Windelfrei: So klappt es bei deinem Baby!

Mit einem Baby ziehen zu Hause auch jede Menge Stoff- oder Wegwerfwindeln ein. Das nervt zwar manchmal, lässt sich aber nun mal nicht ändern… O doch, sagt Janina Pohle von leonina frei&geborgen. Und zwar in einen Haushalt, der komplett windelfrei ist! Janina sagt dazu: „Windelfrei beginnt da, wo wir die kindlichen Ausscheidungen als biologisch wertvollen Vorgang und als Chance zur Kommunikation zwischen der Kinderseele, dem Kinderkörper und den Bezugspersonen verstehen.“ Okaaayyyy…. Das musste uns Janina nun doch etwas genauer erklären:

„Wenn unsere Babys in Worten kommunizieren könnten, würde es vielleicht mehrmals am Tag so klingen:

,Alle wuseln um mich herum.
Ich muss schon so dringend, hört ihr mich nicht?
Ich liege in engen Klamotten auf dem Bauch.
Ich muss mal, mein Bauch zwickt und drückt.
Das ist unangenehm, so geht das einfach nicht!`

Klingt ungewohnt? Auch die kleinen Menschen spüren, was in ihnen vor geht. Von Anfang an. Da sie noch nicht so sehr im Außen leben, erleben sie ihr Inneres sogar noch intensiver. Und sie können es kommunizieren. Wenn auch nicht in Worten.

Windelfrei: Warum uns Babys Verdauung oft lästig ist

Heute werden Babys Ausscheidungen eher als unangenehmer Nebeneffekt des Stoffwechsels und als passiver Vorgang wahrgenommen, bis schließlich das Töpfchentraining oder die explizite verbale Entscheidung des Kindes den aktiven Prozess einläutet.

Dabei haben wir die wunderbare Chance, von Geburt an zwischen ganz verschiedenen Möglichkeiten des Umgangs mit den Ausscheidungen zu wählen. Die modernen Wegwerfwindeln sind nur zwei Generationen alt, und doch scheint es uns so, als wären sie fester Bestandteil eines neugeborenen Babys. Nicht mehr wegzudenken vom Babypo.

Wir empfinden es oft als lästig, dass wir Windeln wechseln und den gesamten Intimbereich regelmäßig vom schmierigen Kot reinigen müssen, um unser Baby sauber zu halten. Wie super das wäre, wenn es hierfür bald eine vollautomatisierte Lösung geben würde, so dass wir auch mit dem großen Geschäft nicht einmal mehr Blickkontakt haben müssten.

Aber bislang kann selbst der umwelttechnisch höchst kritische Superabsorber bloß das kleine Geschäft förmlich verschwinden lassen. Für die große Spurenbeseitigung sind wir nach wie vor zuständig.

Wir vermitteln unserem Kind ein falsches Bild

Wir ekeln uns – und aus evolutionsbiologischer Sicht macht es auch durchaus Sinn, Kot, Nahrung und Schlafen räumlich zu trennen. Genau das passiert beim Abhalten. Aber ohne dabei etwas Negatives zu vermitteln. Denn Kot hat gleichwohl positive Eigenschaften: Er reinigt unseren Körper, er düngt und fördert die Vegetation, er wird in einigen Kulturen zum nachhaltigen Hausbau verwendet und Tiere verzehren ihn sogar – vermutlich um an das wertvolle Vitamin B12 darin zu gelangen, das im Dickdarm gebildet wird.

Welches Selbstbild vermitteln wir unserem Kind durch ein negatives Verhältnis zu seinen und zu unseren Ausscheidungen? Woher kommt die Scham, die in Abneigung und Beschämung münden kann, und warum machen wir uns derart abhängig von Hilfsmitteln, die niemandem zuträglich sind, außer viel beschäftigten Eltern und den Herstellern selbst?

