Diese TV-Show macht wütend: Hundetrainerin gibt Erziehungshilfe

„Jedes Mal, wenn sie ins Bettchen hineingeht, einen kleinen Click geben, einfach als Bestätigung, als Zeichen, dass das das Verhalten ist, was wir uns wünschen!“

Was man bei diesem Satz erstmal nicht ahnt: Hier wird nicht über einen Hund gesprochen, der sich an sein Körbchen gewöhnen soll – sondern über die kleine Pia. Sie soll endlich lernen, allein in ihrem Bettchen zu schlafen. Zudem soll Pia sich künftig beim Zähneputzen nicht mehr so anstellen.

Kurzum: Pia soll ein bisschen besser funktionieren, ihren Eltern weniger Probleme machen.

Denn diese empfinden sie als ziemlich anstrengend und belastend. Selbst „ein paar Tage schreien lassen“ hat den Schlaf von Pia und ihrem Bruder nicht verbessert!

Dann gibt es auch noch Ayla. Ihre Mama erzählt: „Wenn sie richtig wütend ist, wirft Ayla Dinge herum. Sie beißt und kneift ihre kleine Schwester…“ Dieses so wenig empathische Verhalten erschüttert eine Frau, die ein Shirt mit der Aufschrift „Put yourself first“ trägt, natürlich ungemein.

Zum Glück bekommen diese Eltern jetzt Hilfe, und zwar von rtl!

Denn hier wurde gestern das erste Mal die Show „Train your Baby like a Dog“ ausgestrahlt.

Ihr haarsträubendes Konzept: Eine Hundetrainierin soll die verzweifelten Eltern bei ihrer Erziehung unterstützen. Ja, das ist ernstgemeint. Leider.

Schon im Vorfeld gab es eine Menge Gegenwind für dieses „Erziehungsexperiment“. Eine Petition sollte die Ausstrahlung verhindern und jede Menge BloggerInnen aus dem Eltern-Bereich riefen in den sozialen Medien zum Boykott auf und baten ihre Follower, die Sendung nicht mal aus Neugier einzuschalten, um rtl nicht durch hohe Quoten zu bestätigen.

Denn eines ist klar: Ob die Menschen nun aus Begeisterung oder aus Abscheu einschalten, wird den Sender wenig interessieren.

Doch nun zurück zur Sendung: So sehr man sich auch über die Eltern ärgert, so wenig weiß man natürlich über sie. rtl wird die Interviews gekonnt so hinschneiden, dass man sich als Zuschauer so richtig schön aufregen kann. Denn mal im Ernst, Kinder, die nicht alleine einschlafen mögen, die sich gegen den Einsatz der Zahnbürste wehren oder die bei einem Wutanfall Dinge umherwerfen – die sind doch gar nichts Ungewöhnliches! Und ja, sicher war wirklich jedes Elternteil mal genervt oder verzweifelt, gar keine Frage… Aber kaum jemand würde in so eine Show gehen, in der eine Frau vor laufenden Kameras ihre Erfahrungen aus dem Hundetraining an den Kleinen austestet, oder?

Man fragt sich: Wer macht denn sowas!!!???

Liegt es nicht in der Verantwortung von rtl, die Eltern davor zu schützen, in genau diese Hate-Falle zu tappen? Und ja, dazu gehören auch perfide Kleinigkeiten wie eben das Tragen des egozentrischen Shirts, das auch mich in diesem Zusammenhang so getriggert hat. Es kann mir keiner erzählen, dass die Medien-Profis der rtl-Produktion dies nicht bemerkt hätten. Die sichtlich überforderten Eltern werden gnadenlos zur Schau gestellt.

Aber die wirklich Leidtragenden sind hier natürlich die Kinder. Wieso werden sie so vorgeführt? Und wieso nur in gerade diesem TV-Format???

