Abstillen – die Geschichte eines schweren Abschieds

Nun sitze ich hier unter Tränen und muss mich verabschieden. Nein, ich muss nicht. Aber ich will. Irgendwie. Ich muss abstillen.

Die letzten Tage und Wochen waren kräftezehrend. Das vergangene Wochenende unendlich anstrengend.

Und doch bringe ich diese Entscheidung nur schwer übers Herz.

Heute habe ich es ausgesprochen und fühle mich fürchterlich: Ich werde abstillen.

Ich muss den Gedanken verwerfen, mein Kind für die ersten Monate seines Lebens zu stillen. Diese besonderen Momente zwischen Mutter und Kind zu genießen, die meiner Meinung nach nur das Stillen mit sich bringt. Diese Nähe, wie sie enger und inniger nicht sein kann. Ihre kleinen Finger in meinem Dekolleté. Natürlich gebe ich meinem Kind auch mit der Flasche genügend Liebe, Wärme und Geborgenheit. Und auch Flaschenkinder werden groß. Aber Stillen ist und bleibt etwas Besonderes. Von der Natur so vorgesehen und einfach wertvoll.

Es ist schwierig, in Worte zu fassen, was in mir vorgeht und was die Hormone gerade veranstalten. Vielleicht fragt ihr Euch, wie ich zum abstillen komme. Hier meine Geschichte:

Bereits bei meinem ersten Kind lief das Stillen nicht ganz nach Plan. Auch da musste ich nach fünf Monaten aufgrund immer wiederkehrender Brustentzündungen abstillen, weil es einfach nicht mehr tragbar war. Dieses Mal sollte es besser laufen und ich habe bereits im Krankenhaus alles dafür getan, dass die Stillbeziehung gut beginnt und läuft.

Ich habe Hebamme, Schwester, Stillberaterin und Co. von Beginn an zu Rate gezogen, wo immer ich konnte.

Nachdem wir die Brustentzündungen dieses Mal erfolgeich bekämpfen konnten, erholten sich leider meine Brustwarzen nicht. Es gab nichts, was ich unversucht ließ.

Ich fuhr tagtäglich ins Krankenhaus zum Lasern. Ich probierte es mit Heilwolle, Kompressen und sämtlichen Crèmes. Ich kenne jetzt eine Vielzahl an Globuli.

Immer und überall hörte ich, dass es mit der Zeit besser wird. Aber das wurde es nicht.

Also stillte ich nur noch unter Schmerzmitteln, weil es der einzige Weg war, schmerzfrei zu sein und das Stillen zu „genießen“. Doch selbst die Schmerzmittel konnten den Schmerz nur eindämmen, nicht aber komplett lindern.

Irgendwann erholte sich die eine Seite und das Stillen wurde (zumindest auf dieser Seite) angenehm. Auch ohne Schmerzmittel. Ich hoffte, dass auch die zweite Brust sich erholen würde. Leider passierte das nicht. Im Krankenhaus erklärte man mir schließlich, das Ganze läge an der Anatomie meiner Brustwarzen. Die entzündete Seite sei eine Schlupfwarze, diese brauchen länger zum Heilen. Bei meiner Brustwarze sah es leider danach aus, als erhole sie sich gar nicht. Ich hoffte weiter und biss die Zähne zusammen. Wochenlang. Das war auch für meinen Mann manchmal schwer zu ertragen.

Und wenn ich das Schmerzmittel wegließ, ging das Anlegen oft nur unter Tränen. An manchen Tagen hatte ich Angst davor, dass die Kleine Hunger bekommt.

Vergangene Woche besprach ich die Situation erneut mit der Hebamme. Wir erkannten beide, dass die Brustwarze sich verschlimmert hatte und selbst in den kommenden Wochen keine Heilung in Aussicht steht.

Vor allem nicht, wenn mein Kind weiter daran trinkt. Also versuchten wir übers Wochenende die Variante, an dieser Seite abzupumpen und die Flasche zu geben. In der Theorie klang das auch ganz ok. War es aber nicht. Das Wochenende war grauenvoll. Ich fühlte mich eingeschlossen und konnte außer Stillen, Abpumpen, Flaschen reinigen und auskochen so gut wie nichts machen. Es war irgendwie frustrierend. Zumal es in unserem Leben eben auch noch ein weiteres Kind gibt. Und uns.

Durch die Milchpumpe erholte sich auch diese Brustwarze. Ich hoffte, es ginge bergauf. Ich hoffte, nach einer Weile mit der Pumpe wieder normal stillen zu können.

Da mein Kind aber größer wird, stärker saugt und damit deutlich mehr Druck auf die Brustwarze ausübt als die Milchpumpe, erklärte die Hebamme mir realistisch, dass sie nach einigen Tagen wieder so aussehen würde wie vorher und wieder Schmerzen verursachen würde. Diese wollte ich nicht noch einmal erleben. Zumal keine Besserung in Sicht ist und ich unmöglich monatelang mit derartigen Schmerzen stillen kann und will.