Windelfrei leben: Verändere deine Perspektive

Windelfrei, auch treffender Ausscheidungskommunikation genannt, die uns hilft, das Baby bei Bedarf abzuhalten, verändert die Perspektive auf diesen Umgang mit unserer Verdauung und dessen Ausscheidungsprodukt. Sie ist mehr als die biologische Müllabfuhr.

,Der Darm trainiert zwei Drittel unseres Immunsystems. (…) Und er hat das größte Nervensystem nach dem Gehirn. Allergien, unser Gewicht und eben auch unsere Gefühlswelt sind eng mit unserem Bauch verknüpft` erzählt Guilia Enders in ,Darm mit Charme` und weist damit auf die Relevanz hin, die unser Darm für unsere Intelligenz, unsere Emotionen und interne wie externe Kommunikation spielt.

Und das gilt schon und sogar ganz besonders für die Kleinsten von uns: ,Darm und Hirn arbeiten schon sehr früh zusammen. Die beiden entwerfen einen großen Teil unserer ersten Gefühlswelt als Säuglinge.`, so Enders.

Lasst sie uns also ehren und ernst nehmen, unsere Verdauung, und unseren Babys vorleben und zeigen, dass sie nichts ist, was wir verstecken oder wofür wir uns schämen müssten.

Wie gewöhnlich sind hierbei Druck, Stress und Strafe kontraproduktiv, egal wie kurz oder lang wir in Vollzeit Windeln nutzen.

Die Vorteile von Windelfrei:

Der Vorteil, abgesehen von weniger Windeln, die die Umwelt und die Haut deines Babys belasten? Vor allem, dass dein Baby von Anfang an ein positives Verhältnis zu seinen Ausscheidungen und ein aktives Körpergefühl auch in diesem Bereich aufrechterhält. Außerdem zwingt der Ansatz uns Große, unsere Ur-Antennen wieder mehr in Betrieb zu nehmen. Schließlich stellen wir für das Fläschchen auch nicht das Uhrwerk. So können wir in liebevolle Kommunikation gehen, und daran wachsen wir ebenso wie unser Kind und unsere gemeinsame Beziehung.

Wie funktioniert Windelfrei:

Wir WindelFREI-Eltern sagen dazu: Abhalten.

Das ist – kurz gesagt – die liebevolle Unterstützung durch uns Bezugspersonen, die unser Baby benötigt, um nicht in den eigenen Ausscheidungen zu sitzen und eine vorausschauende Alternative zum nachsorgenden Wickeln.

Aber wie halte ich dieses kleine Wesen?
Und woher weiß ich denn vorher, wenn es mal muss?

Das Wichtigste, was du vorab über die Ausscheidungskommunikation wissen solltest, habe ich in den 10 WindelFREI-Geboten festgehalten. So lange du die beherzigst, kannst du nicht viel falsch und erst recht nichts kaputt machen und darfst dich trauen, auf dein Baby einzugehen, wie du es beim Stillen und Schlafen auch tust.

Windelfrei: So fängst du am besten an:

Das Rezept, um dich auf den Geschmack zu bringen, habe ich hier als einfache WindelFREI-Zutatenliste für dich zusammengestellt. Du benötigst…

1. Eine Entscheidung

Wenn du WindelFREI praktizieren möchtest, dann ist das keine Entscheidung fürs Leben – aber es ist eine Entscheidung. Denn du veränderst, ja, erweiterst deinen Blick auf die Kehrseite der Nahrungsaufnahme. Du vervollständigst quasi deine Perspektive auf den Kreis des Lebens und siehst ihn nicht als leidvolle Aufgabe, sondern als großartige Chance, mit der du ganz individuell umgehen und die Beziehung zu deinem Baby erweitern darfst. Du unterschreibst keinen Vertrag und verpflichtest dich zu nichts – jederzeit kannst du dich wieder umentscheiden, nicht mehr abhalten, teilweise abhalten, oder kommunizieren ohne abzuhalten. Alles ist möglich!