Aurea Verebes, die Hundetrainierin, die auf ihrer Website aber auch „Menschentraining“ anbietet, arbeitet mit all den Kniffen, die sie aus ihrer Arbeit mit den Fellnasen kennt. Und es fühlt sich einfach so gänzlich falsch an, diese im Zusammenhang mit Kindern zu hören: Es geht hier um Clickertraining. Es geht um Signalwörter: Sagt ihre Mutter das Wort »Teddybär«, soll Ayla sofort mit allem aufhören und ihre Mutter anschauen. Es geht um Belohnungs-Leckerlis im Form von Himbeeren. Es geht um das Suchen und Bringen (man könnte auch sagen, das Apportieren) von vorher versteckten Haargummis – denn „Suchen fördert das Erkundungsverhalten“.

Es ist zum Heulen. Denn auch, wenn Trash-TV sicherlich sehr unterhaltsam sein kann – sobald Kinder mit ins Spiel kommen, wird es schwierig.

Denn sie können nicht entscheiden, ob sie ins Fernsehen möchten und was ihnen dort angetan wird. Und davon muss man bei dieser Sendung wirklich sprechen: Denn die „Probleme“, die diese Kleinen machen, sind doch gar keine.

Sondern ganz normales Kinderverhalten. Und ja, das kann Eltern auch mal nerven. Aber wollen diese deswegen wirklich, dass Kinder durch all das Clickern, Häppchen verteilen etc. lernen, dass Mama und Papa sie nur lieb haben, wenn sie sich so verhalten, wie sie es wollen? Dass mit ihnen etwas nicht stimmt und sie „neu konditioniert“ werden müssen? Und dass Zuneigung nur eine Belohnung dafür ist, dass man sich so verhält, wie es der andere möchte?

Es ist furchtbar, was diesen Kindern mitgegeben wird. Wie Diplom-Pädagogin Katia Saalfrank dazu schreibt: „Kinder mit Belohnungen & Strafen an ein gewolltes Verhalten anpassen und damit trainieren zu wollen, ist absolut überflüssig.“

Noch dazu ist natürlich zu befürchten, dass Eltern diese Erziehungsmaßnahmen zu Hause nachahmen werden – natürlich ohne irgendjemanden, der sie dabei zumindest ein bisschen begleitet. Sei es nun die Hundetrainerin herself oder aber ein Kinderpsychologe, der in der rtl-Show zweifelhaft kommentiert.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Diese Sendung ist eine echte Schande und brandgefährlich. Und ein neuer Tiefpunkt im Fernsehprogramm. Es ist zu hoffen, dass sie nicht allzu lange ausgestrahlt wird.

Laura Dieckmann

Als waschechte Hamburgerin lebe ich mit meinem Freund und unserer fünfjährigen Tochter in der schönsten Stadt der Welt – Umzug ausgeschlossen! Bevor das Schicksal mich zu Echte Mamas gebracht hat, habe ich in verschiedenen Zeitschriften-Verlagen gearbeitet. Ich mag leckeres Essen, laute Rockmusik und ab und zu sogar ein bisschen Sport.

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Kommentare

  1. Hallo Laura,

    Sehr guter Beitrag. Danke dafür.
    Ich vermute die ganze Konstellation ist nicht echt. Eine Person aus meinem Bekanntenkreis hat mal bei „Unser Traum vom Haus“ mitgemacht. Die Familien die da gezeigt wurden waren gar keine Familien sondern bestanden aus (Laien-)Darsteller/innen, die sich ein Taschengeld damit verdient haben. Selbst die Dialoge wurden von der Redaktion vorgefertigt und mussten nur nachgeplappert werden. Ich hoffe es ist hier auch so ist. Trotzdem hat die Sendung enormes Schadenspotential, da die eine oder der andere aus dem Publikum die „vermeitnlichen“ Tipps sicherlich als bare Münze nimmt und umsetzt.

    LG
    Julia

  2. Hallo Julia, danke für deinen Kommentar. Wie interessant – es ist ja zu hoffen, dass es so ist!!!!! Aber ja, es ist einfach bitter, so ein „Experiment“ zu veranstalten und es verzweifelten Eltern als Möglichkeit an die Hand zu geben…. Liebe Grüße, Laura

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