So perfide manipulieren Rechte im Netz die Mütter

Für Mamas ist der Austausch mit anderen Müttern ganz wichtig. Ganz ehrlich: Ich weiß nicht, wie ich die erste Zeit mit Baby ohne meine Mama-Freundinnen (und die Ratschläge von anderen Mamas im Netz) überstanden hätte. Zusammen ist man einfach weniger allein! Das stärkt in einer Zeit, in der man oft allein mit dem Kind und unsicher ist.

Kinderschutz ? Oft nur ein Vorwand!

Doch gerade unsere Unsicherheit wird gerne ausgenutzt. Getarnt als kindeswohlorientierte Ratschläge und Hilfe spülen Rechte und Verschwörungstheoretiker ihr verschwurbeltes Gedankengut in Mütter-Kanäle. In den USA wurden dafür die Begriffe „QaMoms“ und „Pastel Q“ geprägt. Das „Q“ bezieht sich auf die „QAnon“-Bewegung. Ihr wisst schon: Dämonische (aka jüdische) Eliten halten Kinder gefangen, um deren Blut zu trinken. Uff… wer hätte gedacht, dass antisemitische Mittelalter-Märchen heute noch Gläubige finden?! Außerdem glauben die Anhänger an einen geheimen Staat, Hollywood-Schauspieler, die Sexhandel betreiben,… Solcher Mist wird unter dem verführerischen Deckmantel des Kinderschutzes verbreitet, für den wir empfänglich sind.

So nehmen indirekt oft auch diejenigen aus dieser Ecke stammendes Gedankengut auf, die nicht an die große Weltverschwörung glauben. „Wir werden hineingezogen, weil der Eingang so hübsch gemacht wurde wie der Wartesaal einer Wellness-Oase. Aber dahinter verbirgt sich ein furchterregendes Verließ.“ So beschrieb es Journalistin Anne Helen Petersen in  Elle.

Immer schön unter die Gürtellinie

Amanda Ginn beschreibt auf Romper, wie sie auf Instagram massiv angegriffen wurde. Mit kaum 2000 Followern ist sie noch keine Influencerin. Dennoch steht sie unter starkem Beschuss. Ihr Vergehen? Sie teilt Mütter-Inhalte – und positioniert sich sehr klar gegen Rassismus. Als sie einmal schrieb, dass weiße Frauen die rassistische „White Supremicy“-Bewegung mittragen würden, erntete sie unzählige Hass-Kommentare.

 

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Ein Beitrag geteilt von Amanda | As We Are Going (@aswearegoing)

Dieser Beitrag hatte rein gar nichts mit ihrer Mutterschaft zu tun. Trotzdem wurde sie gerade in ihrer Eigenschaft als Mutter angegriffen. Ihr wurde unterstellt, ihre eigenen Kinder zu hassen (weil die wie Ginn selbst weiß sind), und diese zum Hass auf die eigene Hautfarbe zu erziehen. Andere wollten sich gerne einmal mit ihr treffen, um sie zu schlagen.

„So gruselig es auch war, das Ziel so boshafter Troll-Kommentare zu sein: Was mich wirklich ängstigte war, dass so viele Mütter keinen Schimmer haben, dass sie von QAnon-Influencern beeinflusst werden. Dieser Mangel an Bewusstsein sollte für uns alle ein Warnzeichen sein“, sagt Ginn.

Unsachlich, frei von Fakten, zusammenhangslos – so funktioniert „Argumentation“ bei QAnon, aber auch bei allen anderen rechten Strömungen. Hier gehen sie dahin, wo es Mütter schmerzt: Wer nicht der gleichen Ideologie anhängt, taugt nicht als Mutter.

