Passives Hinsetzen: Warum es deinem Kind schadet und was du stattdessen tun solltest

Das Leben als kleines Baby kann ganz schön anstrengend sein. Schwebte es gerade noch wie ein kleiner Astronaut im Mutterleib, muss es nun tagtäglich gegen die Schwerkraft ankämpfen. Doch wenn es um das Erlernen des Drehens, Krabbelns, Hinsetzens und Laufens geht, hat Mutter Natur mal wieder einen Plan. Je weniger wir als Eltern in diesen Plan eingreifen, wie etwa durch passives Hinsetzen, desto besser für die Entwicklung unseres Babys.

Das ist oft leichter gesagt als getan. Wenn wir unser wenige Monate altes Baby beobachten, wie es sich angestrengt aus der Bauchlage hochstemmt oder sich verzweifelt vom Rücken auf den Bauch drehen will, sind wir schnell versucht, ihm zu helfen. Das gilt auch für das  Hinsetzen, denn natürlich lieben es die Kleinsten, wenn sie in der Babywippe alles überblicken können und die Händchen frei haben zum Greifen und Fühlen.

Von diesem sogenannten passiven Hinsetzen sollten Eltern jedoch unbedingt absehen, sagt Physiotherapeutin Kathrin Mattes, die auf ihrem Facebook-Profil regelmäßig Wissenswertes zur kindlichen Entwicklung postet. Sie hat uns zu diesem Thema einige Fragen beantwortet:

Warum ist es so wichtig, Babys nicht passiv hinzusetzen?

KM: „Das Warten auf das selbstständige Aufsetzen fordert viel Geduld von uns als Eltern. Viele Babys sind sehr unzufrieden und quengelig, weil sie noch nicht sitzen und krabbeln können. Dieser Situation durch vorzeitiges Hinsetzen zu entgehen, ist für viele Eltern sehr verlockend. Doch gerade die Unzufriedenheit der Babys in diesem Alter ist natürlich und sinnvoll. Sie ist der Motor der Entwicklung und treibt die Kinder an, immer neue Meilensteine zu erreichen. Je mehr Zeit ein Kind in Bauchlage verbringt, desto eher wird es ihm leichter fallen und ihm beim Erreichen der kommenden Meilensteine helfen.

Natürlich sollten wir unsere Babys auch nicht weinen lassen, doch statt sie passiv hinzusetzen, ist es besser, sie auf dem Arm oder in der Trage herumzutragen, bis sie sich wieder beruhigt haben.“

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Warum ist passives Hinsetzen so ungesund für Babys Rücken?

KM: „Es ist nicht eindeutig geklärt, ob das passive Hinsetzen bei gesunden Kindern Schaden an der Wirbelsäule, Rückenschmerzen oder Skoliosen verursacht. Eine natürliche Belastung ist es jedoch auch nicht, denn auf dem Boden wechseln normal entwickelte Kinder in diesem Alter ihre Positionen sehr häufig, daher können lange statische Belastungen nicht ideal sein.

Asymmetrien der Halswirbelsäule, die bei Babys sehr häufig sind, jedoch leider oft übersehen werden, verstärken sich in aufrechter Position. Auch Kinder mit Auffälligkeiten in der Körperspannung ,vertragen‘ das Hinsetzen schlecht.

Das größte Problem beim passiven Hinsetzen ist meiner Meinung nach aber die Störung des natürlichen Ablaufs der Bewegungsentwicklung und die Einschränkung der Bewegungsvielfalt.

Viele Babys, die frühzeitig hingesetzt werden, erlernen das Krabbeln verspätet oder nie und nutzen stattdessen das Sitzrutschen als Fortbewegungsstrategie. Das ist eine Entwicklungsauffälligkeit. Krabbeln ist ein wichtiger Meilenstein, denn es ist ein komplexer Bewegungsablauf mit hohen Anforderungen an Gleichgewicht, Koordination und Rumpfstabilität.

In jedem Fall ist der potentielle Schaden durch das passive Hinsetzen eindeutig größer als der Nutzen. So verhält es sich mit jedem Eingriff in die Entwicklung, z.B. auch mit dem Gehen an den Händen der Eltern. Gehen muss und soll nicht geübt werden, das macht ein Kind ganz von alleine, wenn es soweit ist, genau wie alle anderen Entwicklungsschritte auch.“

Woran erkenne ich, dass mein Kind bereit ist zum Sitzen? 

KM: „Dass ein Baby frei sitzen kann, bedeutet genaugenommen, dass es sich auf dem Boden ganz alleine in eine Sitzposition begeben und die Position auch wieder allein verlassen kann. Wenn ein Kind seine Muskulatur in Rücken- und Bauchlage ausreichend gekräftigt hat, um im Sitzen seine Wirbelsäule stabilisieren zu können, wird es sich ganz von alleine aufsetzen. Meist geschieht das über die Seitenlage und den seitlichen Stütz oder das Kind setzt sich aus dem Vierfüßerstand seitlich hin.

