„Stille Geburt“: Ich brachte mein Kind tot zur Welt

Wenn das sehnsüchtig erwartete Kind während der Schwangerschaft im Mutterleib verstirbt und sie es tot auf die Welt bringen muss, ist das wohl die schlimmste und traurigste Erfahrung, die eine Schwangere machen kann. Mama Jessica (30) aus Niedersachsen erlebte im letzten Jahr eine solche stille Geburt. Hier erzählt sie uns, wie sie diese Erfahrung durch- und überlebte und wie es ihr heute damit geht. Sie hofft, dass sie damit anderen Mamas, die ähnliches erfahren mussten, bei der Verarbeitung ihrer Erlebnisse helfen kann. Denn Jessica hat selbst gespürt, wie wichtig es für die eigene Trauerarbeit ist, über das Erlebte zu sprechen und zu wissen, dass man nicht allein ist.

„Als ich mit Nebo schwanger wurde, war ich 29 Jahre. Ich war überglücklich, das meine 2-Jährige Tochter bald ein Geschwisterchen bekommen sollte. Alles schien bestens zu sein. Wie meine erste Schwangerschaft verlief auch diese Schwangerschaft ohne Probleme und Auffälligkeiten. Mir ging es in der ganzen Schwangerschaft wunderbar und alle Untersuchungsergebnisse waren unauffällig und zufriedenstellend. Lediglich der heiße Sommer hat mir körperlich zu schaffen gemacht, wobei ich aber nicht einmal Wassereinlagerungen hatte.

An einem Sonntagabend Ende Juli – ich war inzwischen in der 33. Schwangerschaftswoche und wir wussten bereits, dass wir einen Jungen bekommen würden – an diesem Abend im Juli lag ich im Bett und wunderte mich, dass ich meinen Sohn nicht spürte. Normalerweise war abends immer ,unsere Zeit`. Dann konnte ich mich auf die Bewegungen konzentrieren, was im turbulenten Alltag mit meiner Tochter manchmal unterging. Ich erinnerte mich, dass ich bei ihr etwa in derselben Schwangerschaftswoche auch einen Tag hatte, an dem ich sie sehr wenig gespürt habe. An diesem Tag war ich sehr nervös. Doch am Abend, als ich begann mir richtige Sorgen zu machen, habe ich sie dann wieder gespürt. Mit dieser Erinnerung versuchte ich mich zu beruhigen, dass der kleine Mann wohl einfach schläft.

 

Der Tag, der alles veränderte

Am Tag darauf war der erste Urlaubstag meines Mannes und wir frühstückten zu dritt. Da habe ich das erste Mal zu meinem Mann gesagt, dass unser Sohn außergewöhnlich ruhig ist. Wir hatten am Sonntag schon geplant, dass wir am Montag in den Baumarkt fahren, um dort Farbe für das Kinderzimmer zu kaufen. Die Möbel hatten wir bereits zwei Wochen vorher aufgebaut. Auf dem Weg zum Baumarkt sprachen wir über die fehlenden Bewegungen. Ich sagte, dass sei zum jetzigen Zeitpunkt der Schwangerschaft sicher kein großes Problem. Wenn er jetzt schon geholt werden müsste, falls er nicht mehr so gut versorgt werden würde, hätte er sicher sehr gute Chancen. Dann sagte ich noch, dass wir uns am Abend endlich mal für einen Namen entscheiden müssten. Und das mussten wir dann tatsächlich, nur ganz anders als gedacht…

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Im Baumarkt hatte ich alle fünf Minuten ein leichtes Ziehen im Bauch, ich dachte es wären Senkwehen und eventuell leichte Bewegungen meines Sohnes. Als meine Tochter Mittagsschlaf machte, fing ich an alles auszuprobieren, was unseren Sohn in der Vergangenheit in Bewegung gebracht hat. Ich trank einen halben Liter eiskalte Fanta und aß danach noch 2 Eis. Schließlich habe ich noch versucht ihn durch ,Anstupsen` zu wecken – aber es kamen keine Bewegungen.

Ich war bis dahin in beiden Schwangerschaften nie außer der Reihe zum Arzt gegangen und war auch jetzt noch ganz ruhig und im Innersten überzeugt davon, dass alles gut sei. Um 15 Uhr fuhren wir dann aber doch zum Frauenarzt, um uns die Gewissheit zu holen, dass es unserem Sohn  gut ging.

