Transgender: „Da begriff ich endlich, dass meine Tochter mein Sohn ist!“

Meine Tochter war schon immer ein echter Wildfang. Seit sie mitreden konnte, wollte sie die Haare ganz kurz tragen und lieber Hosen als Kleider anziehen. Sie raufte in der Kita mit den Jungs und sie spielte hingebungsvoll mit ihren Autos und Superhelden-Figuren. Ich fand das toll, ich selbst war auch nie so ein Girlie-Girl gewesen und konnte mit ihren Interessen ganz viel anfangen.

,Meine Kleine kommt ganz nach mir!`, dachte ich so oft.

Eines Abends, sie war fast fünf Jahre alt, lagen wir abends zusammen im Bett und sprachen über tiefgründige Themen. Auch das machte meine Tochter aus, sie machte sich für ein Kind verdammt viele Gedanken über das Leben. An diesem Tag war das Leben nach dem Tod dran – nicht gerade mein Lieblingsthema. Aber sie war ganz unbekümmert und meinte nur: ,Wenn ich wiedergeboren werden würde, würde ich es lieben. Ich wäre ein Junge und würde Ben heißen!´

Das war das erste Mal, dass ich kurz aufhorchte.

Mein Mädchen war wild, eher herb als lieblich und eben ganz gegen das Klischee des Mädchens. Sollte da mehr dahinter stecken? Nein, das wäre fast zu viel Klischee, dass sie dem ,Prototypen` eines Jungen entsprach, weil sie lieber einer gewesen wäre.Oder? Ich hakte das Thema für mich ab. Sie war noch nicht mal fünf Jahre alt, wahrscheinlich war es nur die Neugier, wie es so wäre, auch körperlich so zu sein wie ihre Kumpels!

Ich erzählte es kurz meinem Mann, aber auch er nahm die Aussage unseres Kindes nicht ernst. Er meinte, sie würde sicher viel früher zur zickigen, pinken Teenager-Prinzessin mutieren, als uns lieb wäre.

So ging die Zeit ins Land. Es gab die Anmeldung im gemischten Kinderfußball-Team bei uns im Ort, es gab Tränen im Kaufhaus, weil die Mädchen-Klamotten-Abteilung, in die ich sie zerrte, hauptsächlich Pink und Glitzer anbot. Wir verließen diese Ecke der Kinderabteilung mit leeren Händen, das Kaufhaus später dann mit Dino-Shirts, Jeans und Boxershorts.

Mir war das egal – die meiste Zeit zumindest.

Es ärgerte mich selbst, aber die Bemerkungen und Sticheleien anderer nervten mich schon. Aber warum sollte ich meine Tochter in die Ecke drängen, die die Menschen für Mädchen so vorgesehen hatte?

Noch heute bin ich heilfroh, dass ich sie nie überredet habe, Pink zu tragen und Ballet zu machen. Überspitzt gesagt. Was hätte ich damit nur für einen Schaden angerichtet…

Eines Tages, sie ging in die erste Klasse, sprach mich beim Abholen die Lehrerin an.

Meine Tochter hatte sich in der Schule eingenässt. Das war in den letzten Wochen schon zwei Mal passiert. Ob es irgendwelche Probleme bei uns gäbe?

Am Abend fragte ich meine Tochter, ob alles okay sei. Ob sie Sorgen hätte. Und ob sie wisse, warum dieses Malheur in der letzten Zeit ein paar Mal passiert sei. Ihre Antwort werde ich niemals vergessen: „Ich konnte nicht mehr anhalten.“ Ich fragte sie, warum sie denn überhaupt anhalten wollte?

„Ich kann nicht auf die Toilette gehen.“

„Ich darf nicht auf die Jungentoilette und möchte nicht auf die Mädchentoilette.“

Mir rutschte das Herz in die Hose. Sollte mein Mädchen wirklich ein Junge sein? Mir wurde klar, dass ich diesen Gedanken lange, viel zu lange, verdrängt hatte. Ich schaffte es aber, und dafür schäme ich mich, immer noch nicht, sie einfach darauf anzusprechen.

Doch ich wollte etwas tun, etwas, um ihr das Leben zu erleichtern, falls sie wirklich transgender wäre. Mir machte das nichts aus (oder kaum etwas), aber ich dachte an all die schweren Zeiten, die in dem Fall auf sie zukommen würden.

