Dein Kind lügt? Warum das (erst mal) nicht so schlimm ist

„Der Käfer ist unter meinen Fuß gekrabbelt.“ Da war mein Sohn vier Jahre alt. Neben ihm lag eine extrem platte Feuerwanze. Mein detektivisches Gespür verriet mir: „Tatort“ und Aussage passen nicht zusammen. So sehr ich innerlich über eine so durchschaubare Notlüge lächeln muss, so sehr beunruhigten mich in dem Moment zwei Dinge: Haben wir ihm nicht gezeigt, dass er uns immer die Wahrheit sagen kann? Und dass wir nett mit Tieren umgehen, und Spinnen lieber aus dem Haus tragen, statt nach einem Hausschuh zu greifen? Wenn es dir auch so geht: Mach dir keine Sorgen! Warum es erst einmal gar nicht so schlimm ist, wenn unsere Kinder lügen, und ab welchem Alter wir Eltern eingreifen sollten, erklären wir dir hier.

Die Enttäuschung, wenn das Kind dich anlügt

Ich sah, dass mein Sohn den Tränen nahe war, als er mir das tote Tier zeigte. Schnell schluckte ich meinen Ärger runter. Mir war klar: Mein Sohn ist kein angehender Serienkiller. Er ist seiner Neugierde gefolgt, ohne die Konsequenzen wirklich abschätzen zu können. Nun hatte er gelernt, dass der Käfer wirklich nicht weiter krabbelt, und das hat ihn selbst am meisten erschrocken. Und: Er hätte mir den Käfer gar nicht zeigen müssen. Ich denke, er war hin- und hergerissen, zwischem dem Berdürfnis, über den „Unfall“ zu reden – und dem Wunsch, Ärger zu vermeiden. Ich habe es mir also verkniffen, ihm einen Vortrag zu halten.

Für mich stand fest, dass er sich in Zukunft von allein rücksichtsvoller verhalten würde. Aber ein wenig hat es mich trotzdem noch gewurmt, dass er nicht die ganze Wahrheit sagen mochte, weil uns Ehrlichkeit in der Familie sehr wichtig ist. Sicher sind auch viele von euch frustriert, wenn ihr euer Kind bei einer Lüge ertappt. Dabei ist das nicht nur negativ:

Kleine Lügner haben einen Entwicklungsschritt gemeistert

Wenn unsere Kinder lügen, sind sie noch keine Übeltäter, denen man nur von hier bis an die Wand trauen darf. Auch zeigt das nicht, dass wir mit unserer Erziehung Vollversager sind. In verschiedenen Experimenten entdeckten Wissenschaftler, dass etwa drei Viertel der Kinder bei einer Aufgabe schummelten, wenn sie glaubten, nicht ertappt zu werden – und 80 Prozent der Kinder über vier Jahren tarnten das mit einer Lüge. Ein Forscher, der sich besonders intensiv mit dem Phänomen beschäftigt hat, ist Professor Kang Lee (z.B. in diesem Video). Er hat eine tröstliche Nachricht für betroffene Eltern: Dass Kinder lügen, kann man als Zeichen geistiger Entwicklung und Reife sehen.

Nicht jede Lüge ist wirklich eine Lüge

Es dauert, bis Kinder geschickte Lügner werden: Erst ab etwa drei Jahren sind Kinder überhaupt in der Lage, zu lügen. Bis dahin denken sie, dass die Welt für alle gleich ist und alle das gleiche wissen. Dann machen sie eine coole Entdeckung: Die Erwachsenen sind keine Gedankenleser und schon gar nicht wissen sie alles. HA! Mal sehen, ob sie überhaupt merken, wenn ich etwas sage, dass gar nicht stimmt. Allerdings sind die ganz Kleinen noch sehr ungeschickt und werden fast immer ertappt (Mit schwarz umrandeten Mund: „Mama, das doofe Krümelmonster hat die Schokokekse gegessen.“)

Hinzu kommt: In diesem Alter lügen Kinder oft gar nicht, wenn sie etwas sagen, dass nicht real ist. Psychologen nennen das die Phase des magischen Denkens. Für die Kinder sind dann zum Beispiel Figuren aus Geschichten real. Genau wie all das, was ihre Fantasie noch hinzufügt. Dass es die Schokokekse in Wahrheit doch gegessen hat, weiß das Kind natürlich. Aber wenn es von fantastischen Abenteuer erzählt, hat es sie vielleicht „wirklich“ erlebt.

Erst mit 8 Jahren verstenen Kinder besser, was glaubwürdig ist

Zwischen vier und sechs Jahren lernen sie, den Gesichtsausdruck und den Tonfall auf ihre Geschichte abzustimmen. (Ohne mit der Wimper zu zucken: „Ich weiß echt nicht, wieso ein Loch in der Scheibe ist, und der Fußball draußen liegt.“) Allerdings halten sie eine Lüge noch nicht lange durch. Wenn ihr nachbohrt, wird euer Kind bald zugeben, dass seine Geschichte vielleicht doch nicht so gaaaanz stimmt.

