Echte Mama Geschichten

Ich verlor mein Kind in der 11. SSW und keiner versteht, dass ich Jahre später noch leide

Foto: Bigstock

Wie fühlt es sich an, wenn eine Frau schon sehr früh in der Schwangerschaft ihr Baby verliert? Das kann keiner erahnen, der es nicht selbst erlebt hat. Und daher stößt die große Trauer der betroffenen Mamas häufig auf völliges Unverständnis. Das Ungeborene sei zu dem Zeitpunkt doch noch kein „richtiges“ Baby gewesen, Abgänge vor der 12. Schwangerschaftswoche seien doch nicht ungewöhnlich – so die häufigsten Kommentare aus dem Umfeld der Frau, die soeben noch schwanger war.

Klar, das Leben geht weiter, aber der Schmerz bleibt, wie Mama Bettina aus unserer Echten Mamas Community weiß. Hier erzählt sie, wie sie ihre frühe Fehlgeburt erlebt hat und wie sehr sie bis heute, sechs Jahre nach diesem traumatischen Erlebnis, darunter leidet:

„In der 11. Schwangerschaftswoche habe ich mein Kind verloren. Ich bekam starke Blutungen und fuhr ins Krankenhaus. Dort wurde mir gleich gesagt, dass das Herz meines Babys aufgehört hat zu schlagen.

Warum genau mein Baby starb, weiß ich bis heute nicht. Jahre später stellte eine Frauenärztin fest, dass ich eine starke Stoffwechselstörung habe. Diese kann auch dazu führen, dass es schwieriger ist, schwanger zu werden und dass man ein Baby schneller verliert. Allerdings konnte die Ärztin nicht nachvollziehen, ob ich diese Krankheit schon zu der Zeit meiner ersten Schwangerschaft hatte und sie der Grund für meine Fehlgeburt war.

Nachdem also die Klinikärzte den Herztod meines Kindes festgestellt hatten, wollten sie direkt die Ausschabung vornehmen. Aber als ich allein in einem Wartezimmer die nötigen Papiere ausfüllen sollte, stand ich einfach auf und ging nach Hause. Ich stand einfach zu sehr unter Schock. Die Ausschabung musste ich zu eine späteren Zeitpunkt natürlich trotzdem vornehmen.

Am Anfang behielt ich meine Fehlgeburt eher für mich. Ich sprach mit meiner Familie darüber, aber nicht mit Freunden und Bekannten. Ich habe mir für den Tod meines Kinder die Schuld gegeben und dachte, dass ich nicht damit umgehen könnte, wenn mich andere auch noch verurteilen. Ich litt und igelte mich in der ersten Zeit zu Hause ein. Nach und nach erfuhren dann doch andere von meiner Fehlgeburt, aber eher durch meine Familie als durch mich selbst.

Knapp ein Jahr später bekam ich meinen ältesten Sohn. Inzwischen habe ich drei gesunde Kinder (5 und 2 Jahre und 3 Monate) und kann ich offener über mein Sternchen sprechen. Allerdings bekomme ich in den meisten Fällen eher Reaktionen wie: „Ach, so früh ist es ja nicht so schlimm!“, „Hast ja jetzt drei gesunde.“, „Das war ja noch nicht mal ein richtiges Baby.“ oder „Du warst ja eh noch sehr jung!“. Ich muss mir oft anhören, dass es ja nur ein Zellhaufen gewesen sei und ich froh sein solle, dass die Fehlgeburt nicht später passiert sei. Diese Kommentare treffen mich so sehr, dass kann sich keiner vorstellen.

Ich habe sehr sehr lange Zeit immer wieder von einem kleinen Mädchen geträumt. Ich konnte es nie festhalten, es wurde mir einfach weggerissen. Selbst jetzt, nachdem mir drei weitere Kinder geschenkt wurden, wird meine Fehlgeburt vor allem innerhalb meiner Schwiegerfamilie verharmlost und tot geschwiegen. Nur meine Mama fühlt noch mit mir. Sie sagt immer, dass man merkt, dass mein Ältester ein Zweitgeborener ist…

Inzwischen, nach 6 Jahren, habe ich meinen Frieden mit diesem Thema geschlossen. Ich trauere immer noch, aber ganz bewusst für mich im Stillen.

„Ich trauere immer noch um mein Baby“. Foto: Bigstock

Für alle anderen ist die Welt in Ordnung, habe ich das Gefühl. Auch für den Papa. Wir sind seit neun Jahren ein Paar und er ist ein toller Vater für unsere drei lebenden Kinder. Zwischen uns steht ein stiller Vorwurf. Es kränkt mich sehr, dass ich mit ihm nicht über meine Gefühle sprechen kann und dass ich so gar keine Trauer bei ihm erlebe.

In den ersten Wochen nach dem Tod unseres ersten Kindes hat er mich allerdings komplett aufgefangen. Er hat mich in den durchweinten Nächten gehalten und mir im Nachhinein auch erzählt, dass er große Angst um mich hatte. Ich habe mir nämlich die komplette Schuld an der Fehlgeburt gegeben und dadurch vielleicht auch wenig Zeit, mich mit dem eigentlichen Ereignis auseinanderzusetzen.

Richtige Emotionen habe ich bei meinem Mann nur einmal wirklich gesehen: Ich war mit meinem ältesten Sohn schwanger und hatte bis zur 13. Schwangerschaftswoche immer wieder Blutungen. Das beschwor natürlich böse Erinnerungen hervor und wir beide haben zusammen Woche um Woche gezittert.

Inzwischen sprechen wir allerdings gar nicht mehr darüber, es ist mein eigener Verlust geworden. Trauerzeit kennt eben keine Begrenzung, auch wenn die anderen oft das Gegenteil behaupten.

Die Gedanken an mein Baby werden seltener – dafür werden sie intensiver und liebevoller, wenn ich sie mir erlaube. Das sind oft Momente, in denen es um mich und in mir ganz ruhig ist, zum Beispiel nachts beim Autofahren. Ich habe meiner Tochter einen Namen gegeben, und durch meine Träume und mein Gefühl bin ich mir sehr sicher, dass sie ein Mädchen geworden wäre.

Lange war meine Trauer unkontrolliert und mit ganz viel Wut, Tränen und Selbsthass verbunden. Inzwischen versuche ich, einfach eine gute Vierfach-Mama zu sein, in dem ich auch mit positiven Gedanken an sie denke.

Ausserdem habe ich aufgehört, zu versuchen, es zu verstehen. Ich versuche eher, zu  akzeptieren, dass eben auch ich eine Sternchen-Mama bin.“