Wir fuhren gemeinsam mit unserer Tochter zum Arzt. Wir sollten gleich zum CTG durchgehen. Die Helferin suchte nach den Herztönen und konnte sie nicht finden. Doch auch schon vor 4 Wochen und vor 2 Wochen bei der Hebamme hatte sich der junge Mann ,versteckt` und so dachte ich, es dauert einfach nur wieder länger, ihn zu finden. Die Arzthelferin holte schließlich die Ärztin hinzu. Diese suchte gefühlt 30 Sekunden und sagte dann, dass sie noch eine Patientin untersuchen würde und wir dann einen Ultraschall machen – das ginge schneller.

Ich war immer noch absolut ruhig, mein Mann hingegen wurde immer nervöser und bekam ein schlechtes Gefühl im Bauch. Beim Ultraschall kamen dann nach einiger Zeit die Worte, die alles verändern sollten: „Es tut mir leid, ich kann leider keine Herzaktivität finden!“ Sie fügte hinzu, dass es bei dem CTG 12 Tage vorher keinerlei Anzeichen für Herztonabfälle gab.

Irgendetwas in mir ging in diesem Moment wohl auf Autopilot, denn ich blieb trotz der Diagnose ruhig. Ich wollte es wohl einfach nicht glauben. Gleichzeitig ging mir sofort durch den Kopf, dass ich meinen toten Sohn normal entbinden werden müsse. Das hatte ich irgendwo schon mal in einem Bericht gelesen. Tief drinnen hoffte ich, dass sie im Krankenhaus feststellen würden, dass es einfach eine Fehldiagnose war und in Wirklichkeit alles in Ordnung ist.

Mein Mann stand unter Schock. Er hatte unsere Tochter auf dem Arm und ich sagte sofort: ,Lass sie runter! Nicht, dass du umkippst… Sie muss hier weg!` Er rief seine Mutter an und sie holte unsere Tochter ab.

 

Der schwere Weg ins Krankenhaus

Die Frauenärztin hatte gesagt, dass wir zuhause ein paar Sachen packen und dann ins Krankenhaus fahren sollten. Eine Bekannte fuhr uns hin, denn selbst zu fahren war in unserer Verfassung keine gute Idee. Im Krankenhaus angekommen wusste man sowohl am Empfang als auch im Kreißsaal bereits Bescheid, dass wir kommen und so mussten wir das Unaussprechliche nicht sagen, sondern man sah uns sofort an, wer wir waren.

Eine sehr liebe Hebamme nahm uns in Empfang und erklärte uns schon mal grob den Ablauf. Es würde gleich ein Ultraschall gemacht werden, um die Diagnose zu bestätigen. Von unserer Ankunft bis zu diesem Ultraschall sind bestimmt 30 Minuten vergangen und in dieser Zeit hat auch mein Herz verstanden, dass es keine Hoffnung mehr gibt – schließlich sahen die Ärzte hier wohl keinen Grund zur Eile für die Untersuchung.

Als die beiden Ärztinnen dann schallten, war mir bereits alles klar. Ich schaute während der Untersuchung aus dem Fenster. Es war, als würde ich aus meinem Körper heraustreten und die Situation von außen betrachten. Ich werde nie vergessen, wie beim Einschalten des Geräts nur ein Rauschen zu hören war. Auch bei dieser Ultraschalluntersuchung konnte uns niemand einen ersichtlichen Grund nennen, warum unser Sohn nicht mehr lebte. Er war absolut zeitgerecht entwickelt und nichts wies auf irgendwelche Versorgungsschwierigkeiten hin.

Wir durften selbst entscheiden, ob wir vor der Einleitung der Geburt nochmal ein bis zwei Nächte zuhause verbringen wollten. Wir lehnten jedoch ab und wollten lieber sofort mit der Einleitung beginnen. Ich wollte es einfach nur hinter mich bringen und so schnell wie möglich zurück zu meiner Tochter.

Am Montagabend nahm ich die erste Einleitungstablette. Ich hatte große Hoffnung, dass es schnell anschlägt, da ich ja schon seit morgens alle fünf Minuten ein leichtes Ziehen verspürte. Wir gingen dann in den angrenzenden Wald vom Krankenhaus und riefen von dort die weiteren Familienmitglieder und unsere engsten Freunde an. Meine Schwägerin war ebenfalls schwanger und sollte 3 Wochen nach uns ebenfalls einen Jungen bekommen. Auch sie haben schon eine zweieinhalbjährige Tochter. Es wäre so perfekt gewesen. Ich konnte es einfach nicht aussprechen und so tätigte mein Mann die meisten Anrufe. Ich rief nur eine Freundin an, die selber schon drei Kinder hat und bei der wir am Sonntag noch zu Besuch waren. Alle waren fassungslos und keiner wusste so recht was er sagen sollte.

