Sein Kind anschreien – geht gar nicht! Oder doch?

In unserer Welt gilt es als nahezu desaströses Verhalten, seinen Kindern gegenüber laut zu werden. Wer seine Kinder anschreit, verletzt ihre kleinen zarten Seelen. Zerstört Vertrauen, Bindungen. Wer schreit erzieht Kinder, die irgendwann auch wieder ihre Kinder anschreien werden.

Wenn ich höre, wie andere Menschen ihre Kinder anschreien, zucke ich innerlich zusammen. Leide ich mit ihnen. Würde ich gerne dazwischen gehen. Die Kinder aus der Situation heraus nehmen. Sie trösten, halten, beschützen. Und trotzdem passiert es mir auch – ich schreie.

Dabei ist Schreien so gemein. Und laut. Und zu Recht lesen wir immer und überall, dass man seine Kinder auf keinen Fall anschreien soll. Das man an sich als Mutter arbeiten muss, ständig, an seiner Geduld. Und wenn es einen in den Fingern juckt, endlich mal seiner Wut freien Lauf zu lassen, dann hat man vielleicht schon lange vorher etwas falsch gemacht. Denn wieso hat man denn Kinder, die einen so ärgern, dass man schreien möchte? Ist die Erziehung nicht schon längst vorher gescheitert?

Bekomme ich die Rache für meine Erziehung immer postwendend? Habe ich ein besonders schwieriges Kind? Habe ich besonders schwache Nerven? Bin ich weniger geduldig als die anderen Mütter, die nie laut werden? Warum bin ich so fehlbar und die anderen nicht? Wieso ist mein Kind so anstrengend und die anderen nicht?

 

Heute morgen klettert Emil zu mir ins Bett. Es ist kurz nach sechs. Wir haben noch Zeit. Ich mache mir einen Kaffee und wir lesen. Draussen ist es noch dunkel, Ida schläft. „Schön haben wir es, oder Mama?“ fragt Emil. Ja, nicke ich. Wir teilen uns eine kleine Schüssel Cranberries. „Wir essen heimlich im Bett,“ kichert Emil, als sei das das größte Geheimnis, das wir nun für Tage mit uns tragen werden. Um kurz vor sieben gehe ich duschen. Emil bleibt im Bett und blättert noch in Büchern.

Ich wasche meine Haare. Weint jemand? Ich spüle sie schnell aus, wickele ein Handtuch um mich, mir ist kalt. Es tropft auf den Holzboden. Ich öffne vorsichtig die Tür zu Idas Zimmer. Sie schläft tief und fest. Wer weint denn dann? Ich gehe ins Schlafzimmer. Es tropft kalt von meinen nassen Haaren. „Weinst du?“ frage ich besorgt. „Was ist los?“ Keine Ahnung, woher der Sinneswandel rührt, aber Emil sieht mich böse an und sagt: „Ich habe dich immer wieder gerufen! Du hast gar nicht zugehört!“ Ich ziehe mein Handtuch hoch. „Ich kann dich unter der Dusche nicht hören,“ sage ich. „Du musst zu mir kommen, wenn du mir was sagen willst.“ Emil schreit und zetert. Er hätte Tausend Mal gerufen, um mir etwas zu erzählen, und ich hätte nicht zugehört! „Ich konnte dich aber ja gar nicht hören,“ versuche ich es noch mal. Emil tritt wütend die Decke weg. Dabei fällt ein Wasserglas zu Boden. „Selber Schuld!“ ruft er wütend und verlässt das Zimmer. Wie jetzt, selber Schuld? Denke ich.

Ich ziehe mich an, Emil schreit, warum ich ihm keine Sachen rauslege. Ida sitzt in ihrem kleinen, weißen Bettchen und sagt: „Es ist laut.“ Recht hat sie.

Okay, ich kann das verstehen, wenn man ruft und ruft und keiner hört einen. Jetzt will Emil aber auch gar nicht mehr sagen, was er mir so dringend erzählen wollte. Denn er findet mich jetzt extrem doof. Ich lege ihm Sachen raus, die er doof findet. „Dann such dir doch selber etwas aus,“ sage ich. Emil schreit. NEIN DU!!!

Ich sage noch mal, das es mir leid tut, dass ich ihn unter der Dusche nicht hören konnte. Aber dass wir ja jetzt vielleicht wieder freundlich miteinander reden könnten. Findet Emil nicht. Er sitzt auf dem Hochbett und liest ein Buch. Dann sieht er auf und schreit: „Du hilfst mir gar nicht mich anzuziehen!!!“

“Du sitzt ja auch gerade auf dem Hochbett,“ sage ich und gehe mir erst mal selbst etwas anziehen. Emil schreit und wirft wütend das Buch vom Hochbett. Er schreit Ida an, und die läuft mir ängstlich hinterher. Ich versuche immer noch heraus zu bekommen, woher diese unbändige Wut auf einmal kommt. Ida will auf den Arm, aber dann kann ich mich nicht anziehen. Ich friere.

Ich versuche, mit Emil zu reden, aber der knallt die Tür zu. „Ich will nicht hören, was du sagst!“ schreit er. Ich mache Ida Frühstück. Sie möchte einen Joghurt, und ich nehme einen aus dem Kühlschrank. Genau genommen nehme ich den, den ich zuerst greifen kann. Ida beginnt zu essen. Emil kommt und sagt, dass sei sein Joghurt gewesen. „Tut mir leid, das wusste ich nicht,“ sage ich. Emil hält noch seine Jeans in der Hand. Wütend schlägt er damit mehrmals aufs Sofa und schreit, ich hätte ihm seinen Joghurt weggenommen! „Da sind aber noch andere,“ sage ich ruhig. Emil rastet aus. Er tritt mit dem Fuß gegen das Sofa. Ein Wein Glas fällt herunter. Ich bin jetzt echt wütend.

