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Alle raten mir zur Osteopathie. Macht die Behandlung wirklich Sinn?

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Sie ist einer der häufigsten Tipps in unserer Echte Mamas Facebook Gruppe, wenn eine verzweifelte Mama um Rat für ihr Baby fragt: Die Osteopathie. Sie soll unter anderem bei Dreimonatskoliken, Hüftfehlstellungen, Stillproblemen und chronischen Mittelohrentzündungen helfen. Sogar Neurodermitis soll angeblich durch sie therapiert werden können. Inzwischen vertrauen tausende junger Eltern auf die Osteopathie. Doch was genau steckt eigentlich hinter der wundersamen Praktik?

Was genau ist eigentlich Osteopathie und was bewirkt sie?

Osteopathische Behandlungen gehen auf den amerikanischen Landarzt Andrew Taylor Still zurück, der Ende des 19. Jahrhunderts praktizierte. Er ging davon aus, dass Verspannungen und Fehlstellungen in der Wirbelsäule die Ursache für bestimmte Krankheiten seien, da sie die Lymph- und Blutgefäße blockieren können.

Die Osteopathie versucht, diese Blockaden durch spezielle, mit den Händen ausgeübte Drucktechniken zu beheben und so eine optimale Ausrichtung von Muskeln und Skelett zu erwirken. Die Osteopathie ist also prinzipiell sehr sanft und kommt beinahe gänzlich ohne medizinische Hilfsmittel und Geräte aus.

Das Besondere an der Osteopathie ist zudem, dass sie den Menschen ganzheitlich betrachtet. So werden die Eltern ausführlich zur Vorgeschichte, also etwa der Geburt ihres Babys befragt, damit sich der behandelnde Therapeut ein umfassendes Bild machen kann. Der Geburtsvorgang und dabei eintretende Komplikationen sind aus osteopathischer Sicht nämlich potentielle Ursachen für mögliche Funktionsstörungen.

Warum ist die Osteopathie gerade bei Eltern so beliebt?

Viele Eltern empfinden die Osteopathie gerade für ihre Babys und Kinder als ideale Alternativbehandlung, weil sie sanft und wenig bis gar nicht invasiv ist. Ein Behandlung kann manchmal geradezu als Kuscheleinheit abgehalten werden, bei der das Baby eingewickelt in weiche Decken auf Mamas Arm verweilt. Das ist nicht nur für die Kinder sehr stressarm, sondern natürlich auch für die Eltern.

Bei vielen osteopathischen Anwendungen kann das Baby sogar auf Mamas Arm bleiben. Foto: Bigstock

In immer mehr Städten, darunter etwa Kassel, Wiesbaden und Hamburg, wird inzwischen sogar ein sogenannter osteopathischer Check-up angeboten. Dieser orientiert sich zum Teil an einer Studie des Sozialpädiatrischen Zentrums Frankfurt Mitte unter der Leitung von Dr. med. Heike Philippi , welche Hinweise auf die therapeutische Wirksamkeit einer frühkindlichen osteopathischen Behandlung bei Haltungsasymmetrien von Säuglingen geben soll.

Was bei vielen Eltern ebenfalls gut ankommt ist, dass bei einer osteopathischen Behandlung viel Zeit in Vorgespräche investiert wird, damit sich der Arzt ein ganzheitliches Bild von seinen Patienten machen kann. Das umfangreiche Interesse an der Vorgeschichte gibt Patienten das Gefühl, besonders gut aufgehoben zu sein und verstanden zu werden. Ein Gefühl, das nicht nur Eltern in so mancher Arztpraxis heutzutage vermissen, obwohl auch dort natürlich eine gründliche Anamnese und Diagnose jeder Behandlung vorausgehen muss.

Hinzu kommt, dass wir Mamas uns gern untereinander austauschen und uns gegenseitig mit Ratschlägen unterstützen. Hat die eine Mama gute Erfahrungen mit einer osteopathischen Behandlung gemacht, empfiehlt sie diese natürlich weiter – wie in der Echte Mamas Gruppe.

Warum steht Osteopathie bei vielen Wissenschaftlern und Ärzten so stark in der Kritik?

Viele Mediziner und Naturwissenschaftler stehen der Osteopathie dennoch kritisch gegenüber. Aussagekräftige Studien, welche die Wirksamkeit eindeutig bestätigen, liegen nämlich nur für einen der insgesamt drei Teilbereiche der osteopathischen Therapie vor, nämlich für die parietale Osteopathie, welche den Bewegungsapparat aus Muskeln und Gelenken behandelt.

Die Wirksamkeit der sogenannten viszeralen Osteopathie, welche die inneren Organe betrifft, sowie der umstrittenen kraniosakralen, das Gehirn und Rückenmark betreffenden Osteopathie, konnte in Studien bisher gar nicht oder nicht hinreichend nachgewiesen werden.