Blümchenkleid statt Springerstiefel

Verwandt sind diese Ideologien alle. Mal mag der Staat als Feind Nummer eins ausgerufen werden, mal die Pharmaindustrie – unterschwelliger Antisemitismus oder Rassismus sind gerne mit an Bord. Das Perfide: Wie bei „PastelQ“ kommen entsprechende Inhalte heute nicht mehr mit Nazi-Symbolen auf Männerjacken, sondern zuckersüß und „weiblich“ daher. Blümchenkleid statt Springerstiefel, Kinderschutz statt offener Hass auf Minderheiten!

Egal ob #theawakening, #rettetdiekinder,  #whereareallthechildren: Wer sich auf der falschen Seite über Kinderschutz informiert, wird mit Geheimwissen bombardiert und gehirngewaschen. Gerade Covid bot ein superdankbares Umfeld, um Eltern einzufangen. Viele fühlten sich einsam, ängstlich und schrecklich verunsichert. Bei den Querdenkern fanden sie „Unterstützung“. Und plötzlich fuhren verwirrte Eltern mit Reichsbürgern und Rechtsradikalen auf  Anti-Corona-Demos, begaben sich zum Teil immer tiefer ins Dickicht der Verschwörungstheorien, in denen der demokratische Staat zum Feindbild wurde.

Die bedürfnisorientiert-Falle

Auch bedürfnisorientierte Mama-Accounts sind ein beliebtes Ziel, um Köder auszulegen. Viele von ihnen leisten wertvolle Arbeit. Sie wollen dazu inspirieren, den Familienalltag achtsamer und liebevoller zu leben. Die etwas anderen bedürfnisorientierten Accounts (oder Kommentierenden) wollen vorgeblich das Gleiche: Kindeswohl, Kinderschutz, Bindung, Beziehung. Wer genauer liest, erkennt bei den Trittbrettfahren aus der ultrakonservativen bzw. schlicht rechten Ecke schnell, das Bedürfnisorientierung vor allem so aussehen soll: Mama bleibt beim Kind und erfüllt ihren biologischen Zweck.

Richtig schädlich wird solches Gedankengut, wenn es sich wissenschaftlich gibt. Wenn etwa die Existenz von ADHS abgestritten wird, und die Ursache für fast alle psychischen und gesundheitlichen Probleme lauten soll: kindliches Trauma. Das macht Mütter schnell zu Täterinnen: Wer nicht nach rechten (ja, doppeldeutig!) Grundsätzen funktioniert, traumatisiert womöglich sein Kind. Professor Franz Ruppert, Psychologie-Professor schaffte es mit solchen Ideen auf vielleicht sogar wohlmeinende Mütterseiten (z. B. hier).

Nebenher pflegt er Ansichten wie: Schon der Gedanke an Abtreibung während der Schwangerschaft verursacht ein Trauma beim Kind. Schwangerschaft nach Vergewaltigung? Kann man trotzdem nicht als als ungewollt bezeichnen, zur Befruchtung muss es eine gewisse Einwilligung des mütterlichen Körpers gegeben haben. Die Nabelschnur war bei der Geburt um den Hals gewickelt? Vielleicht ein früher Suizidversuch aufgrund der Erfahrungen im Mutterleib. Überhaupt scheint Ruppert ein Freund von  Suizid-Theorien zu sein. Seine Wortmeldung zur Pandemie bestand etwa darin, den  „globalisierten Impfwahn“ als „gemeinsamen Suizid auf Raten“ zu bezeichnen.