Daher ist auch das verbreitete Hochziehen an den Händen nicht sinnvoll. Dabei handelt es sich um einen unnatürlichen und anstrengenden Bewegungsablauf, der daher nicht geübt werden soll. Nur als ärztlicher oder physiotherapeutischer Test zur Beurteilung der Kopfkontrolle hat er seine Berechtigung. Das Aufsetzen lernen Kinder dadurch nicht.

Meist lernen Babys das selbstständige Aufsetzen mit ungefähr 9 Monaten, doch die natürliche Bandbreite ist hier sehr groß, so dass sich manche Babys schon mit 6 Monaten aufsetzen und andere dafür bis zum ersten Geburtstag brauchen. Beides ist völlig normal, deswegen findet man auch so viele verschiedene Altersangaben in unterschiedlichen Tabellen.

Es besteht also absolut kein Grund, nervös zu werden, wenn ein Baby mit 6 Monaten noch nicht sitzt. Dieser weit verbreitete Irrglaube, dass das in diesem Alter bereits funktionieren muss, kommt wahrscheinlich daher, dass sich viele Babys mit 6 Monaten bereits in einer Sitzposition halten könnten, wenn man sie passiv hinsetzen würde.

Viele Eltern können es zwar verständlicherweise kaum erwarten, bis ihr Baby endlich sitzen kann, aber es ist wichtig, keine Entwicklungsschritte vorwegzunehmen, sondern sie das Kind selbst erreichen zu lassen. Diesen natürlichen Ablauf sollte man nicht stören, denn das beeinflusst die Entwicklung vieler Kinder negativ. Das bedeutet, man sollte ein Baby erst dann hinsetzen, wenn es sich bereits alleine aufsetzen kann, und zwar völlig ohne Hilfe auf ebenem Boden.

Wichtig ist dann im nächsten Schritt, mit der neuen Sitzfähigkeit des Kindes die Belastung nur langsam zu steigern und nicht gleich eine zweistündige Kinderwagenausfahrt auf unebenem Gelände zu unternehmen. Die neu aufgebaute Muskulatur muss sich nämlich erst an die neuen Anforderungen gewöhnen.“

Kleinkind versucht zu laufen

Krabbeln, Hinsetzen, Laufen – jeder Meilenstein braucht seine Zeit. Foto: Kathrin Mattes, physiomattes.at

Darf ich mein Kind zum Füttern kurz aufrecht hinsetzen?

KM: „Für die Schluckfunktion ist die senkrechte Position tatsächlich ideal. Die beste Möglichkeit ist daher das Füttern auf dem Schoß. Dabei kann man mit einer Hand den Rumpf des Babys stützen und mit der anderen Hand den Löffel führen oder das Kind selbst mit den Händen essen lassen, wenn man Baby Led Weaning, breifreies Füttern oder ähnliches betreibt.

Für viele Eltern funktioniert das sehr gut, andere kommen jedoch gar nicht damit zurecht. Im zweiten Fall bin ich persönlich der Meinung, dass kompromissweise einige wenige Minuten im Hochstuhl zum Zweck der Nahrungsaufnahme vertretbar sind, sofern das Kind bereits über eine gute Rumpfstabilität verfügt, also nicht zusammensackt oder zur Seite kippt. Zudem sollte der Hochstuhl über ein Fußbrett verfügen, denn wenn die Fußsohlen vollflächig Kontakt mit dem Untergrund haben, fällt es leichter, den Rumpf aufzurichten.“

Welche Varianten der Aufrichtung fallen eigentlich unter „passives Hinsetzen“?

KM: „Schon wenige Monate nach der Geburt kämpfen sich Babys auf unserem Arm oder Schoß in eine aufrechte Position. Sofern wir ihren Oberkörper dabei gut mit den eigenen Händen stützen, so dass die Wirbelsäule nicht zusammensackt, ist die senkrechte Haltung dann auch völlig okay und wesentlich schonender als das ständige ,Aufrichtenwollen‘.

Auch in einer guten Tragehilfe ist die senkrechte Haltung nicht schädlich, weil der Körper rundum gestützt wird. Diese sollte idealerweise von einer Trageberaterin empfohlen und angepasst werden. Mehr Infos dazu findest du im Extra ganz unten!

Abseits von Arm, Schoß oder Trage sollte ein Baby jedoch ausschließlich liegen und seine Fähigkeiten im Spiel erproben und weiterentwickeln. Auch Wippen, Türhopser, Lauflernhilfen zum Hineinsetzen oder ähnliche Geräte zur ,Babyaufbewahrung‘ in sitzender oder halbsitzender Position sind nicht zu empfehlen. Sie behindern das Kind in der Entdeckung seiner Bewegungsmöglichkeiten, beim Üben seiner Fähigkeiten und sorgen für einseitige Belastung in einer Position, die das Kind von selbst noch nicht einnehmen könnte. Je weniger sich ein Kind darin aufhält, desto besser. Am besten gar nicht!“

Wie kann ich mein Kind unterstützen, Muskeln für das aktive Hinsetzen aufzubauen?

KM: „Am besten helfen Eltern, indem sie der natürlichen Entwicklung ihren Lauf lassen und möglichst wenig eingreifen. Das bedeutet natürlich Anstrengung und manchmal auch Frust für das Kind. Dafür freut es sich bei Erfolg aber umso mehr, es ganz alleine geschafft zu haben. Das ist auch für die Psyche wichtig.

