„Toll, wie du das schaffst, so alleine!“ – „Ach, tue ich das wirklich?“

„Toll, wie du das schaffst, so alleine!“

Diesen Satz hören viele Alleinerziehende regelmäßig. Ich auch. Meistens von flüchtigen Bekannten, auf dem Spielplatz, oder auch beim KiTa-Elternabend, bevor ich mich als erste auf den Weg mache, weil der Babysitter bezahlt werden will und das Budget es nicht zulässt, dass ich nach dem Pflichtteil noch sitzenbleibe und mich unterhalte.

Und jedes Mal frage ich, was dieser Satz denn genau bedeuten soll. Klar, man will nett sein und Respekt zollen. Aber ehrlich gemeint kann das doch nicht sein – schließlich haben diese Menschen mich meistens gerade mal eine Stunde gesehen. Woher wollen sie also wissen, dass ich das „ach so toll“ mache? Und mache ich das überhaupt? Ich mache einfach, denn ich habe ja keine andere Wahl, als zu machen. Was heißt denn „toll“? Ja, ich lebe noch und mein Kind auch. Es hat genügend zu essen und trägt (meistens) (saubere) Klamotten. Es sagt bitte und danke. Aber das tun doch alle. Oder?

Was die „toll, wie du das schaffst, so alleine“-Sager nicht wissen:

  • In den vergangenen 24 Stunden:

… war ich zu 100 Prozent meiner Termine zu spät.

… habe ich 5 Tassen Kaffee getrunken

… und 5,5 Stunden geschlafen,

… mich 2 x heimlich an den Süßigkeitenschrank geschlichen, um Nervennahrung in mich reinzustopfen,

… 48 x gesagt: „Lass das. Bitte.“, in allen mir zur Verfügung stehenden Tonlagen und Lautstärken,

Foto: Tanja Heffner / Unsplash

… 64 x „jaja, gleich“, „mach ich gleich“ und „später“ gesagt,

… 2 x beschämt und ziemlich schnell die Kinderzimmertür zugeworfen, damit Postbote und Nachbarin nicht sehen, was man dort drin nicht mehr sieht: den Fußboden nämlich;

… 7 x im Kaufmannsladen des Kindes eingekauft, wo es hauptsächlich Nudeln und Reis gibt, weil die anderen Zutaten IN ECHT so teuer sind,

… 4 x die Puppen, die nicht als solche bezeichnet werden dürfen, gewickelt,

… 18 x dem echten Kind erklärt, dass es jetzt keine Süßigkeiten zu essen gibt

… und 5 x darum gebeten, dass es doch über dem Tisch essen soll, weil ich nicht schon wieder den Staubsauger anwerfen möchte.

… 12 x gesagt, dass die Stöcke, die es beim Spaziergang gefunden hat, lieber draußen bleiben möchten.

… durfte das Kind zwei Folgen „Bibi und Tina“ gucken, weil ich einfach keine Lust mehr hatte auf Rollenspiele und ich..

… zum 3. Mal an diesem Tag ein gesundes Essen zubereitet habe, für das man bekanntlich ziemlich viel Obst/Gemüse schnippeln muss,

Unsplash / Kelly Sikkema

… damit wir nicht zum 2. Mal in dieser Woche Pizza bestellen.

… habe ich 1x Monster unterm Bett verscheucht (easy!)

… und 1x mitten in der Nacht mit pochendem Herzen und bebenden Fingern alle Schranktüren und Vorhänge geöffnet, um dem Kind zu beweisen, dass da kein Einbrecher ist, dass das nur Schatten sind und die Geräusche von draußen kommen (nicht mehr wirklich easy!)

… musste ich 2 Entscheidungen treffen, bei denen du dich vorher mit deinem Partner beraten hättest, um die Verantwortung zu teilen.

… habe ich 4 x versucht, im Badezimmer fünf Minuten lang alleine zu sein. Erfolglos.

… 1 x Glübirne gewechselt und 1 x den Abfluss des Waschbeckens repariert

… und mir 9 x mit den Händen die Fußsohlen abgestreift, die voller Krümel waren.

… musste das Kind 1 x mit mir den Müll runterbringen.

… und 2 Flecken, die es fabriziert hat, selbst saubermachen.

… musste das Kind mir 1 x helfen, die Wäsche aufzuhängen und die Spülmaschine auszuräumen

… und 3 x seinen Teller selbst vom Tisch räumen.

… habe ich 7 x tief geseufzt, weil man kaum mehr aus den nicht geputzten Fenstern sieht.

… und bin 5 x über das Spielzeugpferd gestolpert, bevor ich es doch selbst weggeräumt habe.

… habe ich mich gefühlt 3412 x gebückt, um irgendein Spielzeug vom Boden aufzuheben und ins Kinderzimmer zu tragen.

… habe ich 48 x gedacht, wie niedlich mein Kind doch ist und wie wunderbar und wie unglaublich glücklich ich bin, dass ich dieses tolle Wesen großziehen darf.

… habe ich mich 48 x gefragt, warum dieses niedliche, wunderbare, unglaubliche, tolle Wesen sich nicht ein anderes Zuhause ausgesucht hat, eines mit Mama UND Papa (beide ausgestattet mit viel Geduld), eines, in dem es nicht ständig „warte mal“ und „mach ich gleich“ hört und es die volle Aufmerksamkeit eines Elternteils hat, während das andere kocht, wäscht und putzt.

… habe ich mindestens 5 neue Fakten über Dinosaurier/Fußball/Regenwürmer/Pferde/Prinzessinnen/Ballett gelernt (yeah, Angeberwissen!).

© Unsplash / Thiago Cerqueira

… wurde ich 9 x umarmt. Ohne diese Umarmungen mit irgendjemand anderem teilen zu müssen;

… und wurde ich 10 x vom Lachen meines Kind angesteckt.

… hat es mich 7 x auf Dinge hingewiesen, die ich sonst nicht gesehen hätte, wie ein Marienkäfer oder einen Schmetterling, ein buntes Blatt, einen besonders geformten Stein,….

… hat mich das Kind 2 x beim Memory gewinnen lassen.

… und ich es 8 x beim Uno und Mensch-ärgere-dich-nicht.

… haben wir 3 x innig gekuschelt (die Familienbett-Nacht nicht mal mitgezählt)

Also ja, vielleicht mache ich irgendetwas toll. Aber auch ganz vieles nicht. Doch der Lohn dafür ist, dass ich jeden Tag über mich hinauswachse und erkenne, dass ich stärker bin, als ich je für möglich gehalten hätte. Und natürlich: ein doppelt so enges Verhältnis zu meinem Kind. Und das Wissen, dass uns nichts und niemand jemals trennen kann.

Unsplash / London Scout

Laura Dieckmann

Als waschechte Hamburgerin lebe ich mit meiner Familie in der schönsten Stadt der Welt – Umzug ausgeschlossen! Bevor das Schicksal mich zu Echte Mamas gebracht hat, habe ich in verschiedenen Zeitschriften-Verlagen gearbeitet. Seit 2015 bin ich Mama einer wundervollen Tochter.

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