Sind (sichtbare) Kinder in der Politik etwa unerwünscht?

„Alle Eltern werden wohl leider diese Erfahrung gemacht haben, dass ihr Kind irgendwo unerwünscht war. Dass mein Mann und ich aber eine Anzeige wegen Kindeswohlgefährdung bekommen haben, weil wir das Kind mit im Stadtrat hatten, hat uns dann doch schockiert“, schreibt Thüringens Grünen-Chefin Ann-Sophie Boom auf Instagram.

Was passiert war?

Weil sie an dem Tag keine Kinderbetreuung fand, brachte Boom ihr Baby mit zu einer Sitzung des Stadtrats Weimar. Kurz darauf wurde ihr eine Anzeige wegen Kindeswohlgefährdung präsentiert – diese war anonym eingereicht worden.

Logisch, Dummheit und Feigheit gehen nun einmal gerne Hand in Hand.

 

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Moment mal – was ist denn mit der Vereinbarkeit von Kind und Beruf?

Wie soll die Vereinbarkeit von Kind und Beruf funktionieren, wenn schon die Vertreter*innen unseres Staates sie nicht vorleben sollen? Immerhin: Noch vor drei Jahren flog Booms Kollegin Madeleine Henfling wegen ihres frischgeborenen Babys aus dem Sitzungssaal in Erfurt. Obwohl Abgeordnete nicht einfach so in Mutterschutz gehen können, sondern die Sitzung zum Pflichtprogramm gehörte. Auch Elternzeit steht Abgeordneten nicht zu. Bliebe nur die Fremdbetreuung, die bei so kleinen Babys für viele keine echte Alternative oder gar nicht erst möglich ist. Wenigstens entschied das Thüringer Verfassungsgericht danach, dass Eltern künftig ihre Kinder, die jünger als ein Jahr alt sind, zu Landtagssitzungen mitbringen dürfen.

Boom durfte nun also bleiben und musste sich zumindest während der Sitzung selbst keinerlei Beschwerden anhören. Auch zeigten sich die Vertreter aller anderen Parteien später mit ihr solidarisch. Trotzdem ist der Politikbetrieb nicht eben familienfreundlich. Hier wünscht sich Boom dringend Verbesserungen: „Man versucht offenbar, Menschen mit kleinen Kindern aus der Politik zu drängen. Die Politik braucht aber genau diese Menschen.“

Puh… bei allen Verbesserungen, die es schon gegeben haben mag, denkt man da doch sehnsüchtig an Bilder von neuseeländischen Politiker*innen. Etwa das, auf dem Parlamentspräsident Trevor Mallard 2019 während einer Debatte lässig ein Baby fütterte. Es gehörte übrigens zu seinem homosexuellen Kollegen Tāmati Coffey. Oder das von der überhaupt sehr großartigen Ministerpräsidentin Jacinda Ardern, die ihr Baby 2018 kurzerhand mit zur UNO-Vollversammlung brachte…

Jana Stieler

Ich lebe mit Mann und Sohn im Süden Hamburgs – am Rande der Harburger „Berge“ (Süddeutsche mal kurz weghören: Der höchste Punkt misst immerhin sagenhafte 155 Meter ü. M.). Wenn ich nicht gerade einen Text verfasse, liebe ich Outdoor-Abenteuer mit meiner Familie, lange Buch-Badewannen-Sessions mit mir allein und abendliches Serien-Binge-Watching.

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