Erst ab etwa acht Jahren werden Lügen ausgefeilter – und schwerer zu entlarven. Nun können sich die Kinder langsam in andere hineinversetzen. Das hilft ihnen, einzuschätzen, was glaubwürdig ist. Sie ahnen nun, dass es unwahrscheinlicher ist, dass der Elefant das Zimmer verwüstet hat, als dass es ganz eventuell der kleine Bruder gewesen sein könnte, der noch nicht genug sprechen kann, um sich zu verteidigen. Ziemlich gerissen – aber nicht gleich böse.

Wie reagiere ich, wenn mein Kind lügt?

Dein Kind braucht das Gefühl, dass du ihm vertraust, um sich geborgen zu fühlen. Das heißt aber nicht, dass du deinem Kind jede Lüge durchgehen lassen musst. Gut funktionieren oft Humor oder der ruhige Hinweis, dass du ihm auf die Schliche gekommen bist, vielleicht etwa so: „Ich weiß, dass du meist ehrlich zu mir bist, aber ich kann mir nicht erklären, wie der Blumentopf sonst zerbrochen ist.“ Weniger gut wäre es, dein Kind dauernd zu fragen, ob es gerade die Wahrheit sagt, oder wenn du es im Ärger einen Lügner nennst. Dann denkt es, du vertraust ihm nicht – und fühlt sich in eine Ecke gedrängt, in der es vielleicht noch mehr lügt.

Wie kann ich mein Kind zu Ehrlichkeit ermutigen?

Wenn ich das Gefühl habe, mein Kind sagt mir nicht die ganze Wahrheit, überlege ich, was dahinter stecken könnte.
Meistens lügen Kinder, weil sie

  • keinen Ärger bekommen wollen
  • deine Reaktion austesten wollen
  • eine Geschichte aufregender gestalten wollen
  • sich mehr Aufmerksamkeit wünschen
  • glauben, so etwas bekommen zu können (etwa zur Oma: „Mama lässt mich aber immer Fernsehen“)
  • jemanden nicht vor den Kopf stoßen wollen

Gut ist es auch, dem Kind keine „Fallen“ zu stellen, die zum Lügen animieren. Früher habe ich meinen Sohn Dinge gefragt wie: „Hast du die Milch verschüttet?“ Was ja schon deswegen überflüssig war, weil ich die Antwort meistens konnte. Zudem verleitet sie dazu, „Nein“ zu sagen. Schon ist Zoff vorprogrammiert. Zu dem Ärger, dass ich schon wieder wischen muss, kommt der Ärger über die Lüge. Stattdessen sage ich jetzt gleich: „Oh je, ich sehe, dir ist ein Missgeschick passiert, komm, lass uns das schnell beseitigen.“

Wenn du das Gefühl hast, dass dein Kind mit einer Lüge nach Aufmerksamkeit heischt, kannst du ihm vielleicht an anderer Stelle eine Portion Extra-Aufmerksamkeit schenken und sein Selbstvertrauen stärken. Dann merkt es irgendwann, dass es aufregend genug ist – und zwar einfach so, wie es ist.

Manchmal macht das Kind Sachen, die einen so richtig wütend machen. Am besten atmest du dann dreimal tief durch. Besonders dann, wenn dein Kind von alleine gebeichtet hat. Sonst macht es die Erfahrung, dass Ehrlichkeit sich nicht auszahlt und es mit einer Lüge besser gefahren wäre. Ich sage dann etwas wie: „Ich finde es nicht gut, dass du XY gemacht hast, aber ich finde es toll, dass du mir die Wahrheit gesagt hast. Lass uns mal überlegen, wie wir XY das nächste Mal verhindern können.“

Wieso dürfen Mama und Papa lügen?

Gerade für jüngere Kinder ist die Sache mit den Lügen schwer durchschaubar. Einerseits beobachten sie uns dabei, wie wir Tante Emmis selbstgetöpferten Troll loben (und das Geschenk dann in der hintersten Ecke des Schrankes verschwinden lassen oder gar schon auf der Heimfahrt mit dem Papa darüber lästern). Andererseits schimpfen wir, wenn es sagt, dass es ein Glas nicht zerbrochen hat. Ist doch beides voll unehrlich, oder?

Stimmt! Wenn das Kind mich bei einer Lüge ertappt, wiegele ich deshalb nicht ab, sondern erkläre ihm, dass es Recht hat und dass Lügen nicht okay ist. Dass ich es trotzdem getan habe, um jemanden nicht zu verletzen. Das Kind sieht dann, dass ich auch nicht perfekt bin – und dass es unterschiedliche Arten von Lügen gibt. Denn, Hand auf Herz, wer geht denn schon ganz ohne (Not-)Lüge durchs Leben?

Wie sieht es denn bei euren Kindern aus: Flunkern die Kleinen ab und zu, und wenn ja, wie geht ihr damit um? Erzählt doch mal!

Jana Stieler

Ich lebe mit Mann und Sohn im Süden Hamburgs – am Rande der Harburger „Berge“ (Süddeutsche mal kurz weghören: Der höchste Punkt misst immerhin sagenhafte 155 Meter ü. M.). Wenn ich nicht gerade einen Text verfasse, liebe ich Outdoor-Abenteuer mit meiner Familie, lange Buch-Badewannen-Sessions mit mir allein und abendliches Serien-Binge-Watching.

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