Angeblich schadet falsches Lob meinem Kind. Ein Selbsttest

Als ich selbst klein war, war das Loben noch keine Wissenschaft. Gewiss war aber: Mein Bruder und ich hätten uns oft ein wenig mehr davon gewünscht. Nur ein einziges Mal hätten wir gerne „Du bist super“ gehört, anstelle von „Na, du kannst doch, wenn du willst“, wenn es doch einmal gelungen war, eine Eins in der Klassenarbeit zu schreiben.

Natürlich habe ich mir danach vorgenommen, meinem Sohn (3) deutlich zu zeigen, wie super ich es finde. Ärgerlich nur, dass Loben in der Zwischenzeit doch eine Wissenschaft geworden ist. Erziehungsexperten behaupten, dass es Kinder unglücklich und faul zu macht, wenn man die Regeln nicht kennt. Verkorkse ich mein Kind also total, wenn ich ihm sage, was ich früher gerne selbst gehört hätte?

Der Selbst-Check – wann, wie oft und wieso lobe ich überhaupt?

Einen Tag lang führe ich Protokoll und erkenne erschrocken, dass ich meinen Sohn geradezu inflationär mit Lob überhäufe. „Du bist echt schlau/mutig/nett, mein Schatz“, entfährt mir bei jeder passenden Gelegenheit. Aber kommt jeder Juchzer noch genauso von Herzen wie damals, als er seinen ersten Schritt machte? Leider nein, muss ich zugeben. Im Alltag lobe ich oft automatisch, ohne wirklich bei meinem Sohn zu sein.

Auch lobe ich ihn oft, wenn er etwas macht, dass ich von ihm gerne häufiger sehen möchte. Etwa, wenn er sich hilfsbereit zeigt. Auch das ist falsch, sagt zum Beispiel der aktuelle Erziehungsgott und Buchautor Jesper Juuls. Das sei nämlich gar kein echtes Lob, sondern Manipulation, damit er so funktioniert, wie ich mir das wünsche. So lerne mein Sohn nicht, dass dieses Verhalten richtig ist, sondern nur, dass er dafür positive Aufmerksamkeit erhält.

An diesem Tag lege ich unserem Jungen das saubere Besteck aus dem Geschirrspüler in die kleinen Hände (wir beuten ihn nicht aus, er will unbedingt helfen). „Legst du es bitte in die Besteckschublade“, sage ich knapp, aber freundlich. Mühsam verkneife ich mir, jedes Mal „Super“ zu brüllen, sobald er wieder einen Löffel von A nach B getragen hat. Und siehe da: Er wetzt begeistert hin und her und bittet um noch mehr Aufgaben. Vielleicht brauchen Kinder nicht immer eine wortreiche Ermutigung, vielleicht wollen sie nur nicht entmutigt werden. Niemals werde ich also sagen, was ich selbst oft gehört habe: „Gib her, das dauert sonst zu lange.“

Für Bessermacher: Die Anstrengung loben, nicht das Kind

Du bist Super“ geht streng genommen gar nicht! Wer Sätze im Sinne von „Du bist XYZ“ äußert, also die Person lobt, lässt es glauben, dies seien ihre unveränderlichen Eigenschaften. Die Folge: Die Kinder hängen ihre Messlatte niedriger, weil sie nicht wissen, dass man durch Anstrengung viel verändern kann. Sie wollen keine Fehler machen, bekommen Angst vor dem Scheitern. Das belegte etwa eine Studie der Uni Utrecht. Lobt man hingegen das Bemühen, ermutigt man Kinder, über sich selbst hinauszuwachsen. Diese Kinder haben erfahren, dass es keine Katastrophe ist, zu scheitern, sondern es nur schade ist, wenn man es nicht zumindest versucht. Als mein Sohn beim Wettrennen mit seinen Freunden Letzter wird, überlege ich, wie ich damit umgehe. „Du bist super“ würde sich in diesem Moment selbst für einen Dreijährigen wie eine Verarsche oder eine Mitleidsnummer anfühlen. Deshalb sage ich: „Toll, dass du beim Laufen noch weitergerannt bist, obwohl du schon ganz schön aus der Puste warst.“ Er sieht immer noch ein wenig enttäuscht aus, aber immerhin nicht total geknickt.

Auch wichtig: Ganz konkret werden

Kinder sind schlau, sie erkennen ein automatisches Lob sofort, erfahre ich von dem Erziehungsexperten. Ich fühle mich ertappt, weil ich genau das meinem Sohn schon zig Mal zugemutet habe. Ein abwesendes Tätscheln über das Haar, ein paar nette Worte, die Hand am Smartphone. Man kann im Alltag nicht immer voll präsent sein, aber beim Loben will ich es zumindest versuchen, gelobe ich. Mein Sohn zeigt mir ein Bild. Es zeigt grünes Krickel-Krackel. Jede Menge davon. Früher hätte ich gesagt: „Oh, das ist ein tolles Bild, danke!“ Oder: „Du bist ja ein richtiger Maler.“ Doch Kinder fühlen sich auf diese Weise nicht ernst genommen, weiß ich nun. Sie wollen, dass man sich mit ihrem „Werk“ auseinandersetzt. Am besten solle man einfach beschreiben, was das Kind „geleistet“ habe – ohne zig Adjektive wie „großartig“, „spitzenmäßig“ oder „einmalig“ ranzuhängen.

Du hast ein schönes Grün gewählt. Es erinnert mich an ganz viele Blätter, an einen Dschungel.“ Ich merke selbst, wie seltsam das klingt und wie verkrampft. Diese Art des Lobens fühlt sich noch fremd an. Kein Wunder, dass mein Sohn mich genervt ansieht. „Das ist eine Eisenbahn.“ „Oh“, sage ich. „Warum ist sie grün?“ Mein Sohn rastet aus, dabei sollte doch ein intensives Gespräch über sein Bild entstehen.

Aber doof finde ich diese Grundidee des richtigen Lebens nicht. Ich werde ihr sicher noch ein paar Chancen geben. Wenn mein Sohn das nächste Mal auf ein Klettergerüst klettert, sage ich nicht: „Du bist super.“ Nein, ich werde jeden seiner Schritte genau am Ende beobachten und sagen. „Du bist alleine diese vielen Sprossen hinaufgeklettert und ganz oben angekommen.“ Sicher werde ich nicht an jedem Tag bereit sein, aus dem Loben eine Wissenschaft zu machen. Das ein oder andere Mal werde ich auch noch geistesabwesend „Super“ rufen. Aber insgesamt möchte ich ihn seltener, dafür aber bewusster loben. Und wenn das nicht immer klappt, ist das auch o.k. – schlimmer wäre, ihn gar nicht zu loben, auch da sind sich die Forscher (vorerst) einig.

Tamara Müller

Als süddeutsche Frohnatur liebe ich die Wärme, die Berge und Hamburg! Letzteres brachte mich vor fünf Jahren dazu, die Sonne im Herzen zu speichern und den Weg in Richtung kühleren Norden einzuschlagen. Ich liebe die kleinen Dinge im Leben und das Reisen. Und auch wenn ich selbst noch keine Kinder habe, verbringe ich liebend gerne Zeit mit ihnen.

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