Es gibt neben meinem Baby eben auch noch mich. Als Mutter. Aber auch als Frau. Und vielleicht ist es an der Zeit, auch zu überlegen, wie es mir besser geht.

Leider fand mein Baby die Variante mit der Flasche überhaupt nicht gut. Nur nach langem Protest und herzzerreißendem Geschrei akzeptierte sie schließleich einen Sauger. Lieber wollte sie die Brust und ich kann es ihr nicht verübeln.

Für mich als Mutter ist es grauenvoll, dieses kleine Menschlein in den Armen zu halten, wenn sie mich mit ihren riesigen und hilflosen blauen Augen ansieht. Sie schreit. Aus Leibeskräften und will doch eigentlich nur eines. Muttermilch. Aus meiner Brust.

Ich fühle mich egoistisch, weil ich diesem Wunsch nicht nachkomme. Nicht nachkommen kann, weil ich die Schmerzen nicht mehr aushalte. Es ist fürchterlich, wie sie mich mit Blicken anbettelt. Wie sie ihre Hände hilfesuchend um mein Handgelenk presst. Und es ist noch viel schlimmer, ihrem Wunsch nicht zu geben.

Selbst nach einigen Tagen ist das Geben der Flasche ein Kraftakt, der an die Substanz geht. Dieses Geschrei, bevor sie endlich aber widerwillig die Flasche trinkt. Deshalb entscheide ich, dass sowohl ich als Mutter als auch mein Baby eine Entscheidung brauchen. Entweder Flasche oder Brust. Da ich ihr die linke Brust sowieso nicht geben kann und einseitiges Stillen für mich -warum auch immer- nicht in Frage kommt, entscheide ich fürs Abstillen. Und es zerreißt mir das Herz.

Natürlich gibt es Varianten, weiter zu stillen. Natürlich könnte ich dauerhaft abpumpen. Natürlich könnte ich eine Seite abstillen und mit der anderen weiter stillen. Natürlich gäbe es auch einen möglichen Mix aus Flasche und Brust.

Aber letztendlich muss jeder für sich entscheiden, welche Möglichkeit er für alltagstauglich hält und welche nicht. Wie meine Stillberaterin feststellte – und damit unglaublich Recht hat – bin ich der „Ganz-oder-Gar- nicht-Typ“. Dementsprechend kommt für mich nur beideitiges Stillen oder Flasche in Frage.

Für mich ist es super schwer und ich bin unendlich traurig, diese Entscheidung getroffen zu haben. Wollte ich doch so unbedingt stillen, hatte die besten Voraussetzungen. Es ist schmerzlich zu wissen, dass es das letzte Kind ist und dass ich den Zauber des Stillens nie wieder erleben kann. Leider fürchte ich, dass ich daran eine Weile zu knabbern haben werde.

Nach allen Experimenten und Erfahrungen der letzten Wochen habe ich keine Kraft für weitere Experimente und sehe keine der Varianten für mich passend.

Warum auch immer rechtfertige ich mich vor mir selbst und meinem Kind: Ich habe mir wirklich alles abverlangt, um das bestmögliche rauszuholen und musste jetzt eine dauerhafte Entscheidung treffen. Ich gebe auf. Und wer mich kennt, der weiß, wie ungern ich das ausspreche und tue.

Aus Erfahrung weiß ich aber auch, dass es nach einigen Tagen „Hormonschock“ gut sein wird. So wie es ist. Es ist wirklich erstaunlich, zu was Hormone in der Lage sind. Tatsächlich fühle ich mich, als würde ich trauern. Um etwas sehr Wertvolles. Und da dürfen eben auch Tränen kullern. Finde ich.

Ich hoffe, dass es andere Mütter gibt, die mich verstehen.

Dieser Artikel wurde zuerst auf dem Blog „Chaos & Queen“ veröffentlicht. Vielen Dank an Mama Jule für diesen ehrlichen Bericht und danke, dass du deine Erfahrungen mit uns teilst!

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Wiebke Tegtmeyer

Nordisch bei nature: Als echte Hamburger Deern ist und bleibt diese Stadt für mich die schönste der Welt. Hier lebe ich zusammen mit meinem Mann und unseren beiden Kindern.

Seit 2015 sind wir Eltern einer zauberhaften Tochter. Zwei Jahre später kam ihr kleiner Bruder auf die Welt, und unsere Familie war komplett. Zusammen sind die beiden ein unschlagbares Team, das sich nur allzu gern gegen Mama und Papa verbündet.

Abgesehen von meiner Familie liebe ich den Hafen, fotografiere gern und gehe gern zu Konzerten und zum Fußball. Bei Echte Mamas kann ich meine Leidenschaft für Texte und Social Media ausleben – und darüber freue ich mich sehr.

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