Nun mussten wir uns also tatsächlich an diesem Abend für einen Namen entscheiden. Da wir noch keinen Favoriten hatten, wollten wir jetzt einen Namen mit einer besonderen Bedeutung wie Engel, Himmel, Liebe. Auf einer Internetseite fanden wir den Namen Nebo. Er bedeutet Himmel und wenn man ihn rückwärts liest, dann heißt er Oben – das war er! Im Nachhinein fand ich noch heraus, dass es einen Berg gibt, der Nebo heißt und von religiöser Bedeutung ist. Von diesem Berg hat Moses das gelobte Land gesehen, ohne es je betreten zu können, weil er vorher gestorben ist. So wie unser Sohn in meinem Bauch zwar unsere Liebe gespürt und unser Familienleben durch ,zuhören` wahrgenommen hat, es aber doch nie mit allen Sinnen erleben durfte.

 

Unerwartete Hilfe in der Nacht

Als wir später wieder auf unserem Zimmer waren, kam die Nachtschwester herein. Sie war eine Kundin von mir, die ich einmal beraten hatte. Wir hatten uns nur drei Wochen zuvor darüber unterhalten, wo ich denn entbinden wollte, und nun sahen wir uns unter diesen Umständen wieder. Ihre Tochter arbeitet in einem Hospiz und hatte auch eine Fortbildung zum Thema Sternenkinder gemacht. Die Schwester erzählte mir außerdem von einem Verein für verwaiste Eltern, den „Sterneneltern Achim“, der in solchen Situationen Hilfe bietet und stellte für uns den Kontakt her.

Nach einer schlaflosen Nacht ohne Wehen bekam ich am Dienstagmorgen gleich einen Anruf von einer Dame aus diesem Verein. Sie organisierte Frühchenkleidung für uns, wunderschöne, selbstgenähte Sachen. Sie gab mir Tipps wie wir es unserer Tochter sagen sollten und das taten wir dann am Vormittag auch: Wir gingen wieder in den Wald und da sagte ich zur ihr: „Das Baby ist gestorben. Wir müssen jetzt warten bis es aus meinem Bauch kommt und dann kommen Papa und ich wieder nach Hause.“ Sie lief weiter und spielte. Keine Fragen, keine Kommentare. Erst am nächsten Morgen sagte sie direkt nach dem Aufwachen zur Oma: „Unser Baby ist gestorben!“

Am Nachmittag trat Friederike von den „Sterneneltern Achim“ in mein Krankenhauszimmer. Sie hatte vor einem Jahr selber ihren Sohn verloren. Friederike war etwa drei Stunden bei uns und gab uns Tipps, die für uns äußerst wertvoll waren. Nach diesem Gespräch hatte ich eine Vorstellung davon, wie es nach der stillen Geburt weitergehen würde. Sie zeigte mir Fotos von ihrem Sohn und somit konnte ich mir vorstellen, wie mein Sohn aussehen würde. Nämlich gar nicht so anders als ein lebendes Baby! Ich wusste, dass ich meinen Sohn nach der Geburt selber waschen und anziehen würde, schließlich kann ich es nur dieses eine Mal tun. Ich wusste, dass unsere Tochter ihren Bruder sehen sollte. Den ganzen Dienstag hatte ich keine Anzeichen von Wehen. Ich ließ mir am Abend noch Akupunkturnadeln setzen und nahm eine Schlaftablette.

 

Die Geburt meines Sternenkindes

Am Mittwochmorgen wachte ich auf und hatte leichte Unterleibskrämpfe. Wir gingen um 8:30 Uhr noch im Wald spazieren und dabei wurden die Krämpfe stärker und regelmäßiger. Ich musste alle drei Minuten stehen bleiben und die Wehen veratmen. Dann platzte auch noch die Fruchtblase und wir gingen wieder ins Krankenhaus. Gegen 9 Uhr waren wir dann im Kreißsaal und die Schmerzen waren kaum mehr auszuhalten. Ich war verzweifelt, weil ich damit rechnete, dass ich diese Schmerzen nun noch 10 Stunden lang ertragen müsste. So schlimm war das doch beim letzten Mal nicht, oder?

