Cytotec – Medikament zur Weheneinleitung: Frauen ziehen vor Gericht

In Deutschland wird ein Medikament zur Weheneinleitung eingesetzt, das nicht zugelassen ist. Cytotec kann, wie Recherchen von BR und SZ zeigen, zu schweren Komplikationen führen.

Stellt euch vor, ihr seid schwanger. Ihr fühlt die Tritte eures Ungeborenen, seht es auf den Ultraschallbildern wachsen. Ihr freut euch riesig. Bald werdet ihr euren kleinen Schatz in den Armen zu halten und bereitet euch auf die Geburt vor.

Und dann ist der große Tag da: Ihr fahrt ins Krankenhaus, das Baby soll kommen. Ein paar Tage schon seit ihr über dem errechneten Geburtstermin. Die Hebamme führt euch ins Wehenzimmer und gibt euch ein Medikament zur Einleitung.

Und dann wird plötzlich alles anders.

Ihr habt heftige Schmerzen. Wehen, die in sehr kurzen Abständen über euch hereinbrechen. Die kaum auszuhalten sind. Ein Wehensturm. Eurem Kind geht es zunehmend schlechter. Sein Herz schlägt immer langsamer. Am Ende wird euer Baby geboren und kommt direkt auf die Kinderstation. Kämpft vielleicht um sein Leben.

Diese Vorstellung ist schrecklich. Und in deutschen Kliniken Realität. Schuld daran ist nach Recherchen von BR und SZ ein Medikament: Cytotec. Und das Schlimmste: Das Medikament ist in Deutschland nicht zugelassen. Frauen ziehen vor Gericht, um sich gegen dieses Medikament und die daraus entstehenden Schäden zu wehren – das geht aus den Unterlagen hervor, die ReporterInnen von BR und SZ ausgewertet haben. Ihren Recherchen zufolge forderte das Medikament sogar erste Todesopfer. Einige Babys starben.

Trotz fehlender Zulassung im Kreißsaal

Cytotec ist ein Magenschutzmittel. Für diesen Zweck ist es zugelassen. Dass es Kontraktionen der Gebärmutter auslöst und damit Wehen fördern kann, entdeckten die Ärzte nur zufällig. Hoch dosiert kann Cytotec auch zur Abtreibung eingesetzt werden.

Obwohl das Medikament für die Geburtsmedizin nie zugelassen wurde, verwendet einer bisher unveröffentlichten Umfrage der Universität Lübeck zufolge die Hälfte der deutschen Kliniken Cytotec zur Einleitung der Geburt. Diese Anwendung ist im Rahmen der ärztlichen Therapiefreiheit zulässig. Im sogenannten „Off-Label-Use“, wie der BR berichtet.

Trotz des Wissens um die Gefahren, nutzen Ärzte weiterhin dieses Medikament. Es ist als Tablette einfach zu verabreichen und mit einem Euro deutlich billiger als andere wehenfördernde Medikamente, die im dreistelligen Bereich liegen.

Andere Länder warnen vor Cytotec

Der Hersteller Searl, der heute zu Pfizer gehört, warnte bereits vor zwanzig Jahren vor den Gefahren des Medikaments in der Geburtshilfe. „Zu den schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen, die nach der Off-Label-Anwendung von Cytotec bei schwangeren Frauen gemeldet wurden, gehören der Tod der Mutter oder des Fötus; eine Überstimulation der Gebärmutter, Ruptur oder Perforation der Gebärmutter“, hieß es damals in einem Schreiben an Ärzte.

Auch Behörden anderer Länder warnen explizit vor dem Einsatz von Cytotec in der Geburtshilfe, wie Recherchen des BR ergaben. Die französische Gesundheitsbehörde ANSM veröffentlichte mehrere Warnbriefe. In einem heißt es, das positive Risiko-Nutzen-Verhältnis von Cytotec zur Geburtseinleitung sei nicht bewiesen. Auch die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA warnt Frauen seit Jahren vor schwerwiegenden Komplikationen wie einem Gebärmutterriss oder dem Todesrisiko von Müttern und Babys.

Zahl der Betroffenen unklar

Wie häufig kommt es zu Schäden durch dieses Medikament? Das ist leider schwer zu sagen. Denn Ärzte sind nicht gesetzlich verpflichtet, den Behörden Risiken und Nebenwirkungen zu melden.

Sarah Wiedenhoeft

Hamburger Deern, Journalistin, Mutter eines Sohnes. Immer auf der Suche nach besonderen Menschen und dankbar, ihre Geschichten zu erzählen.

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