So werden Mütter stigmatisiert

Ohauaha! Erinnert doch sehr an das von Querdenkern prophezeite Massensterben der Geimpften. Wissenschaftlich fundiert ist da nichts. Hier werden ultrakonservative Ansichten wissenschaftlich verpackt, um Frauenrechte einzuschränken. Schön zu Hause bleiben und aufs Mutterverdienstkreuz warten. Aber das Lachen über die absurde Statements bleibt einem im Halse stecken, wenn man darüber nachdenkt, was sie bei Frauen in Extremsituationen (z.B. ungewollte Schwangerschaft) anrichten können.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Wenn eine Frau sich aus freien Stücken entscheidet, zu Hause bei den Kindern bleiben zu wollen, begibt sie sich damit natürlich nicht in eine finstere Ecke, sondern übt schlicht ihr Recht auf freie Wahl aus. Anders sieht es darum aus, wenn andere beeinflusst werden sollen, dieses Leben als die einzig wahre Bestimmung der Frau zu akzeptieren. Oder wenn dies als die einzig gesunde Form der Kindererziehung dargestellt wird. Dann befinden wir uns bereits im rechten Spektrum. Feindbilder (unter anderem): Diversität, Migration, Feminismus, Fremdbetreuung und eine Schul-Aufklärung, die Vielfalt auch in Sachen Identität und Sexualität berücksichtigt.

Auch Bilder können lügen

Fast keine der verqueren Ansichten ist neu – abgesehen von denen natürlich, die sich unmittelbar auf Covid beziehen. Sie werden uns auch nach der Pandemie – vielleicht in abgewandelter Form – begleiten. Dass sie während der Pandemie so schnell verbreitet wurden, hat nur gezeigt, wie anfällig Menschen in Krisenzeiten sind. Und das ist extrem gefährlich. Wenn sich Menschen in ihrer Verschwörungs-Filterblase gegenseitig immer weiter aufputschen, kann das in Gewalt münden.

Wer hätte sich vorher so etwas wie den Angriff aufs Capitol vorstellen können? Oder dass ein junger Student erschossen wird, weil er einen Kunden daran erinnert, dass Maskenpflicht herrscht? Und manche Kreisen den Täter feiern?

Natürlich führen fehlgeleitete Gedanken nicht immer zu so extremen Handlungen. Aber das Problem beginnt, wo Beiträge ungeprüft geteilt werden. Das passiert eben auch auf Mama-Accounts und gerade dann, wenn sie so pi mal Daumen ins eigene Weltbild zu passen scheinen (Kinderschutz). Auch Bilder (Instagram) können lügen, da sie in jeden Kontext gestellt und Quellen verschleiert werden können.

Wie kann man sich vor Fake-News schützen?

Allerdings ist es gar nicht so leicht, Fake-News im Netz auf die Schliche zu kommen. Nicht alles, was sich hier als Nachrichtenseite tarnt, ist auch eine. Werden in Memes und anderen viel geteilten Beiträgen stattdessen mal seriöse Quellen angegeben, wurde das Zitat möglicherweise aus dem Kontext gerissen, oder die Angabe stimmt schlicht nicht.

Und was die Experten angeht: Ein gute Ausbildung samt Professorentitel garantiert leider noch gar nichts. Über beides verfügen ja zum Beispiel auch viele Mitglieder der AfD, einer anfangs rechtspopulistischen Partei, die nun immer weiter ins Rechtsextreme abdriftet. Im Zusammenspiel mit harmloser Dackelkrawatte wirken die neuen Vertreter rechter Strömungen allerdings viel cleverer auf Menschen ein, als eine Rechte mit eintätowiertem Hakenkreuz auf dem blanken Schädel.

Wenn du also auf Inhalte stößt, die dich stutzen lassen, vertraue auf deinen Instinkt. Aber bitte nicht nur!  Teile keine „News“, deren Quelle du nicht kennst. Und wenn eine Quelle benannt wird, nimm gerne auch diese noch einmal unter die Lupe.

Jana Stieler

Ich lebe mit Mann und Sohn im Süden Hamburgs – am Rande der Harburger „Berge“ (Süddeutsche mal kurz weghören: Der höchste Punkt misst immerhin sagenhafte 155 Meter ü. M.). Wenn ich nicht gerade einen Text verfasse, liebe ich Outdoor-Abenteuer mit meiner Familie, lange Buch-Badewannen-Sessions mit mir allein und abendliches Serien-Binge-Watching.

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