Drei gute Gründe, kindliche Wutanfälle nicht einfach zu ignorieren

Oft kommen sie (aus meiner Sicht) aus heiterem Himmel und sind dann eine echte Naturgewalt: Die Wutanfälle meiner Tochter.

Manchmal ist ihr Ärger so raumfüllend, dass ich richtiggehend ratlos neben ihr stehe. Umarmen und Trösten? Eigentlich immer die beste Lösung, aber wenn sie gerade innerlich rast, hat meine Tochter verständlicherweise eher wenig Lust darauf. Schimpfen oder versuchen, sie aufzuhalten? Das nicht zu tun, kostet mich manchmal übernatürliche Kräfte – ist aber die einzig richtige Entscheidung.

Es ist schwer, richtig zu reagieren – an manchen Tagen mehr, an anderen weniger.

Ist es da nicht vielleicht eine gute Idee, die Wutanfälle einfach zu ignorieren? Vielleicht gehen sie dann genauso schnell vorbei, wie sie gekommen sind?

Spoiler-Alarm: Nein, völliges Ignorieren eines wuttobenden Kindes ist keine gute Idee.

Kinder können noch nicht unterscheiden, ob man ihr Verhalten in der Situation ignoriert oder sie als Person. Und letzteres ist für Kinder unfassbar schlimm.

Das ist aber noch nicht alles. Es gibt (mindestens) drei weitere gute Gründe, warum das Ignorieren eines Wutanfalls keine gute Idee ist – und was wir stattdessen tun können:

1. Wir gehen durch Ignoranz nicht auf das (gerade wahnsinnig starke) Bedürfnis unseres Kindes ein

Unser Kind will uns nicht ärgern. Nicht nerven. Es würde doch jetzt selbst viel lieber in Ruhe spielen, als sich hier so in unguten Gefühlen zu verlieren. Versuchen wir, das niemals zu vergessen – auch, wenn wir selbst durch das Weinen, Schimpfen und Schreien unseres Kindes selbst schon ganz hektisch sind.

Nein, unser Kind hat ein Bedürfnis – und kann sich gerade nicht anders ausdrücken, weil es von seinen Gefühlen übermannt wird. Und dieses Bedürfnis wird auch nicht verschwinden, wenn wir den Anfall „totschweigen“. Das einzige, was im allerschlimmsten Fall nach und nach verschwinden kann, ist das Vertrauen unsere Kindes darin, dass wir ihm immer helfen werden.

Besser:

Ob nun in der Sitiuation (wenn erkennbar ist, worum es geht) oder danach (den richtigen Zeitpunkt zu finden, ist reine Bauchsache): Gehen wir auf das Bedürfnis ein, stillen wir es, wenn möglich oder erklären wir, warum es nicht gestillt werden kann. Konzentrieren wir uns auf das Bedürfnis, nicht auf das Verhalten des Kindes.

2. Wir verpassen die Gelegenheit, dem Gehirn unseres Kindes beim Reifen zu helfen

Wissenschaftler sagen: Das Gehirn von Menschen ist erst mit über 20 Jahren so weit, rationales Denken in Perfektion zu beherrschen – man hat das Gefühl, das trifft auch nicht immer zu, oder?

Aber auch unser eigener Verstand und unser Mamaherz sagen uns: Das Gehirn von Kindern ist mitten in seiner Reifung. Wie weit diese fortgeschritten ist, hängt vom Alter und vom Umfeld des Kindes ab, von seinem Wesen – jedes Kind ist ein Unikat.

Tatsächlich ist es aber über JAHRE eine schier unlösbare Aufgabe für das Gehirn, seine Bedürfnisse zu erkennen und dann anderen auch noch mitteilen zu können.

Kinder fehlt es zudem naturgemäß einfach an „Lebenserfahrung“ und an ausreichend vielen Übungssituationen dafür.

Besser:

Nutzen wir also jede Situation, unserem Kind und seinem Gehirn zu zeigen, wie man frustige Situationen löst. Und lassen die beiden nicht alleine in ihrer Not. Geben wir ihnen das gute Gefühl, dass wir da sind, um zu helfen – so oder so. Wenn diese Sicherheit bei ihnen angekommen ist, werden sie nach und nach merken, dass gar nicht so ein großer Kraftakt nötig ist, um Hilfe zu bekommen. Ein sachliches Gespräch tut es auch und geht meist viel schneller. Eine tolle Erkenntnis!

3. Wir signalisieren unserem Kind, dass unsere Liebe zu ihm an Bedingungen geknüpft ist

Unser Kind ärgert und nervt uns gerade vielleicht so sehr, dass wir rot sehen und unser Bauch voller Wut ist. Trotzdem: Wir lieben es über alles. Immer. Das wissen wir – unser Kind weiß es nicht.

Also, im Normalfall schon. Aber wenn wir uns in der Situation eines Wutanfalls, wenn alle seine Sinne in Aufruhr sind und das Leben für einige Zeit sowieso Kopf steht, von ihm „abwenden“, dann kann das sehr verwirrend sein: „Meine Mama sieht mich nicht mehr. Ich ärgere sie so sehr, dass sie mich aus ihrer Welt verbannt. Wenn ich mich so verhalte, dann liebt sie mich nicht mehr.“

Aus diesem Grund kann es äußerst erfolgreich sein, sein Kind im Wutanfall zu ignorieren. Das „wüste“ Äußern seiner Bedürfnisse wird vorsichtshalber eingestellt. Es kann aber schwerwiegende Folgen für das Selbstwertgefühl des Kindes haben.

Besser:

Bleiben wir in der Nähe und in Kontakt mit unserem Kind, sobald das möglich ist. Wenn der Sturm vorüber und das gute Gefühl zwischeneinander wieder hergestellt ist, erzählen wir, was davor passiert ist. „Du warst so wütend, dass du dein Buch wegstellen und zum Abendbrot kommen solltest, dass du alle Bücher auf den Boden geworfen hast. Schau mal, ich verstehe, dass du das Buch weiter anschauen wolltest. Aber wir müssen rechtzeitig essen, damit nicht alles zu spät wird.“

Natürlich ist es manchmal einfach nicht machbar, so besonnen zu reagieren.

Ich weiß das am allerbesten! Ich kann sehr lange sehr ruhig bleiben – aber oft genug explodiere ich dann doch irgendwann.

Wir alle sind ja auch nur Menschen. Wenn wir aber in der Regel im Hinterkopf haben, wie wir am besten mit Wutanfällen umgehen können, werden wir immer häufiger so reagieren, wie es unsere Kinder brauchen.

Laura Dieckmann

Als waschechte Hamburgerin lebe ich mit meiner Familie in der schönsten Stadt der Welt – Umzug ausgeschlossen! Bevor das Schicksal mich zu Echte Mamas gebracht hat, habe ich in verschiedenen Zeitschriften-Verlagen gearbeitet. Seit 2015 bin ich Mama einer wundervollen Tochter.

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