2. Neugier & Vertrauen

Sicherlich kannst du dir Studien anschauen und Statistiken studieren. Du kannst dir Wahrscheinlichkeiten ausrechnen und Strichlisten machen. Oder du gehst mit kindlicher Neugier an diesen neuen Bereich der Bedürfniskommunikation. Hab Vertrauen in dich und dein Baby, mit LIEBEvoller Kommunikation kannst du nichts falsch machen. Es gibt viel zu entdecken und nichts zu verlieren, sofern du undogmatisch an die Sache gehst.

3. Ein Baby/ Kleinkind

Und natürlich braucht es ein Baby dazu. Das Alter ist egal, denn in Kommunikation treten kannst du mit deinem Kind sowohl wenn es neugeboren ist als auch im Kleinkindalter. So begleitest du es, bis es irgendwann selbstständig trocken ist und deiner Unterstützung in diesem Bereich nicht mehr oder kaum noch bedarf. Vielleicht ist es dein Kind, aber vielleicht auch dein Tageskind, vielleicht dein Enkel. WindelFREI ist die Ausscheidungskommunikation zwischen einem Baby und den verschiedenen Bezugspersonen, dazu gehören je nach dem auch die Oma, der Papa, die große Schwester, der Kita-Betreuer oder die Tante.

4. Aufmerksamkeit für Rhythmen und Signale des Babys

WindelFREI erfordert keine ununterbrochene Kontrolle, im Gegenteil. Ich betone immer wieder wie wichtig es ist, undogmatisch zu leben. Aber WindelFREI bedeutet, einem Bereich Aufmerksamkeit zu schenken, den man vorher vielleicht gar nicht beachtet hat. Es war wichtig zu erkennen, wann die Windel voll ist. Nun verschiebt sich die Aufmerksamkeit auf den Moment der Ausscheidung selbst. Dazu gehören die individuellen Signale des Kindes und die eigene Intuition, aber auch der persönliche Ausscheidungsrhythmus sowie allgemeines Timing, d.h. die Standardsituationen, in denen die meisten Babys ausscheiden.

5. Ein Ort zum Abhalten

Die Devise: Das Kind soll eine Alternative dazu haben, die eigenen Ausscheidungen passiv in der Windel zu verrichten. Wir brauchen also Alternativen zur Windel, und davon gibt es mehr als man zunächst denkt. Verschiedene Töpfchen kommen fürs Abhalten infrage, aber auch der Busch oder das Waschbecken – gerade sehr junge Babys genießen es ungemein vor dem Spiegel am Waschbecken abgehalten zu werden und sich dabei selbst zu beobachten. Aber Obacht: Die meisten WindelFREI praktizierenden Familien nutzen zusätzlich Windeln als Backup – hier kannst du auf normale Wegwerfwindeln zurückgreifen, aber auch auf verschiedenste Arten von Stoffwindeln, von denen es mittlerweile sogar extra abhalte-freundliche Modelle gibt!

6. Eine Position zum Abhalten

So lange ein Baby noch nicht selbstständig sitzt, soll es dazu auch nicht aufgefordert werden. Das ist aber für das Abhalten auch gar nicht nötig. Die Stütze sind wir Erwachsenen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das Baby schon ab Geburt kinästhetisch abzuhalten, sodass es entsprechend der Entwicklung gestützt und ausgerichtet ist. Nicht zuletzt kommt es darauf an, wie dein Baby und auch du sich dabei wohl fühlen!

7. Flexibilität & Selbstreflexion

Wie dein Baby abgehalten werden mag und wie nicht, wie es dir sein Ausscheidungsbedürfnis signalisiert, was seine aktuellen Prioritäten und Bedürfnisse sind, was du genau gerade brauchst, was dich stresst und was dich stärkt und worauf dein Baby jetzt mal gar keinen Bock hat, das ändert sich ständig, und darum bedarf es viel Flexibilität. Oder anders gesagt: WindelFREI lässt unsere Flexibilität und unsere Selbstreflexion erst richtig wachsen, denn wir lernen dabei viel über unser Baby – und auch über uns selbst.

