Entbindung à la Hollywood: Film-Geburten sind… etwas anders

Wenn ich Geburtsszenen im Film sehe, möchte ich gleich noch zehn Kinder bekommen – nur mal so für den rosigen Glow auf den Wangen, der so gut zum Spitzennachthemd passt. Ist ja kein Ding, einmal kurz die Finger ins Laken gekrallt und schrill aufgeschrien, schon liegt der Frau ein blank polierter Wonneproppen im Arm. Der stolze Vater strahlt seine Frau dankbar an und…

Halt! Cut! Wollt ihr uns eigentlich veräppeln?

9 Irrtümer von Filmleuten, was Geburten angeht

1. Die Frauen sind immer total überrascht, wenn’s los geht.

„Huch?“ (Kameraschwenk auf die Pfütze zwischen den Beinen). „Ist da etwa gerade meine Fruchtblase geplatzt?“ Als hätten die Frauen bis dahin geglaubt, der größere Bauchumfang sei nur der Sahnetorte zu verdanken. Übrigens: Die Fruchtblase platzt nicht immer in einem Schwall. Und wenn sie es vor den Eröffnungswehen tut, nennt man das einen vorzeitigen Blasensprung. Die Wehen kommen bei den meisten Frauen zuerst – und der Rest schon deshalb nicht mehr ganz so überraschend.

2. Und dann muss es ganz schnell gehen.

„Drücken Sie auf die Tube, meine Frau bekommt ein Kind“, rufen Väter in Filmen gerne.  Im wahren Leben würde der Taxifahrer wohl gelassen erwidern: „Immer locker bleiben, du Frischling.“ Jedenfalls wenn er Kinder hat. Dann weiß er nämlich, dass Geburten mitunter ein zähes Geschäft sind, und das Baby keineswegs direkt nach dem ersten Bauch-Ziehen schlüpft. Aber das lernt der Neu-Dad dann auch noch – spätestens wenn eine genervte Hebamme das Paar wieder nach Hause schickt: „Der Muttermund ist doch erst zwei Zentimeter geöffnet“.

3. Beim Gebären liegen die Frauen eigentlich nur rum.

Puh… auf Dauer ganz schön unbequem und definitiv nicht das, wozu moderne Hebammen raten. Heute weiß man, dass die Entbindung im Liegen schwerer ist. In anderen Positionen können die Schwerkraft und der Druck des Babys von oben auf den Muttermund die Geburt unterstützen.

4. Papas  sind eigentlich ziemlich doof und überflüssig

Sie drehen komplett durch und treiben so die gesamte Belegschaft in die Verzweiflung —  wenn sie nicht gleich ohnmächtig werden. Oha… das haben die Männer nicht verdient. Klar gibt es welche, die eine Geburtsbegleitung… nicht ganz so gut verkraften. Aber wieso werden nicht auch mal die vielen tapferen Vätern gezeigt, die sich (auch nach der Geburt) echt ins Zeug legen ? Die nicht mehr nur die Typen sein wollen, die mit ihrem Kind erst etwas anzufangen wissen, wenn sie mit ihm kicken können?

5. Die Körperflüssigkeiten bleiben drin

Gut, vielleicht will ich in diesem Punkt doch lieber nicht die Realität abgebildet sehen…

6. Das Baby kommt porentief rein auf die Welt 

Die Hebamme legt das Baby in ein Handtuch und reicht es der Mutter – einen rosigen, cleanen Nackedei? Nope! Babys kommen vielleicht unschuldig auf die Welt, sind aber ansonsten nicht ganz sauber. An ihnen klebt Blut, Käseschmiere, Schleim… und möglicherweise sogar, sorry, ein klein wenig Kacke.

7. Etwas anderes als natürliche Geburten gibt es nicht

Im wahren Leben bekommt fast jede dritte werdende Mutter einen Kaiserschnitt – aus medizinischen oder anderen Gründen, die nur sie selbst etwas angehen. Es ist natürlich optimal, wenn die natürliche Geburt für Mutter und Kind funktioniert. Aber Filme bilden hier nicht die Realität vieler Frauen ab. Stattdessen wird nur das Ideal der Frau hochgehalten, die ihre Kinder gefälligst eigenständig aus sich rauszupressen hat– koste es, was es wolle.

8. Im Krankenhaus bekommen Neu-Mamas sofort einen Stylisten gestellt

Wie sonst sind die weichen Locken und verliebten Blicke aus mit Eyeliner umrandeten Augen aufs Neugeborene zu erklären? Vielleicht schaffen es ja ein paar Insta-Beautys tatsächlich, ganz fix wieder im perfekten „woke-up-like-this“-Look zu posieren – aber der Rest von uns? Findet sich mit wirren, schweißnassen Haaren sowie roten Flecken im Gesicht ab. Gibt wichtigeres. Außerdem gleichen die meisten von uns wohl weniger einer Gazelle, als einem Walross, dem man die Luft rausgelassen hat. Allerdings nur ein klein wenig davon. Ein Großteil des Bauches ist schließlich noch da, auch wenn das in Filmen oft vergessen wird.

9. Ein One-Night-Stand – und schon werden auch Frauen über 40 noch mühelos schwanger

Egal, ob „Bridget Jones“ oder „Catastrophe“: Einmal mit einem attraktiven Kerl in die Kiste gehüpft, schon zeichnen sich auch bei Ü-40-Frauen zwei Streifen auf dem Schwangerschaftstest ab. Schön wär’s. Zur späten Mutterschaft, wenn sie überhaupt eintritt, gehören sehr oft belastende Kinderwunschbehandlungen, enttäuschte Hoffnungen, mehrfache Fehlgeburten. Aber wieviel Schmerzen es bereiten kann, erst später im Leben Mutter werden zu wollen, wird kaum einmal erzählt. Nicht wenige Frauen mit unerfüllten Kinderwunsch denken deshalb (vollkommen zu Unrecht), als Frau versagt zu haben, wenn es ausgerechnet bei ihnen nicht klappt. Ob sie sich nach solchen Filmen besser fühlen?

Jana Stieler

Ich lebe mit Mann und Sohn im Süden Hamburgs – am Rande der Harburger „Berge“ (Süddeutsche mal kurz weghören: Der höchste Punkt misst immerhin sagenhafte 155 Meter ü. M.). Wenn ich nicht gerade einen Text verfasse, liebe ich Outdoor-Abenteuer mit meiner Familie, lange Buch-Badewannen-Sessions mit mir allein und abendliches Serien-Binge-Watching.

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