„Tagsüber war ich Mama, abends Escort – bis ich vergewaltigt wurde.”

Triggerwarnung

Dieser Text thematisiert sexuellen Missbrauch und Vergewaltigung. Er behandelt also Inhalte, die für einige Menschen sehr beunruhigend oder verstörend sein könnten.


„Die ganze Katastrophe begann eigentlich im Sommer 2017, als ich mich von meinem Ex-Mann getrennt habe. Ich hatte das Bedürfnis mich auszuleben, neue Erfahrungen zu sammeln. Leider habe ich die falschen Erfahrungen gesammelt. Ich habe mich mehrere Monate ein wenig in meinem Liebesleben ausgetobt. Ich dachte mir, ich bin zwar zu 100 Prozent Mama, aber ich bin auch eine Frau, die Bedürfnisse hat und das ist ja auch völlig in Ordnung.

Leider habe ich auf diesem Weg die falsche Person kennengelernt.

Jemanden, der mich gelockt hat mit großen Versprechungen. Kurz gesagt, ich habe angefangen, als Escort zu arbeiten, weil das Geld mich überzeugt hat. Ich möchte dazu sagen, dass ich diesen Bereich strikt von meinem Dasein als Mama getrennt habe. Tagsüber war ich die perfekte Mama, die zu jedem Elternabend kommt, die zu jedem Fest einen Kuchen, Salat und Snacks mitbringt.

Aber wenn es dunkel wurde, habe ich mich in eine Hure verwandelt, um Geld zu verdienen. Anderen habe ich erzählt, dass ich abends in der Eventgastronomie arbeiten würde. Meine Kleine hat an zwei Abenden in der Woche bei meinem Ex-Mann geschlafen. Ich möchte stark betonen, dass meine Tochter von diesem Doppelleben absolut nichts mitbekommen hat.

Diese Tätigkeit hinterlässt Spuren, die man nie wieder wegbekommt.

Das Geld kann das nicht ausgleichen. Die Person, die mich mit dem Milieu in Berührung brachte, wurde mein Fahrer, wie er sich selbst nannte. Rückblickend ist es vielleicht treffender ihn Zuhälter zu nennen. Er hat mit mir Geld verdient, selbstverständlich nicht nur mit mir, sondern auch mit vielen anderen Frauen.

In meiner Zeit als Escort habe ich viele schlimme Erlebnisse gehabt, die mich bis heute verfolgen und auch nicht mehr loslassen werden, das weiß ich und habe ich so akzeptiert. Ich habe immer gedacht, ich schaffe das alles. Ich machte abends und nachts diesen Job, um viel Geld beiseite legen zu können für meine Tochter, um ihr Dinge zu ermöglichen, die ich mir sonst nicht leisten könnte.

Morgens habe ich meine Tochter in die Kita gebracht und bin zu meiner Teilzeitstelle gefahren.

Ja, genau, ich war z.b. manchmal eine ganze Nacht arbeiten, dann bin ich um sechs Uhr morgens nach Hause gekommen, noch bevor die Kleine wach wird und habe die Babysitterin abgelöst, die die Nacht über aufgepasst hat. Ich möchte noch mal gerne zu unserer Babysitterin sagen, dass sie wirklich ganz, ganz großartig war und die Kleine war bei ihr immer gut aufgehoben. Ansonsten wäre ich niemals rausgegangen.

Auf jeden Fall habe ich die Kleine dann um 8 Uhr in den Kindergarten gebracht und bin danach zur Arbeit und habe bis 13 oder 14 Uhr gearbeitet. Dass das natürlich irgendwann auf den Körper schlägt, ist eigentlich klar, denn der Körper braucht irgendwann Schlaf. Ich kann bis heute nicht verstehen, warum ich das gemacht habe. Doch erst mit der Coronasituation wachte ich plötzlich auf und habe einen kompletten Nervenzusammenbruch erlitten.

Alles aus den zwei Jahren davor kam auf einmal hoch und hat mir gezeigt, was ich mir und meinem Körper angetan habe.

Ich habe viele schlechte Erfahrungen sammeln müssen. Nicht jeder ‚Termin‘ (so habe ich die Treffen immer genannt) lief gut ab. Es ist einfach eine Rolle, in die man schlüpft. Man weiß, man muss mit dieser Person Sex haben, auch wenn man es nicht möchte. Man muss, denn das ist das, wofür du bezahlt wirst. Und dementsprechend wird man auch manchmal behandelt. Zumindest habe ich diese Erfahrung gemacht.

Einmal hat mir ein Mann mit Gewalt seine Faust in die Scheide gesteckt, danach war auf einmal überall Blut auf dem Bettlaken und der Mann schrie mich an, dass ich meine Tage hätte. Aber ich habe geblutet, weil er mich verletzt hat. Ich wollte in dem Moment einfach nur gehen, aber er brüllte wütend, dass er mich doch nicht dafür bezahlt, dass ich jetzt abhaue. Also bin ich noch ca. eine Stunde bei ihm geblieben und habe ihn befriedigt.

Ich hatte übrigens noch zwei Tage Blutungen.

Trotzdem bin ich nicht zum Arzt gegangen, ich habe mich viel zu sehr geschämt. Am nächsten Morgen steht man dann auf und setzt die perfekte Maske auf und alles ist wunderbar. Nun komme ich zu meinem ‚Fahrer‘. Kurz vor meinem Nervenzusammenbruch letztes Jahr hat er mich vergewaltigt. Das war dann der Auslöser für diesen ganzen Zusammenbruch. Ich bin nach der Vergewaltigung, die während des ersten Lockdowns passiert ist, morgens aufgestanden und habe alles weggewischt und so getan, als wäre die Welt perfekt und in Ordnung.

