„Baby, ich erklär dir das!“: So werden unsere Söhne keine Mansplainer

Sicher kennt ihr auch diese Typen, die nichts schöner finden, als uns Frauen ungefragt die Welt zu erklären. Dieses „Mansplaining“ (zusammengesetzt aus „man“ und „explaining“) ist supernervig. Auch mein Sohn will mir immer wieder ausschweifend seine Überzeugungen verklickern. Ganz egal, ob er sich mit einem Thema auskennt oder nicht. Er ist erst sieben Jahre alt, weswegen ich ihn dabei meistens süß und fantasiereich finde. Aber manchmal zucke ich doch zusammen. Auf keinen Fall will ich nämlich, dass  er irgendwann mal zu diesen Männern gehört – und das hat Gründe:

 „Mansplaining“ ist nicht nur eine harmlose Macke

Die Aufmerksamkeit auf dieses Phänomen gelenkt hat die Schriftstellerin Rebecca Solnit. Sie besuchte eine Party, wo sie ein älterer, gut situierter Typ in ein Gespräch verwickelte. Kaum hatte sie den Namen eines berühmten Fotografen erwähnt, über den sie ein Buch geschrieben hatte, unterbrach der Mann. Nicht, um ihr Fragen zu ihrer Arbeit zu stellen, sondern um sie direkt über ein wichtiges Buch zum gleichen Thema zu belehren. Später stellte sich heraus, dass er  es nur aus Rezensionen kannte. Das hielt ihn aber nicht davon ab, laaaaaange zu reden. Die Einwürfe einer fast verzweifelten Freundin von Solnit ignorierte er. Was sie ihm zu sagen versuchte? Dass er genau über das Buch sprach, das Solnit geschrieben hatte.

Ähnliches passierte der Wissenschaftlerin Jessica McCarthy bei einem NASA-Treffen. Ein Mann behauptete, sie hätte einen bestimmten Zusammenhang nicht kapiert. Klar, dass er ihr sofort eine Studie zum Thema empfahl – ihre eigene, wie sie ihm schnell klarmachte.

Solche Männer können sich einfach nicht vorstellen, dass  Frauen irgendetwas Bedeutendes zu sagen hätten. Und das ist leider alles andere als eine kleine Macke. Es zeigt sich darin ein  – vermeintliches – Machtgefälle. „Ich, Alpha-Männchen, oben. Du, Beta-Weibchen, unten.“

Trotzdem: Nicht jeder kleine Erklär-Bär ist ein Mansplainer

Der Trend-Begriff Mansplaining wird gerade ganz schön inflationär gebraucht. Meine Männer haben zum Beispiel beide den Drang, ihre Erkenntnisse umgehend und ausführlich zu teilen. Sie sind neugierig und begeisterungsfähig. Das ist manchmal durchaus fordernd, ist aber noch kein Mansplaining. Dabei steht nämlich das „Man“ im Vordergrund: Männer, die denken, sie hätten zu allem etwas zu sagen, allein weil sie Männer sind. Ganz egal, ob sie Ahnung haben oder nicht. Dass Frauen nichts Wichtiges oder gar Richtiges zu sagen haben, ist aber ein Irrglaube mit teils gefährlichen Folgen. Zum Beispiel, wenn Männer denken, sie dürften entscheiden, was sexistisch oder gar ein sexueller Übergriff ist. Diese Einstellung hat in Gerichten immer noch oft entsprechende Folgen für den Täter – nämlich keine.

Deswegen finde ich es gut, Kinder frühzeitig dafür zu sensibilisieren, wie sie angemessen kommunizieren. So lange sie klein sind, ist „Besserwisserei“ aber völlig normaler Bestandteil der Kindesentwicklung – bei Mädchen und bei Jungs. Es ist nicht böse gemeint, wenn sie Gespräche unterbrechen, weil gerade ganz schnell etwas für sie viel Wichtigeres raus muss. Im Umgang mit etwas größeren Kindern finde ich die Unterscheidung ziemlich gut, die Arielle Tschinkel auf Scary Mommy zu diesem Thema macht. Sie trennt dabei zwischen „Wusstest du schon, dass…“ und „Also, eigentlich ist es so, dass…“ Bei Ersterem geht es darum, Neugierde zu teilen, bei Letzterem darum, Recht zu haben oder den anderen zu übertrumpfen.