Ich machte einen Termin bei einem spezialisierten Therapeuten aus, wir gingen zu dritt in die Praxis. Irgendwann schickte der Therapeut uns Eltern aus dem Zimmer, um nach einer geschlagenen Stunde mit unserem Kind zu uns zurückzukehren. Seine Worte:

„Ihr Sohn ist ihnen dankbar, dass sie mit ihn hergekommen sind.“

Ihr Sohn. Da wurde es das erste Mal laut ausgesprochen. Ich schaute…. meinen Sohn… an und sah, wie er innerlich strahlte. Es musste für ihn eine unglaubliche Erleichterung sein, sein Empfinden endlich aussprechen zu können.

Ich fragte den Therapeuten, ob es sein könne, dass das nur eine Phase sei– und schämte mich gleichzeitig für diese Frage. Er lächelte und sagte, dass er viele, viele Kinder wie meines über Jahre begleite und keines hätte jemals seine Meinung geändert.

Auf dem Weg nach Hause schwiegen wir im Auto, zu viele Gedanken irrten in unseren Köpfen herum. Beim Abendessen stellte mein Mann die Frage, die mich natürlich auch bewegte:

,Woher weißt du denn, dass du ein Junge bist?`

Unser Sohn antwortete: „Wenn die Leute über mich als Mädchen sprechen, ist es, als würden sie über jemand anderen sprechen. Ich muss mich dann immer richtig daran erinnern, dass sie über mich sprechen.“

Als er abends im Bett war, überlegten mein Mann und ich, wie wir mit dieser neuen Situation umgehen würden. Wir hatten eine Heidenangst. Angst davor, es anderen zu erzählen. Ein klein wenig sogar aus Scham, denke ich heute, aber hauptsächlich hatten wir Angst davor, wie es unserem Jungen ergehen würde. Ob er ausgelacht, gemobbt oder gequält werden würde? Die Menschen sind grausam, und wenn sogar wir, die ihn über alles lieben, unsere Probleme mit diesem Thema hatten – wie sollte es dann anderen ergehen?

Wir kamen auf keine perfekte Lösung, falls es die denn überhaupt gibt. Wir handelten immer spontan nach unserem Bauchgefühl, und mal klappte das gut und mal weniger. Wir weihten als erstes die engste Familie und unsere Freunde ein. Diese reagierten total unterschiedlich: Einige ,wussten es schon längst!`, andere meinten ,Ach, das geht wieder vorbei.` , andere ignorierten die Information einfach und einige wenige waren total begeistert vom Mut unseres kleinen Sohnes. Und auch die Schule haben wir informiert, die sich erstaunlich offen zeigte und sogar eine ,geschlechtsneutrale` Umkleide und eine Toilette, auf die jeder gehen konnte, improvisierten.

Als erstes, besprachen wir mit unserem Sohn, würden wir ihn an Orten, wo uns wirklich keiner kannte, als ,Ben` rufen. (Sein Wunschname war uns Befehl.) Alles andere wollten wir dann im Laufe der Zeit schrittweise angehen.

Als wir einmal im Urlaub auf dem Bauernhof waren, kam eine Horde Jungs zu unserem Bungalow und fragte, ob Ben denn mit zum Trampolin kommen würde – ,heute ohne die doofen Mädchen`. Mein Sohn strahlte.

Das war der Moment, in dem ich los ließ.

Ben sollte selbst entscheiden, wo er Ben sein wollte – wir würden mitziehen. Mit dem Ergebnis, dass er ab sofort nur noch Ben war. Überall. Ohne Ausnahmen. Und es gab erstaunlich wenige Probleme. Und wenn doch jemand komische reagierte? Er ist so viel stärker als wir.

Heute ist Ben 10 Jahre alt. Wenn ich ihn ansehe, sehe ich meinen hübschen, glücklichen Sohn. Er ist so wunderbar. Er ist angekommen. Schon lange. Und irgendwann hatten das auch sein Vater und ich geschafft.

Wir sind gespannt, was Bens Zukunft bringt. Wird er sich in Mädchen verlieben, oder in Jungen? In beide Geschlechter? Wird er sich beizeiten für bestimmte Operationen entscheiden?

Wird Ben ein glückliches Leben führen? Ein einfaches?

Wir werden auf jeden Fall an seiner Seite sein, solange er das möchte.“

Liebe Ina, vielen, vielen Dank, dass du deine Geschichte mit uns geteilt hast. Wir wünschen euch alles Liebe für die Zukunft, vor allem Ben.

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Laura Dieckmann

Als waschechte Hamburgerin lebe ich mit meinem Freund und unserer fünfjährigen Tochter in der schönsten Stadt der Welt – Umzug ausgeschlossen! Bevor das Schicksal mich zu Echte Mamas gebracht hat, habe ich in verschiedenen Zeitschriften-Verlagen gearbeitet. Ich mag leckeres Essen, laute Rockmusik und ab und zu sogar ein bisschen Sport.

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