Brief an den Ehemann: „Am liebsten würde ich weglaufen“

Und plötzlich bist du allein mit deinem Kind – damit ihr Mann endlich vor Augen hat, wie sich dieses neue Beziehungs-Modell anfühlt, schreibt es ihm eine Mama, die anonym bleiben möchte, ganz old-school in einem Brief:

„Schatz, es ist wirklich toll, wie gut du morgens aussiehst. Wenn du deinen Mantel über dein Hemd ziehst, deine sündhaft teure Laptop-Tasche über die Schulter schwingst und mir einen Kuss zum Abschied gibst, würde ich dich am liebsten auf der Stelle nochmal heiraten.

Der Blick in den Spiegel zeigt jedoch: ich würde keine gute Braut abgeben. Nicht in dieser weiten Jogginghose, dem abgewaschenen Kapuzenpulli vom Abi-Abschied und dem rund fünf Kilo schweren Accessoire auf meinem Arm – unserem sabbernden Baby-Girl.

Wenn du heute Abend nach Hause kommst (nachdem du mir dreimal eine Nachricht geschrieben hast, dass es leider doch später wird), werde ich genauso wieder vor dir stehen. Vielleicht nicht ganz: Wahrscheinlich hat sich der Sabberfleck auf meiner rechten Schulter noch etwas vergrößert.

Aber es ist nicht so, dass ich es nicht versucht hätte. Irgendwann gegen Mittag – als die Sabber-Maus endlich die Augen zumachte – zog ich zwischen Aufräumen, die Waschmaschine anstellen und Essenkochen eine Jeans an und fand nach dem Einräumen der Spülmaschine auch ein passendes Shirt. Ach ja, beim Zähneputzen hatte ich mir auch mal die Haare gekämmt. An dieser Stelle muss ich gestehen: mein Ehrgeiz in Bezug auf Wimperntusche hielt sich in Grenzen.

Woran meine Challenge des Tages scheiterte? Die Kleine hat mir ihren Mittagsbrei aufs Outfit gekotzt. Pardon: erbrochen. Und rate, was ich am schnellsten als Ersatz zur Hand hatte? Richtig, den Jogger-Style.

KLARSTELLUNG

Es geht mir hier nicht darum, dass du mir neue Klamotten kaufen sollst. Es geht mir darum, dass dir bewusst wird, warum das Styling gerade so ist, wie es ist. Wir haben uns darauf geeinigt, dass du arbeiten gehst und ich zu Hause bleibe. Ist ja auch gut für die Steuer. Und fürs Kind sowieso. Dachten wir beide, als die Kleine noch eine Kugel aus meinem Bauch machte. So weit, so super. Bis die ersten Vor- und Nachmittage kamen, als du wieder ins Büro gingst. Ohne vorher eine Liste von Dingen abzuarbeiten, die du mitnehmen (Ersatzbody? Pampers?) oder tun musst (Mütze auf? Schnuller an die Kette gelegt?). Wo du deinen Kaffee direkt dann trinken kannst, wann du ihn gemacht hast.

Ich beschwere mich ja nicht. Schließlich zahle ich keine Miete und erledige hier meinen Job. Nur leider kann ich mich so schwer daran gewöhnen, dass die neue Stellenbeschreibung so anders aussieht als früher. Früher, als ich auch noch in ein Büro ging, Kollegen hatte, die mir sinnvolle Antworten auf meine Fragen gaben und ich nicht nur meine Beine rasierte, weil Babyschwimmen auf der Agenda steht. Agenda! Wie sehr ich die vermisse. Timings, die eingehalten werden. Planbarkeit. Eine gemeinsame Mittagspause und der Feierabend-Drink. Uiii….

TRAUMVORSTELLUNG

Manchmal stelle ich mir vor, wie ich einfach weglaufe. In einer ordentlichen Jeans und einer hübschen Bluse. Mit Make-up und gemachten Haaren. Ohne mich umzublicken rase ich die Treppe hinunter, springe in die nächste U-Bahn und – genieße die Ruhe. Natürlich habe ich vorher keine Wickeltasche gepackt und trage nur meine kleine Handtasche bei mir. Ich setze mich in meine Lieblings-Bar, trinke mit meiner besten Freundin einen Martini nach dem anderen und zahle alles mit MEINEM Geld.

VORBESTELLUNG

Irgendwann wird dieser Traum bestimmt Wirklichkeit. Und bis dahin wäre es total toll, wenn du nicht ständig betonst, dass du gerne mit mir tauschen würdest – würdest du nämlich nicht! Auch wenn dein Job mal wieder richtig stressig war, bin ich mir zu 100 Prozent sicher, dass du spätestens bei der Windel von heute Nachmittag hingeschmissen hättest. Oder bei dem Baby-Kurs, bei dem darüber gesprochen wird, was du fühlst, wenn dein Kind mal allein spielt. Du hättest mal die Blicke der anderen Mütter sehen sollen, als mir ,Erleichterung’ rausplatzte… Und damit ich bis zu meinem neuen alten Leben nicht weglaufe, bring mir doch bitte einen Martini mit. Mit Eis und Zitrone. Das Geld gebe ich dir dann später wieder.“

Martina Steinbach

Dank meinen Töchtern Jana und Lene fühle ich mich wie der Eintrag im Lexikon zu „Mama, echte“ – oft echt müde, noch öfter echt herausgefordert und ganz oft echt happy! Als ausgebildete Journalistin finde ich es großartig, über das Leben mit Kids schreiben zu dürfen und mit meinen Texten anderen Mamas helfen zu können. Mit Mann und Mädels lebe ich in München und vermisse Hamburg nur noch echt selten 🙂

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