„Wie der Krebs mir meinen Mann schon vor seinem Tod genommen hat.”

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Der folgende Beitrag erzählt die Geschichte einer Mutter, die ihren Ehemann an Krebs verloren hat. Wenn du dich nicht mit Themen wie Trauer, Tod und Verlust auseinandersetzen möchtest, solltest du diesen Text nicht lesen.


„In guten und in schlechten Zeiten, bis dass der Tod uns scheidet: Das hatten wir uns beide ganz fest vorgenommen, als mein Mann und ich heirateten. Die Ehe hatte eine sehr große Bedeutung für uns. Mir war es wichtig, dass wir immer an unserer Beziehung arbeiten und sie nicht einfach wegwerfen, nur weil es gerade mal unbequem wird.

Mein Mann hat das ähnlich gesehen.

Wir hatten nicht nur die super schönen Zeiten, sondern auch mal miese Phasen, besonders als unsere beiden Kinder noch sehr klein waren. Welche Eltern kennen das nicht, dass man sich selbst aus den Augen verliert, wenn sich der Alltag nur noch um Windeln und Babykotze dreht? Trotzdem fanden wir immer wieder zusammen und ich dachte, dass uns nichts umhauen könnte.

Besonders gerne denke ich an unseren ersten Urlaub ohne die Kinder zurück. Endlich hatten wir wieder Zeit für unsere Beziehung, wir erlebten einen zweiten Frühling miteinander. Und ich war so stolz auf das schöne Leben, das wir uns geschaffen hatten.

Drei Wochen später kam die Diagnose.

Wegen seiner dauernden Schmerzen im Brustbereich war mein Mann zum Arzt gegangen, die Untersuchungsergebnisse waren ein Schock für unsere ganze Familie. Er hatte einen Tumor, der auch schon gestreut hatte. Unsere Welt brach zusammen und die Angst schnürte uns die Kehle zu. Mein Mann wollte nicht sterben, er wollte unsere Kinder großwerden sehen, irgendwann vielleicht die Enkelkinder.

Also kämpften wir und nutzten jede Behandlungsmöglichkeit, die es gab. Irgendwann blickte ich in einem der zahllosen Gesprächen mit den Ärzten zu meinem Mann und erkannte ihn plötzlich kaum wieder. Ich stellte entsetzt fest, dass der Mann, den ich mal geheiratet hatte, kaum noch da war. Er war immer so fröhlich gewesen, ein Mann, der vor Lebensfreude sprüht. Doch an seine Stelle war nun der Krebs getreten, der uns beide steuerte und eine Richtung vorgab, in die wir nicht gehen wollten.

Irgendwann änderte sich der Ton der Ärzte.

Ich hörte, was ich lange nicht einmal denken wollte: Wir sollten uns mit dem Gedanken befassen, dass mein Mann es möglicherweise nicht schaffen könnte. Der Schmerz, der sich über uns legte, war unbeschreiblich. Als wir mit dem Auto zuhause ankamen, blieben wir noch lange im Auto sitzen und weinten hemmungslos, bevor wir zu den Kindern reingingen.

Wenige Wochen später wurde mein Mann plötzlich schwächer und schwächer. Er konnte kaum noch aufstehen und war nur noch müde. Ich merkte, wie ich immer mehr versuchte, Dinge von ihm fernzuhalten, die ihn belasten könnten. Ich regelte den Alltag, kümmerte mich um die Kinder und machte die Arzttermine. Ich ließ mir zeigen, wie ich meinen Mann im Bett lagern und ihn nach dem Toilettengang beim Aufstehen helfen konnte.

Es war für mich selbstverständlich, diese Dinge zu tun und diese Aufgaben zu übernehmen.

Aber ich war mir auch bewusst: Wir sind nicht mehr wie Mann und Frau. Er brauchte jetzt keine Ehefrau mehr, er brauchte eine Pflegekraft. Die Beziehung auf Augenhöhe, unsere Ehe, die gab es nicht mehr. Stattdessen wurde mein Ehemann immer mehr zu einem verängstigten Kind und ich gab mir alle Mühe, ihm nicht zu zeigen, dass auch ich riesige Angst vor dem hatte, was noch kommen würde.

Irgendwann brauchte er sehr starke Schmerzmittel, die ihn immer wieder in einen halbwachen Zustand versetzten, indem er nicht mehr richtig ansprechbar war. Er musste ins Krankenhaus und wurde dann in ein Hospiz verlegt. Obwohl wir alle wussten, was das bedeutete, konnte ich nicht verhindern, dass es sich für mich anfühlte, als ob mir eine schwere Last von den Schultern genommen wurde.

Ich konnte die Aufgaben der Pflege an andere Menschen abgeben, deren Beruf es war, sie auszuführen.

Es war als wäre ich ein Stück zurückgetreten, um noch mehr Platz für den Krebs zu machen, der meinen Mann mehr und mehr aufzufressen schien. Wenn ich abends alleine an seinem Bett saß, war mein Mann meistens schon weit weg. Nur noch selten erlangte er das Bewusstsein. Nichts erinnerte mich noch an die Person, die ich geheiratet, mit der ich 10 Jahre eine Ehe geführt hatte.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich seinen Tod aushalten konnte, ohne den Verstand zu verlieren.

Ich war vorbereitet auf ein Leben ohne ihn, so grausam das auch klingen mag. Eigentlich hatte ich schon lange keinen Ehemann mehr, schon lange ohne das gelebt, was wir früher einmal hatten.

Was auch immer es war, das mir half, mit der Situation gefasst umzugehen, ich bin dankbar dafür, denn unsere Kinder brauchten mich in der Zeit nach seinem Tod mehr denn je.”


Liebe Verena, vielen Dank, dass du uns deine Geschichte anvertraut hast. Wir wünschen dir und deiner Familie alles Liebe für die Zukunft!

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Lena Krause

Ich lebe mit meinem kleinen Hund Lasse in Hamburg und bin dort immer gerne im Grünen unterwegs.

Auch wenn ich selbst noch keine Mama bin, gehören Babys und Kinder zu meinem Leben dazu. Meine Freundinnen machen mir nämlich fleißig vor, wie das mit dem Mamasein funktioniert und ich komme als „Tante Lena“ zum Einsatz.

Seit ich denken kann, liebe ich es, zu schreiben – und bei Echte Mamas darf ich mich dabei auch noch mit dem schönsten Thema der Welt auseinandersetzen. Das passt einfach!

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