Zur Weltstillwoche: Warum provoziert euch Langzeitstillen eigentlich so?

In dieser Woche wird in Deutschland die alljährliche „Weltstillwoche“ begangen. Die World Alliance for Breastfeeding Action hat sie ins Leben gerufen, um – logo – das Stillen zu fördern. Unterstützt wird die Kampagne unter anderem von UNICEF und der WHO.

Gerade weil es in einigen Ländern schwierig ist, qualitativ hochwertige Ersatznahrung zu erhalten, ist das Thema wichtig. Uns erinnert es allerdings leider auch daran, dass Mütter kaum etwas richtig machen können – gerade, wenn es ums Thema Stillen geht. Wer von Anfang an zur Flasche greift, kassiert leicht doofe Kommentare. Noch Schlimmeres müssen sich Mamas anhören, die sich zum Langzeitstillen über das erste Lebensjahr hinaus bekennen.

Mama-Bashing scheint ein beliebter Freizeitsport zu sein

Was für einen Aufschrei es gab, als EX-GNTM-Teilnehmerin Sara Kulka vor ein paar Jahren ein Foto von sich beim Stillen ihres Kleinkinds veröffentlichte! In einem jüngeren Post berichtet sie, wie viele Kritiker*innen darin sogar die Ursache für eine angebliche Beziehungskrise vermuteten.

 

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Ein Beitrag geteilt von Sara Kulka (@sarakulka_)

Sie berichtet von Kommentaren wie: „Wer hält es schon mit so einer Milchtüte auf zwei Beinen aus?“ Oder: „Kein Wunder, dass der Mann sie sitzen lässt, da sie nur stillen kann.“ Echt jetzt? Falls es die Beziehungskrise nicht ohnehin nur in der Klatschpresse gegeben hat, wissen wir doch, dass es für Paarspannungen zig Gründe geben kann. Auch Flaschenmütter und „Durchschnitts-Stillerinnen“ dürften ein Lied davon singen können.

Mayim Bialik – die sympathische Nerd-Darstellerin aus „Big Bang Theory“ – schaffte es wegen ihres Langzeitstillens sogar in die Münchner Abendzeitung (okay, ein Boulevardblatt). Titel: „Promi-Mütter und ihre fraglichen Erziehungsmethoden.“ Besonders ärgerlich ist aber, dass viele ablehnenden Kommentare ausgerechnet von anderen Müttern stammen.

Ich selbst habe übrigens ein halbes Jahr voll gestillt und bis zum Ende des ersten Lebensjahres immer noch ein bisschen. Ich fand es praktisch. Außerdem hat unser Sohn bis zum siebten Monat alles andere als die Brust schreiend verweigert, und es gab für mich keinen Grund, dagegen anzukämpfen. Ich habe falls notwendig sogar in der Öffentlichkeit gestillt, die Brust aber unter einem Tuch verborgen. Alles schön durchschnittlich und diskret bei mir – Glück gehabt. Das macht mich aber weder zum Opfer einer stillfeindlichen Gesellschaft, noch macht es mich zu einer guten Mutter. Meine Wahl war einfach die, die zu uns am besten gepasst hat.

Was heißt Langzeitstillen überhaupt?

Trotzdem würde ich gerne eine Lanze brechen für diejenigen meiner Freundinnen, die nicht stillen konnten oder wollten – aber auch für die Frauen, die es länger als der Durchschnitt tun. Der Gedanke an ein größeres Kind an Mamas nackter Brust scheint für viele unerträglich zu sein. „Ekelhaft.“ „Das nimmt doch seelischen Schaden.“ „Das wird noch nicht satt.“ Aber stimmt das? Und vor allem: Was heißt Langzeitstillen überhaupt?

Durchschnittlich stillen Frauen in Deutschland acht Monate. Da aber viele gar nicht oder kürzer stillen, heißt das im Umkehrschluss, dass sehr viele länger stillen. In einer Studie waren es 16 Prozent der Kinder, die länger als zwölf Monate gestillt wurden. Wie viele Kinder sogar zwei oder drei Jahre aus der Brust tranken, wurde nicht erhoben.

Man kann es durchaus als Teil einer bedürfnisorientierten Erziehung sehen, das Kind aus der Brust trinken zu lassen, bis es von alleine keinen Bock mehr darauf hat. Vielleicht sind diese Mütter aber auch gnadenlose Egoistinnen? Neue Erkenntnisse deuten nämlich darauf hin, dass längeres Stillen Frauen z.B. vor Diabetes und Bluthochdruck schützen kann. Oder, hey, vielleicht machen sie am Ende echt bloß von ihrem Recht Gebrauch, alleine zu entscheiden, was für sie und ihre Familie das Beste ist?

Macht doch bitte alle, was ihr wollt – und lasst anderen die gleiche Freiheit

Übrigens: Langzeitstillen ist keine Erfindung moderner, „verpeilter“ Weichei-Mütter. Bei Naturvölkern entwöhnen sich die Kinder im Schnitt im Alter von drei Jahren, einige werden sogar länger gestillt. Der kindliche Körper ist darauf eingestellt: Der Saugreflex bleibt teilweise bis zum sechsten Lebensjahr erhalten. Außerdem gibt es zwar Empfehlungen, wie lange man mindestens (ausschließlich) stillen sollte: die ersten vier bis sechs Monate. Auf eine notwendige Obergrenze deutet hingegen nichts hin. Erste Studien scheinen eher die Vorteile des langen Stillens zu belegen: Da sich die Milch auf die Bedürfnisse des Kindes anpasst, stecken im zweiten Lebensjahr noch mehr Antikörper und Enzyme drin. Weder waren schädliche Effekte auf die Seele, noch auf den Körper der Kinder zu beobachten – solange sie ansonsten beigefüttert und ernährt werden wie empfohlen.

Umgekehrt lässt sich aber auch nicht daraus ableiten, dass in Zukunft am besten alle so lange stillen sollten. Bei vielen Naturvölkern ist schlicht das Angebot an alternativen Nahrungsmitteln knapp und gerade als Nomade will man sich eher nicht mit mehr Vorräten als nötig abschleppen. In unserer westlichen Welt stehen aber genügend vollwertige Nahrungsquellen zur Verfügung. Fazit: Jede von uns darf so lange stillen, wie sie und ihr Kind sich damit wohlfühlen. Oder es lassen. Basta!

Jana Stieler

Ich lebe mit Mann und Sohn im Süden Hamburgs – am Rande der Harburger „Berge“ (Süddeutsche mal kurz weghören: Der höchste Punkt misst immerhin sagenhafte 155 Meter ü. M.). Wenn ich nicht gerade einen Text verfasse, liebe ich Outdoor-Abenteuer mit meiner Familie, lange Buch-Badewannen-Sessions mit mir allein und abendliches Serien-Binge-Watching.

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