8. Viel Humor!

Oh ja, es gibt da diverse Situationen, in denen du zwischen Enttäuschung, Verzweiflung, Wut und Humor wählen kannst, und glaub mir, letzteres ist die beste Option für alle Beteiligten. Das gilt selbstverständlich nicht nur für WindelFREI, auch wenn da ganz neue Situationen auf euch zukommen werden. Und wenn du Humor hast, ja, dann freu dich schon darauf, mit WindelFREI immer mal wieder ganz schön was zu lachen zu haben!

Du bist interessiert an Windelfrei, brauchst aber mehr Hilfe?

Wer interessiert aber unsicher ist, hat mittlerweile viele Möglichkeiten, sich in der WindelFREI-Community zu vernetzen, Coachings und Workshops in Anspruch zu nehmen. Es gibt auch überall in Deutschland und der Welt offene Treffs, Blogs sowie Gruppen und Info-Profile in den sozialen Netzwerken – sozusagen dein WindelFREI-Clan, der mitunter in der Praxis wirklich hilfreich sein kann, um sich gegenseitig zu unterstützen, miteinander zu lachen und sich Tipps zu geben.

Du hast gar keine Lust auf Windelfrei?

Es kommt dir noch immer irgendwie komisch vor? Du wickelst doch eh schon sehr häufig und überhaupt lässt du dein Baby sowieso auch oft ohne Windeln?

Dann bleib ganz bei dir – und achte mal drauf: Vielleicht praktizierst du Windelfrei längst auf deine Art. Wenn du ehrlich bist, weißt du vermutlich sogar, wann dein Baby meistens groß macht und würdest ihm auch das Töpfchen nicht verwehren, wenn du wüsstest, dass es daran Interesse hat.

Wenn du nun aktiv unterstützen möchtest, fehlt dir eigentlich kaum mehr, als dass du deinem Baby nun hilfst, sich bewusst außerhalb der Windel zu erleichtern: Indem du es also abhältst. Das ist sogar der einfachste Teil, würde ich behaupten.

Möchtest du mehr erfahren?

Dann stöbere doch ein wenig auf meinem Blog mein-windelfrei.de oder auf meinem Instagram– und Facebook-Profil oder besuch die Seite einfach-abhalten.de und den Facebook-Account von Wiebke Gaude.“

Janina Pohle

Janina Pohle Foto: privat

Zu unserer Autorin: Been there, done that! Ob „yeah-wir-sind-trocken-Phase“ mit 6 Monaten oder Pipistreik mit einem Jahr. WindelFREI auf Reisen und nachts ohne Windeln. Keine WindelFREI-Phase, die mein Löwchen und ich nicht mitgenommen haben. Ich war alleinerziehend, quer durch Brasilien reisend, mal im Mama-Clan, mal mit Unterstützung der Tagesmutter. Als WindelFREI- und MamiCoach und auf meinem Blog erzähle ich von meinen eigenen Erfahrungen als Mama und mit WindelFREI ab Geburt, was manchmal echt herausfordernd und oftmals ziemlich lustig war. WindelFREI in drei Worten? StressFREI, SELBSTbestimmt, LIEBEvoll!

Laura Dieckmann

Als waschechte Hamburgerin lebe ich mit meinem Freund und unserer fünfjährigen Tochter in der schönsten Stadt der Welt – Umzug ausgeschlossen! Bevor das Schicksal mich zu Echte Mamas gebracht hat, habe ich in verschiedenen Zeitschriften-Verlagen gearbeitet. Ich mag leckeres Essen, laute Rockmusik und ab und zu sogar ein bisschen Sport.

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