„Die Zeit“ zitierte dazu vor einiger Zeit einen Artikel aus dem Fachjournal „Pediatrics“, wo es sehr deutlich heißt: „Allgemein betrachtet, befürworten kleine und verzerrte Studien die osteopathische Behandlung, während die größten und methodisch korrekten Studien keinen Effekt zeigen konnten. (…) Die mangelnde methodische Qualität und der Mangel an Studien überhaupt ist bemerkenswert. Solange keine Daten vorliegen, kann die Osteopathie nicht als effektive Therapie für Kinder betrachtet werden, und Osteopathen sollten das auch nicht behaupten.“

Auch sei die Osteopathie trotz aller Sanftheit nicht risikofrei, vor allem wenn sie ohne oder mit nicht ausreichender vorheriger medizinischer Untersuchung und Diagnose durchgeführt wird. Dies gilt vor allem dann, wenn die behandelten Körperpartien bereits vorgeschädigt sind.

Aus diesen Gründen distanzieren sich einige (Kinder-) Arztpraxen sehr deutlich von der Osteopathie und stellen ihren Patienten bewusst keine Rezepte oder Verordnungen dafür aus. Das hat auch Haftungsgründe, denn der Arzt ist für seine Therapieverordnung verantwortlich und demnach auch haftbar, wenn etwas schief geht oder übersehen wurde.

Die Deutsche Gesellschaft für Manuelle Therapie äußert deshalb in einem „Positionspapier zur Osteopathie in Deutschland“, dass nur Fachärzte mit osteopathischer Zusatzqualifikation entsprechende Therapien durchführen sollten, da nur diese „die Patientensicherheit, die Einbindung dieser Verfahren und Techniken in komplexe, evidenzbasierte therapeutische Strategien und ggf. das Management von Komplikationen auf dem Boden internationaler Standards ausreichend gewährleisten“ könnten.

Neben Fachärzten wie beispielsweise Orthopäden dürfen in Deutschland übrigens auch Heilpraktiker und Physiotherapeuten mit entsprechender Zusatzqualifikation die Osteopathie berufs- und gewerbsmäßig anwenden.

Zahlreiche Krankenkassen gewähren inzwischen Zuzahlungen zu osteopathischen Behandlungen. Weil deren Wirksamkeit jedoch nicht ausreichend wissenschaftlich belegt sei, stehen die Kassen bei Ärzten und Wissenschaftlern stark in der Kritik. Ihnen wird vorgeworfen, dass sie mit der Zuzahlung zu „Trendbehandlungen“ wie der Osteopathie auf unverantwortliche Weise neue Kunden anlocken wollten.

Worauf muss ich achten, bevor ich zu einem Osteopathen gehe?

Viele Eltern sind jedoch verständlicherweise verzweifelt, wenn die Schulmedizin ihrem Kind nicht helfen kann oder sie sich vom Kinderarzt nicht verstanden oder ernst genommen fühlen. Klar, dass eine Alternativbehandlung wie die Osteopathie hier Hoffnung macht, vor allem wenn so viele andere Eltern darauf schwören.

Wer die Möglichkeiten der Osteopathie ausprobieren möchte, sollte jedoch vorher unbedingt vom Kinderarzt andere ernsthafte Erkrankungen ausschließen lassen. Die Gefahr, dass möglicherweise etwas übersehen und eine notwendige (schul-)medizinische Therapie versäumt wird, ist andernfalls einfach zu groß.

Wie erkenne ich einen seriösen Osteopathen?

Bei der Auswahl des Osteopathen tun Eltern gut daran, sich an der oben erwähnten Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Manuelle Therapie zu orientieren. Leider ist nämlich die Ausbildung in Osteopathie in Deutschland noch nicht normiert.

So gibt es Ärzte, die in diesem Feld eine drei- bis fünfjährige Zusatzausbildung in Form eines Bachelor- oder Masterstudiengangs absolviert haben. Für die Behandlung von Säuglingen, Kleinkindern und Kindern gibt es zudem eine zweijährige kinderosteopathische Schulung.

Es gibt jedoch auch Fälle, in denen der Therapeut sich lediglich in einem Wochenendseminar im Ausland zum Thema Osteopathie fortgebildet hat. Hier ist dann natürlich Vorsicht geboten.

Im Zweifel sollten Eltern den behandelnden Arzt, Heilpraktiker oder Physiotherapeuten einfach direkt fragen, wie er seine Qualifikation in der Osteopathie erworben wurde. Ein seriöser Arzt macht daraus sicher kein Geheimnis.

Und, habt ihr schon Erfahrungen mit Osteopathie gemacht und wenn ja, welche? Wir sind gespannt.