„Hilfe, meine besten Freunde sind zu Eltern mutiert!“

“Ela und Max. Ich habe sie geliebt. Sie waren meine besten Freunde, über Jahre. Erst als Singles, dann als Paar. Als die beiden zusammenkamen, hatte ich Sorge, dass ich schnell überflüssig werden würde im Leben der beiden. Völlig unbegründet, unser Verhältnis war wie vorher – nur, dass sie zusammen noch ein bisschen glücklicher waren. Wir konnten weiterhin feiern gehen, ganze Nächte durchquatschen, es war alles wie bisher.

Nach zwei Jahren passierte, was wohl irgendwie abzusehen war. Die beiden wurden Eltern. Als erstes Paar im Freundeskreis. Und drei Jahre später gleich noch einmal. Ich habe mich so für die beiden gefreut! Aber…

Ich bin ehrlich: Irgendwann fühlte ich mich bei Ela und Max (und natürlich Marie und Tom, Verzeihung) zu Hause wie im falschen Film. Es tat mir von Herzen leid, aber ich wurde schon gereizt, wenn mir Ela sichtbar gehetzt, aber doch betont sanft und locker die Tür öffnete.

„Ohh, du hast wohl wieder vergessen, dass wir hier nicht mehr an der Tür klingeln? Du weißt ja nie, wann Tom gerade schläft, nicht wahr?“ flötete sie letztes Mal zur Begrüßung. Und ob ich denn mein Handy auf lautlos gestellt hätte?

Als ich in meinen Gäste-Pantoffeln ins Wohnzimmer schlich, schlief Tom friedlich auf seiner Kuscheldecke. Trotz meiner heftigen Klingel-Attacke. Er ist wirklich zuckersüß!

„Scheiße!!!!“ Mir fiel mein Schlüsselbund, das ich noch in der Hand hielt, aufs Parkett. In dieser Flüster-Atmosphäre klang das wie ein Donnerschlag. Tom zuckte nur einmal im Schlaf zusammen, aber Marie kam ins Wohnzimmer gestürzt und schrie begeistert: „Hihiiiiii, du hast SCHEISSE gesagt! Das sagt man nicht!“ Stimmt. Und ich bemühe mich wirklich – wenn ich hier zu Besuch bin. Denn da draußen, im wahren Leben, fluche ich wie ein Bierkutscher.

Wortlos hielt mir Ela ein Glas hin, in dem ein paar Münzen klirrten. Ich schaute sie verwirrt an. „Das ist unsere Böse-Wörter-Kasse“, erklärte sie mir. Echt jetzt!?? Ja, echt jetzt. Ich kramte einen Euro aus meiner Tasche und warf ihn ins Glas. Extra laut, um ehrlich zu sein.

Nachdem sie Marie ausführlich erklärt hatte, warum sie hier nicht so herumschreien darf, machte Ela mir einen Kaffee (entkoffeiniert) und es gab abgezählte Dinkel-Kekse. Tom war inzwischen tatsächlich wach und Ela und Max somit beschäftigt. Beide. Komplett. Mit einem gut gelaunten Baby.

Na, egal, ich tobte mit Marie herum und wir spielten Prinzessin. Ela schaute mich mit hochgezogenen Augenbrauen an, eigentlich gefiel ihr das „sehr einseitige Frauenbild“, dass Marie dadurch kennenlernte, nicht besonders. Wusste ich – und hatte Marie ein kleines Diadem mitgebracht, das sie voller Stolz trug. Das freute mich. Als ich Elas Blick sah, schämte ich mich kurz ein bisschen, dass ich dieses „typische Mädchen-Geschenk“ auch ein wenig aus Trotz ausgesucht hatte, um die angestrengt genderneutral (oder das, was sie dafür halten) erziehenden Eltern zu ärgern.

Am Nachmittag heizte Max den Grill an. Yeah, endlich was Vernünftiges zu essen! Eine halbe Stunde später schaute ich traurig auf meine Gemüsespieße und mein Glas, das mit stiller Apfelschorle gefüllt war. Ein Alsterwasser oder eine Weinschorle? „So etwas haben wir gar nicht mehr im Haus!“

Nach dem Grillen wurden die beiden Kinder ins Bett gebracht – und ich zur Tür. Ich ging freiwillig, obwohl Max mir vom Wickeltisch noch ein halbherziges „Du kannst gerne noch bleiben, ne?“ hinwarf. Bei jeder Silbe schwang mit, dass ich zwar natürlich bleiben könne, aber „gerne“? Mir egal, ich musste hier raus.