Ich lag zusammengekauert auf dem Bett und die Hebamme meinte, dass ich Platz für meinen Sohn machen müsse. Ich war perplex und meinte, dass es doch nicht sein kann, dass es so schnell geht. Sie meinte dann, dass sie das Köpfchen schon sehen kann und nach zwei Presswehen war er da. Um 10:03 Uhr wurde er mit 1840g und 47cm geboren.

Die Hebamme gab uns direkt eine Antwort auf das Warum. Unser Sohn hat in meinem Bauch so wild herumgetobt, dass er die Nabelschnur dreimal sehr straff um den Hals und zusätzlich einmal um den Arm geschlungen hatte. Außerdem war ein sogenannter „echter Knoten“ in der Nabelschnur. Die Hebamme hat unseren Sohn zunächst abgenabelt und die Nabelschnur abgewickelt. Dann bekam ich ihn sofort in die Arme gelegt. Er war perfekt. Er war warm und sah aus, als ob er einfach nur schlafen würde. Man konnte auf seiner Haut genau sehen, wo die Nabelschnur ihn abgeschnürt hatte.

Wie geplant durften wir ihn selber baden und anziehen. Etwa zwei Stunden nach der Geburt kam dann unsere Tochter in den Kreißsaal. Ich sah ihr an, dass sie merkte, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte. Natürlich hatte sie das auch schon die zwei Tage zuvor mitbekommen. Ich erklärte ihr, dass ihr Bruder nicht atmet, dass er nicht essen, trinken, spielen kann und dass wir ihn daher nicht mit nach Hause nehmen können. Nach wenigen Minuten sagte sie, sie wolle zurück zur Oma, die in unserem Zimmer gewartet hat. Mein Mann ging mit ihr. Doch dann überlegte sie es sich plötzlich anders und wollte doch nochmal zu uns zurück. Sie blieb etwa 2 Stunden bei uns und war auch noch da, als eine Fotografin von „Mein Sternenkind“ kam.

Sternenkind wird geboren

Sternenkind Nebo hat einen festen Platz in den Herzen seiner Familie.

Am Nachmittag kamen dann noch einige enge Familienmitglieder, um ihren Enkelsohn und Neffen zu verabschieden. Wir machten Hand- und Fußabdrücke von unserem Sohn und erzählten ihm ganz viel über seine Familie und wie sehr wir ihn lieben. Am Abend machten wir uns dann bereit, das Krankenhaus zu verlassen. Ich wollte zurück zu meiner Tochter, ich wollte bei ihr sein und ihr in dieser schweren Situation Halt geben.

Als ich mich von meinem Sohn verabschiedete, konnte ich das erste Mal an diesem Tag weinen. Ich hatte ein totes Kind auf die Welt gebracht und doch liefen erst jetzt am Abend des wohl schwersten Tags meines Lebens die Tränen. Vermutlich waren es die Hormone der Geburt und gleichzeitig auch ein wenig Stolz, denn ich hatte doch einen gesunden und wunderschönen Sohn geboren. Als wir zuhause ankamen, schaute unsere Tochter auf meinen Bauch und fragte: ,Ist das Baby jetzt wieder in deinem Bauch drin?´ Was hätte ich dafür gegeben!

 

Beerdigung und Abschied

Da in Niedersachsen Sternenkinder ab 500 Gramm bestattet werden können, machten wir gleich einen Termin beim Bestatter. Gemeinsam mit ihm und dem Pastor beschlossen wir, dass unser Sohn im Grab meines Schwiegervaters, der vor 12 Jahren gestorben war, beerdigt wird. Der Gedanke, dass der Opa ein Enkelkind bei sich hatte und unser Sohn jemanden, der sich liebevoll um ihn kümmern würde, gab uns Trost.

Wir haben mit unserer Tochter gemeinsam den Sarg bemalt. Am Freitagabend haben mein Mann und ich Nebo alleine eingebettet. Dass dies nicht der Bestatter tun muss, war auch einer der wertvollen Tipps der Sterneneltern. Es war, als würden wir Nebo schlafen legen. Wir haben ihn durch den Raum getragen und ihm Schlaflieder vorgesungen. So konnten wir ihm nochmal eine riesige Portion unserer Liebe mit auf den Weg geben.