Drei Wochen ging dieses Spiel. Ich habe viel mit meiner Kleinen gemacht, der Kindergarten hatte zu und ich habe mein Bestes gegeben, sie zu Hause zu beschäftigen. Wir haben viel gebastelt und Kuchen gebacken. Ich habe alles versucht, um ihr den Kindergarten in dieser schweren Zeit zu ersetzen. Und dann kam auf einmal der Zusammenbruch: Ich stand in der Küche und wollte für sie kochen und plötzlich konnte ich nichts mehr machen.

Ich hatte einen völligen Blackout und war nicht mehr im Hier und Jetzt

Plötzlich tauchten all die schrecklichen Erlebnisse vor meinem inneren Auge auf und hielten mich gefangen. Inzwischen weiß ich, dass es sich dabei um eine sogenannte Dissoziation handelte. Damals wusste ich nicht, was mit mir los war. Ich konnte mich nicht um die Kleine kümmern, ich war zu nichts mehr in der Lage. Schlussendlich musste meine Tochter zu meinem Ex-Mann, dem ich die ganze Geschichte gebeichtet habe.

Ich holte mir Hilfe und brachte im Sommer einen langen Klinikaufenthalt hinter mich, was auch für die Kleine sehr, sehr schwer war, weil ich dafür neun Wochen weg war. An den Wochenenden hat sie mich in der Klinik natürlich besuchen dürfen, trotzdem war das alles unglaublich schwer. Nun ist die Lage so, dass sie bei meinem Ex-Mann angemeldet ist, weil er der Überzeugung ist, dass ich keine gute Mama sein kann.

Ich leide schon lange unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, zusammen mit den dissoziativen Störungen und Psychosen.

Deswegen nehme ich inzwischen regelmäßig Medikamente und bin sehr gut eingestellt. Ich sehe die kleine jeden Tag und dreimal in der Woche schläft sie bei mir. Neulich habe ich sogar einen Kurzurlaub mit ihr gemacht und das war eine wunderschöne Zeit für uns beide.

Ich versuche alles für meine Tochter zu tun. Weil sie aber bei ihrem Vater angemeldet ist, fühle ich mich manchmal nicht als vollwertige Mutter. Obwohl ich ihr jeden Tag eine Mutter bin. Trotzdem ist da immer dieses schlechte Gewissen. Das Gewissen frisst mich manchmal auf. Aber ich weiß, dass sie bei meinem Ex-Mann super aufgehoben ist und wir wohnen auch nicht weit weg voneinander.

Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen und hätte niemals damit angefangen.

Ich weiß, ich kann die Zeit nicht zurückdrehen. Es war damals einfach immer alles so knapp mit dem Geld und es tat mir so leid für meine Tochter. Ich wollte ihr so gerne mehr ermöglichen, nicht auf staatliche Hilfe angewiesen sein. Es erschien mir damals wie der perfekte ‚Nebenverdienst‘ zu meinem Teilzeitjob. Aber leider habe ich nicht gemerkt, dass ich mich selbst zerstört habe.

Mein Zuhälter hat natürlich sehr gut davon profitiert, da ich ihm die Hälfte meines Einkommens abgeben musste. Ich weiß, manch einer würde jetzt sagen, warum lässt man sich das gefallen? Das Problem ist, dass man erst selbst in so einer Situation stecken muss, um das zu verstehen. Ich habe mich nicht getraut, etwas dagegen zu unternehmen. Ich wusste, dass das alles nicht richtig ist, aber ich habe es lieber mitgemacht, damit nichts passiert – und doch sind mir viele schlimme Dinge passiert.

Ich teile diese Geschichte, weil es mir irgendwie gut tut, darüber zu schreiben.

Das hilft mir, es zu verarbeiten. Wobei ich persönlich glaube, dass ich das niemals ganz verarbeiten werde. Dazu bin ich zu sensibel, ich war schon immer ein sehr sensibler Mensch, schon als Kind. Auch meine Kindheit lief nicht perfekt, Gewalt habe ich schon früher kennengelernt. Vielleicht bin ich einfach zu schwach, aber vielleicht ist das auch okay, wenn ich schwach bin.

Ich mag es manchmal nicht, wenn man mir sagt: ‚Du musst für dein Kind stark sein.‘ Damit zeige ich meinem Kind, das nur stark sein gut ist, aber es soll auch sehen, dass man auch mal schwach sein darf und dass man auch mal weinen darf, wenn man schwere Zeiten durchmachen muss.”


Liebe Lisa, vielen Dank für deinen Mut, hier Deine bewegende und aufwühlende Geschichte mit uns zu teilen! Wir wünschen Dir und Deiner kleinen Tochter alles Liebe für die Zukunft.

WIR FREUEN UNS AUF DEINE GESCHICHTE!
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Lena Krause

Ich lebe mit meinem kleinen Hund Lasse in Hamburg und bin dort immer gerne im Grünen unterwegs.

Auch wenn ich selbst noch keine Mama bin, gehören Babys und Kinder zu meinem Leben dazu. Meine Freundinnen machen mir nämlich fleißig vor, wie das mit dem Mamasein funktioniert und ich komme als „Tante Lena“ zum Einsatz.

Seit ich denken kann, liebe ich es, zu schreiben – und bei Echte Mamas darf ich mich dabei auch noch mit dem schönsten Thema der Welt auseinandersetzen. Das passt einfach!

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