sollte. So werden Selbständigkeit und das Selbstbewusstsein gefördert. Du kannst deinem Kind, um beim Beispiel mit der Jacke zu bleiben, zwei oder drei dem Wetter angemessene Jacken zur Auswahl stellen. Dass eine angezogen wird, steht aber nicht zur Diskussion. Apropos Diskussion: Ständig aufs Kind einzureden und dann auf seine Einsicht zu hoffen, ist meistens ein hoffnungsloses (und zeitraubendes) Unterfangen. Auch ein Fehler, der die bedürfnisorientierte Erziehung für Mamas oft unnötig schwer macht.

Ja, unsere Kinder verdienen es, gleichwertig und mit Respekt behandelt zu werden. Doch am Ende sind Kinder immer noch Kinder. Und wir Erwachsenen die Erwachsenen. Wenn du bedürfnisorientiert erziehst, solltest du das niemals aus den Augen verlieren. Und dich selbst auch nicht.

Corinna Siemokat

Ich bin Mama und Journalistin aus Leidenschaft und freue mich, bei Echte Mamas Beruf & Berufung miteinander verbinden zu können. Hier schreibe ich über den bunten Alltag mit meinem Sohn (zwei Jahre) und die kleinen (und großen) Herausforderungen, die das Mamasein so mit sich bringt.

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Kommentare

  1. Kluger und gut geschriebener Artikel, Danke! Nur bei der Jacken Diskussion bin anderer Meinung. Von Kälte kriegt niemand ne Erkältung und ich habe tatsächlich ein Kind, dass bei 8 Grad ohne Jacke raus will. Es hat eine Weile gedauert, dieses individuelle Temperatur Empfinden zu akzeptieren aber sie ist NIE krank. Die Reaktionen der Umwelt sind allerdings anstrengend 😉

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