Wir hatten uns dafür entschieden, die Trauerfeier öffentlich und nicht im kleinsten Kreise zu machen. Diese Entscheidung konnten einige nicht nachvollziehen. Im Nachhinein war es aber die absolut richtige Entscheidung. Es waren 120 Familienmitglieder, Freunde, Nachbarn und Kollegen da. Wir waren von der Anteilnahme überwältigt und fühlten uns an diesem Tag getragen. Es machte diesen Tag ein wenig leichter und wir fühlten uns nicht ganz so allein.

Auch in der kommenden Zeit merkten wir, dass alle Gäste so viel „näher“ am Geschehen waren. Es erleichterte die ersten Begegnungen und Gespräche, denn sie haben uns „danach“ schon einmal gesehen und man hat die allererste Begegnung schon hinter sich gebracht. Es war, als hätte die öffentliche Trauerfeier geholfen, dass unser Erlebnis zu keinem Tabu wird, über das sich niemand zu sprechen traut.

 

Die Zeit danach

Um in der Trauer um meinen Sohn Hilfe zu bekommen, besuchte ich eine Selbsthilfegruppe der „Sterneneltern Achim“. Dieser Schritt fiel mir leicht, weil ich ja Friederike schon kannte und ich wusste, dass einige dort auch schon meine Geschichte kannten. Außerdem besuchte ich einen Rückbildungskurs für verwaiste Mütter. Der Austausch mit anderen Betroffenen half und hilft mir ungemein. Ich fühle mich dadurch etwas „normaler“, weil man merkt, dass andere Betroffene dieselben Gedanken haben.

Neben den Gesprächen in den Gruppen begann ich zwei Monaten nach der Geburt eine Therapie bei einer Psychologin. Doch ich muss sagen, dass mir der Austausch in den Gruppen mit den Betroffenen mehr hilft. Zumindest habe ich bisher den Eindruck.

Trotz des warmen Abschieds von unserem Sohn, trotz der vielen Unterstützung und dem Austausch mit anderen Betroffenen, fühlt es sich immer noch unreal an. Auch jetzt, Monate danach, während ich diese Zeilen hier schreibe, fühlt es sich zeitweise noch so an, als würde ich die Geschichte einer anderen erzählen. Ich kann es einfach nicht fassen, dass uns das passiert ist. Am Abend von Nebos Geburtstag hatte ich richtige Herzschmerzen. Ich hatte das Gefühl als würde mir mein Herz rausgerissen. Es war ein echter, körperlicher Schmerz, der ganze zwei Tage anhielt und von einer wochenlangen Erschöpfung und Kopfschmerzen abgelöst wurde.

Mein Mann war mir in dieser Zeit eine große Stütze. Im Krankenhaus wich er mir nicht von der Seite und danach war er noch drei Wochen krank geschrieben. Unsere Tochter hielt uns in dieser Zeit am Leben. Für sie „mussten“ wir weitermachen, einfach im Bett liegen bleiben ging nicht. Ihr zuliebe wollte ich wieder Normalität in unser Leben bringen. Das heißt nicht, dass ich meine Trauer unterdrückte, aber sie gab mir die Kraft und den Mut weiterzumachen und vor die Tür zu gehen. Das erste Mal zum Kinderturnen, wo zig schwangere Mütter und Neugeborene waren – mein persönlicher Albtraum! Aber für meine Tochter bin ich dort nach drei Wochen wieder hingegangen, denn es würde nicht leichter werden. Ich wollte die vielen ,ersten Male danach` einfach hinter mich bringen. Jede erste Begegnung mit Freunden, Nachbarn oder Kollegen hat mich unheimlich nervös gemacht. Jedes Mal hatte ich ein Gefühl im Bauch, als wenn ich eine wichtige Prüfung ablegen müsste. Aber danach wurde es immer besser. Je öfter ich rausgegangen bin und je öfter ich mit anderen Menschen über das Geschehene gesprochen habe – umso leichter wurde es.

Die Trauer kann von einer Minute auf die andere wieder hochkommen. Was viele nicht glauben können ist, dass man nicht nur jeden Tag, sondern eigentlich jede Minute an sein verstorbenes Kind denkt. Jeder kennt sicher das Gefühl, dass man zeitgleich mehrere Gedanken im Kopf hat. Man kann es sich wie eine dreispurige Gedankenautobahn vorstellen: Auf der linken Spur läuft die ganze Zeit: ,Mein Baby ist gestorben! Eigentlich wäre er jetzt hier bei mir und es wäre jetzt so und so…` Es ist wahnsinnig anstrengend daneben auf die Gedanken auf den anderen Spuren zu hören.