Ich fühlte mich mal wieder hundeelend. Ich hatte mich den Nachmittag über abwechselnd gelangweilt oder innerlich aufgeregt. Vielleicht lag es ja an mir. Aber wenn „Familie“ so eine unentspannte Atmosphäre und eine völlige Aufgabe des alten Ichs bedeutet – dann wusste ich nicht, ob ich einmal eine haben wollte.

Eigentlich liebe ich Kinder. Und Marie und Tom besonders. Aber ihre Eltern, die mal meine Freunde waren, die stellen die beiden über alles. Sie haben ihre Hobbys vergessen, sagten ständig Termine ab (nicht mal einzeln sind sie mehr zu haben, dabei könnte doch der andere wunderbar auf die Kleinen aufpassen!) und wenn wir uns doch mal trafen, ging es nur um ihre Kinder. Wirklich nur! Deren witzigste Geschichten, Talente, Stuhlfarbe… Ich weiß nicht, wann sie mich das letzte Mal gefragt hatten, wie es mir denn eigentlich geht. Es gibt nur noch „Wir“, niemals „Ich“ und mit der kleinen Marie wird alles durchdiskutiert, bis sie so verwirrt ist, dass sie weint. Mit Argusaugen wird jede ihrer Bewegungen beobachtet, Max läuft „schützend“ hinter ihr her, damit sie sich nirgends stößt.

Nur ab und zu hätte ich mich so gerne in Ruhe mit Ela unterhalten. Foto: Bigstock

Der einzige Kontakt, der noch von Ela und Max Seite ausging, waren WhatsApp-Nachrichten. Mit Fotos ihrer Kinder. Vielen, vielen Fotos, die sich irgendwie ja doch alle ähneln. Zu Weihnachten kam eine Karte ins Haus geflattert mit einem so absurd glücklich-idyllischen Familienfoto, dass ich es fast für Ironie gehalten hätte. Aber nein, Ironie können Ela und Max ja gar nicht mehr.

Ich vermisse meine Freunde. Mir ist durchaus bewusst, dass wir nicht mehr trinkend um die Häuser ziehen können und dass Spontaneität mit Kindern wirklich schwierig ist. Ich war bereit dazu, Nachmittage mit den Kleinen zu verbringen, supergerne sogar. Nur wollte ich eben danach, wenn sie schlafen, auch noch ein paar Stunden mit „meinen“ Ela und Max verbringen, und nicht mit ihrer Eltern-Version. Wenigstens ab und zu!

Eigene Kinder verändern Menschen, es wäre ja auch komisch, wenn nicht. Ganz sicher auch zum Guten. Aber ich musste mir eingestehen, dass ich mit der Veränderung von Ela und Max nicht klar kam. Sie die klugen, lockeren Eltern mit den Super-Kindern, die am besten das Wichtigste im Leben des kompletten Umfelds sein sollten. Und daneben ich, ahnungs- weil kinderlos, trampelig, nicht interessiert genug und irgendwann in meiner Entwicklung zur Erwachsenen stehengeblieben. Ein bisschen störend, wenn ich in die Idylle ihrer Familie eindrang.

Dazu hatte ich keine Lust mehr – und Ela und Max eigentlich auch nicht, da war ich mir sicher. Wehmütig schrieb ich ihnen einen Brief, in dem ich erklärte, wie ich mich fühlte. Und dass es wohl keinen Sinn mehr macht, unseren Kontakt aufrecht zu erhalten.

Per WhatsApp kam die Antwort von Ela. Sie stimmt mir zu, es passe wohl nicht mehr so gut mit uns. Wie traurig das doch sei! Sie wünschte mir aber noch, dass ich auch einmal dieses Glück erfahren dürfte, das Kinder einem bringen. Eine Minute darauf piepste mein Handy nochmal: Ela hatte mir ein Foto von Tom geschickt, der Max Brille aufhatte. „So lustig, unser Kleiner hat schon ganz viel Humor!“

Ich nicht mehr. Ich löschte Elas Handynummer.“

 

Wir sind gespannt: Könnt ihr diese Geschichte nachvollziehen? Passt es einfach mit manchen Freunden nicht mehr, wenn man Kinder bekommt?

Echte Mamas

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