Was, wenn die Besserwisserei langsam Überhand nimmt?

Empfohlen wird, belehrende Rechthaberei nicht groß mit Aufmerksamkeit zu bestärken, aber auch keinen Wettkampf zu starten, in dem man mit eigenem Wissen auftrumpft. Besser sei etwas wie: „Hmm, ich bin mir da nicht ganz sicher. Aber es scheint dir wichtig zu sein, sollen wir es zusammen herausfinden?“ Gilt natürlich auch für Mädchen.

Ich jedenfalls hab’s prompt für meinen Alltag übernommen, und es funktioniert ziemlich gut. Die Frage nimmt unserem Sohn (und mir) den Wind aus den Segeln. Vorher hätte er auf seine Ansichten über das Paarungsverhalten von Feuerkäfern vehement beharrt und sie seeeeeehr lange ausgeführt. Ich hätte womöglich dagegen gehalten. Dabei weiß ich selbst gar nicht so genau, was die Käfer so treiben, sondern nur, dass es jedenfalls nicht so funktionieren kann, wie er es sich überlegt hat. Jetzt schauen wir einfach gemeinsam nach – und lernen beide was.

Soll ich das Problem „Mansplaining“ bei meinem Sohn thematisieren?

Nö, besser nicht. Wenn du ihm mit männer- und frauentypischen Macken kommst, rutschen wir schnell wieder in den Geschlechtermist. Auf keinen Fall sollen unsere Söhne denken, dass man als Mann automatisch ein Täter oder Blödmann ist. Besser: die Empathie trainieren, und zwar bei Mädchen und Jungs. Wenn dein Kind über andere motzt, rege es an, sich in dessen Lage zu versetzten. Bitte es freundlich, zu warten, bis andere ausgeredet haben. Das alles macht empfänglicher für die Bedürfnisse und Signale anderer – zum Beispiel das genervte Augenrollen von Frauen, die gerade belehrt werden. Das nützt nicht nur Jungs im Gespräch mit Mädchen etwas, sondern  Menschen generell im Umgang mit anderen.

Speziell für Jungs gilt: Manchmal, nicht immer absichtlich, wird ihnen heute noch vermittelt, dass Männer stark sein sollten. Kein Wunder, wenn sie lieber den Alleswisser und -könner geben, anstatt Schwächen zu zeigen. Sie brauchen deshalb männliche UND weibliche Vorbilder, damit ihnen gar nicht erst der Gedanke kommt, Frauen könnten nur Ponyreiten, Einhörner streicheln und sich vom Helden retten lassen. Pippi Langstrumpf ist mindestens so cool wie Kalle Blomquist, und Wonder Woman steht Superman in nichts nach.

Hol den Papa mit an Bord und zeigt eurem Sohn, dass es  voll okay ist, auch mal absolut keinen Plan zu haben. Oft verhalten sich Eltern bei ihren Kindern nämlich ein bisschen wie Mansplainer gegenüber Frauen: Sie beharren darauf, alles besser zu wissen, nur weil sie erwachsen sind. Im Bus und auf der Straße höre ich manchmal, wie Eltern ihren Kindern Quatsch erzählen, weil sie auch nicht zugeben mögen, dass sie keine Ahnung haben. Schon deshalb schlagen wir öfter mal mit unserem Sohn knifflige Fragen nach. Vielleicht wird er sich so auch in Zukunft davon überzeugen wollen, dass er zumindest weiß, wovon er spricht, bevor er loslegt. Das ist bei Mansplainern meistens nicht der Fall.

Jana Stieler

Ich lebe mit Mann und Sohn im Süden Hamburgs – am Rande der Harburger „Berge“ (Süddeutsche mal kurz weghören: Der höchste Punkt misst immerhin sagenhafte 155 Meter ü. M.). Wenn ich nicht gerade einen Text verfasse, liebe ich Outdoor-Abenteuer mit meiner Familie, lange Buch-Badewannen-Sessions mit mir allein und abendliches Serien-Binge-Watching.

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