Er fehlt, immer und überall. In jeder Situation denkt man, dass es jetzt anders hätte sein sollen. Das hört nicht auf.

Ich habe auch das Bedürfnis jedem zu erzählen, was mir passiert ist. Selbst völlig fremden Menschen würde ich es am Liebsten einfach an den Kopf werfen: ,Mein Kind ist tot!` Tue ich aber nicht, ich habe das im Griff. Auch das ist etwas, dass man auch von anderen betroffenen Müttern hört. Ihnen geht es da ähnlich und das tut gut!

 

Das hilft uns als trauernden Eltern

Am Tag von Nebos Geburt stellten wir im Schlafzimmer abends eine Kerze in das offene Fenster, damit Nebo unser Zuhause finden kann. Dies haben wir in der Anfangszeit jeden Abend so gemacht. Außerdem habe ich ein Fotobuch mit allen Fotos von Nebo und den schönsten Sprüchen aus den Trauerkarten erstellt. Das gucken wir uns häufig an, auch gemeinsam mit unserer Tochter. Einige Freunde haben uns auch Geschenke gemacht. Dinge auf denen Nebos Name steht und die jetzt in einer Gedenkecke für ihn stehen.

Ich beschäftige mich intensiv mit dem Thema. Schon einige Tage nach der Geburt habe ich von Freundinnen ein Buch über das Thema Sternenkinder bekommen und das habe ich regelrecht verschlungen. Ich habe mir dann noch mehr Bücher zu dem Thema bestellt. Außerdem folge ich bei Instagram betroffenen Müttern. Zu lesen, wie andere Betroffene mit dem Thema umgehen, tut mir sehr gut. Und es hilft zu sehen, dass wir mit diesem Schicksal nicht alleine sind und dass auch andere es schon ,überlebt` haben.

Schlimm ist es für mich, wenn ich jemanden das erste Mal danach wieder sehe und absolut keine Reaktion kommt. Natürlich ist es auch für meine Mitmenschen nicht leicht und man weiß nicht was man sagen soll, aber eine Umarmung zur Begrüßung, die einfach 2 Sekunden länger dauert, das würde doch schon reichen! Außerdem ist es schön, wenn ein Gespräch nicht nach dem ,Was? Warum ist dein Kind tot?` endet, sondern auch Mal jemand fragt, wie das Kind denn heißt. Bei lebenden Kindern ist das eine Frage, die jeder sofort stellt – bei toten Kindern fragt das so gut wie keiner.

 

Mein Rat an andere Sterneneltern

Nehmt euer Schicksal an! Ihr könnt es leider nicht ändern und die Frage nach dem ,Warum? Wieso wir?` kann euch keiner beantworten. Liebt euer Kind und akzeptiert, dass es gehen musste. Genießt die Stunden oder Tage, die ihr mit eurem Kind habt. Auch wenn es tot ist. Schafft euch möglichst viele Erinnerungen und ,tolle` Momente, die ihr mit eurem Kind erleben durftet.

Holt euch Hilfe! Falls ihr jetzt gerade akut vor der stillen Geburt steht (oder falls ihr das lest, weil ihr jemanden kennt, der das gerade durchmacht), dann scheut euch nicht, den Kontakt zu jemandem aufzunehmen, der euch helfen kann. (Sternenkinder/-eltern Verein in der Nähe, spezielle Hebammen, Hospizmitarbeiter, andere Betroffene). Man selber ist in dieser Situation so hoffnungslos überfordert, dass man kaum eine Entscheidung treffen kann. Durch das Gespräch mit Friederike konnten wir viele richtige Entscheidungen treffen, weil wir die richtigen Tipps bekommen haben. Das kann nur jemand leisten, der selber betroffen ist oder viel mit Betroffenen zu tun hat. Uns hat das unheimlich geholfen und wir sind in der glücklichen Lage, dass wir bisher nichts bereuen, weil wir etwas falsch entschieden haben oder etwas verpasst haben.“

Anna Moniz

Vor zwei Jahren hat es mich mit meinem Mann und unserer Tochter vom hohen Norden nach Niederbayern verschlagen. Hier arbeite ich als Autorin für Echte Mamas sowie als freie Texterin und PR-Beraterin. Die Turbulenzen des echten Mamalebens halten mich dabei täglich auf Trab und machen mich gleichzeitig zum glücklichsten Menschen aller Zeiten.

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