„Hörst du mal bitte auf, überall gegen zu treten?“ sage ich schon etwas bissiger. „Nein!“ schreit Emil. „Und das war mein Joghurt!“ Er läuft in die Küche und holt tatsächlich aus, um Ida mit der Jeans eins überzuziehen. Ich glaube, ich sehe nicht richtig. Die Jeans trifft Ida im Gesicht und sie schreit herzzerreißend. Vielleicht war es schmerzhaft. Vielleicht auch nicht. Aber noch niemals hat Emil ihr weh getan. Noch niemals musste sie ihn fürchten. „Weil du mein Joghurt gegessen hast!“ schreit Emil böse. Ich nehme Ida vom Stuhl und verlasse den Raum. Ich koche. Ich sitze mit ihr im Flur auf einer kleinen Bank. Sie weint. Ich übe mich in Geduld. Ich darf jetzt keinen Fehler machen. Emil kommt hinterher und schreit mich an. Er tritt gegen die kleine Bank, auf der wir sitzen. Er ist voller Wut. Ida hat Angst. Sie klammert sich an mich und weint.

Und jetzt mache ich Folgendes. Ich schreie zurück. Ich schreie Emil an. Ich schreie richtig laut. Und all die aufgestaute Wut in mir kommt raus. Und schreien fühlt sich gut an. Und befreiend. Ich schreie, und Emil schreit zurück. Er läuft in die Küche und knallt die Tür hinter sich zu. Die Farbe blättert ab. Ich gehe hinterher und schreie, er soll die Türen nicht knallen! Emil schreit „Ich knalle, was ich will!“

Und ich lache. Es geht nicht anders. Ich bin so befreit. „Das war sowieso viel zu laut,“ sagt Emil. Und lacht auch ein bisschen. Er sitzt in der Küche unter dem großen Tisch. Ich setze mich zu ihm. „Warum schreist du so laut,“ fragt Emil. „Ich mag das nicht!“ Ida krabbelt auch zu uns. „Ich mag auch nicht, wenn du so schreist,“ sage ich. „Du bist sowieso die gemeinste Mama von der Welt,“ stellt Emil fest. „Vielleicht solltest du losgehen und gucken, ob du eine bessere findest,“ schlage ich vor. Er sieht mich schief an. „Eine bessere gibt es nicht,“ sagt er kleinlaut. Ich lächle. „Warum hast du so geschrien?“ frage ich ihn. „Manchmal muss ich das,“ sagt Emil. „Ich auch,“ sage ich. „Manchmal,“ sagt Emil. „Wenn man ganz wütend ist, dann muss man schreien. Dann kommt die ganze Wut raus. Ich weiß nur nicht, wie man wieder aufhört.“

Man soll seine Kinder nicht anschreien. Das verletzt sie. Und vielleicht bringt es eine Spirale des Schreiens in Gang. Aber können wir unsere Wut immer runterschlucken? Immer zu Gunsten der anderen verstecken? Können wir ewig nur an die Folgen denken, ohne auch nur einmal an uns zu denken? An unsere Gefühle, die brodeln und kochen? Ja, ich möchte meine Kinder nicht anschreien. Aber ich mache es. Es ist kein Geheimnis. Jeder im Haus konnte das hören.

Wir dürfen nicht schreien? Vielleicht. Aber wir dürfen Wut nicht verstecken. Unsere Kinder nicht, und wir auch nicht. Wenn wir immer geduldig und freundlich sind, immer respektvoll und dem anderen gegenüber wohl gesinnt, sind wir dann noch authentisch? Ich möchte, dass meine Kinder den respektvollen Umgang mit anderen lernen. Ich möchte, dass sie fair sind, dass sie emphatisch sind, dass sie Gut von Böse unterscheiden können. Aber auch, dass sie am Ende dafür einstehen können. Und vielleicht auch laut werden, wenn es um Unrecht geht. Ich möchte, dass sie lernen, dass in der Welt nicht allem mit Geduld und Liebe und Respekt begegnet werden kann. Sie dürfen laut werden, wenn sie Unrecht entdecken. So wie sie als Kinder laut werden dürfen, wenn sie wütend sind. Jeder darf wütend sein. Und das zeigen. Wenn er am Ende darüber spricht. Wenn auf Wut wieder Liebe und Respekt folgen.

Ich bewundere jeden, der es wirklich schafft seine Kinder großzuziehen ohne zu schreien. Und ohne laut zu werden. Aber ich kann das nicht. Und all die, die sich in Grund und Boden schämen, wenn sie einmal laut werden, sollten sich in dem ganzen Wahn aus Beschuldigungen vielleicht eine kleine Ecke suchen, in der sie den Mut fassen, sich zu sagen: Es ist mir passiert. Es tut mir leid. Aber ich bin deshalb nicht die schlechteste Mutter der Welt.

Miriam Burdelski ist Fotografin, Bloggerin und Autorin. Sie hat zwei Kinder, Emil und Ida. Und einen Mann: Paul. Mehr tolle Geschichten findest du auf ihrem Blog „Emil und Ida“. Wenn sie nicht in ihrer Heimatstadt Hamburg ist, ist sie mit ihren Kindern auf Abenteuerreise durch Deutschland: „Kleine Landstreicher“

Tamara Müller

Als süddeutsche Frohnatur liebe ich die Wärme, die Berge und Hamburg! Letzteres brachte mich vor fünf Jahren dazu, die Sonne im Herzen zu speichern und den Weg in Richtung kühleren Norden einzuschlagen. Ich liebe die kleinen Dinge im Leben und das Reisen. Und auch wenn ich selbst noch keine Kinder habe, verbringe ich liebend gerne Zeit mit ihnen.

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