Deshalb sollten die Kleinen viel in Bauch- und Rückenlage auf der Krabbeldecke verbringen. Wenn Mama oder Papa dabei mit ihnen spielen, etwa mit einer Rassel, einem Greifling oder einem Fingerspiel, motiviert das gleich noch einmal. Auch ein Spielbogen ist eine tolle Sache. Wird der Frust in der anstrengenden Bauchlage zwischendurch zu groß, das Kind einfach hochnehmen und eine Weile tragen, bis es sich beruhigt und erholt hat.

Oft funktioniert die Bauchlage auch bei einer Kinderwagenrundfahrt mit geöffnetem Verdeck ganz gut, denn da sieht es deutlich mehr als in Rückenlage. Doch auch im Kinderwagen sollte ein Baby ausschließlich liegen, bis es den Meilenstein des selbstständigen Aufsetzens erreicht hat.

Eltern brauchen auch keine Scheu davor haben, mit ihrem Baby eine Physiotherapie in Anspruch zu nehmen. Viele Kinder haben kleinere oder größere Auffälligkeiten und können von Physiotherapie profitieren. Manche Kinder können Auffälligkeiten später zwar sehr gut kompensieren, andere jedoch weniger gut. Das weiß man aber nicht im Voraus, deswegen ist im Zweifel eine möglichst frühe Therapie immer sinnvoll. Damit hilft man dem Baby, trotz eventuell vorhandener Schwierigkeiten normale Bewegungsmuster zu entwickeln.“

 

Unsere Expertin: Physiotherapeutin aus Leidenschaft

Foto: Kathrin Mattes, physiomattes.at

In ihrer Praxis für Physiotherapie im österreichischen Strasshof an der Nordbahn behandelt Kathrin Mattes Babys und Kinder sowie Frauen während und nach der Schwangerschaft. Zudem hält sie Geburtsvorbereitungskurse, Rückbildungskurse und Vorträge zum Thema kindliche Entwicklung. Kathrin Mattes ist Mitglied bei Physio Austria, dem Bundesverband der PhysiotherapeutInnen Österreichs.

 

 

 


 

Extra: Und wie sitzt mein Baby richtig in der Trage?

Trageberaterin Linda Müller von liebevoll-getragen.de erklärt, worauf es bei der Wahl der von Tragetuch und Tragehilfe ankommt:

Tragetuch: Das Baby wird im Tuch in der Anhock-Spreiz-Haltung getragen. Dabei sitzt es aufrecht mit natürlich gerundetem, gut gestütztem Rücken. Die Atmung muss frei sein. Verliert das Baby beim Vorbeugen den Kontakt zum Körper des Tragenden, ist es zu locker gebunden. Dies kann sich negativ auf die Atmung und die inneren Organe des Babys auswirken und beim Träger zu Schmerzen im Rücken oder Nackenbereich führen. Das je nach Material richtige und feste Binden des Tuchs ist deshalb besonders wichtig.

Tragehilfe: Für den Tragling, also das Baby, kommt es bei der Tragehilfe vor allem auf den Steg an, also das Tuch, auf dem das Baby sitzt. Es muss exakt von Kniekehle zu Kniekehle reichen, nicht darüber hinaus und nicht kürzer. Der Steg sollte verstellbar sein, so dass er von Geburt an „mitwachsen“ kann, zum Beispiel mithilfe von Klett oder einem Kordelzug. Das Rückenteil darf nicht über den Nacken hinausgehen, damit dieser optimal gestützt wird und die Atmung frei fließen kann.

Für den Träger gibt es die Wahl zwischen verschiedenen Varianten:

  1. „Fullbuckle“ – Rucksacktrage mit Hüftgurt und Trägern, die mit Schnallen verschlossen werden
  2. „Halfbuckle“ -Trage, die einen Hüftgurt mit Schnalle oder zum Binden hat und deren Träger gebunden werden
  3.  „Wrap Conversion“ -Trage, die einen Hüftgurt mit Schnalle oder zum Binden hat und deren Träger aufgefächert werden

Nur wenn die Tragehilfe für Träger und Tragling bequem ist, ist sie auch die Richtige.

Wenn alle Kriterien erfüllt sind und Tragling und Träger sich wohlfühlen, ist es letztlich einerlei, ob ein gut gebundenes Tragetuch oder eine perfekt sitzende Tragehilfe gekauft wird. Eine Trageberaterin kann euch bei allen Fragen behilflich sein und ihr habt die Möglichkeit einige Varianten zu testen um herauszufinden was zu Euch und Eurer Familie passt. Dies schützt euch vor einem Fehlkauf oder dem Gedanken, dass euer Baby nicht getragen werden möchte, denn oft liegt es nur an einer Kleinigkeit.

Anna Moniz

Vor zwei Jahren hat es mich mit meinem Mann und unserer Tochter vom hohen Norden nach Niederbayern verschlagen. Hier arbeite ich als Autorin für Echte Mamas sowie als freie Texterin und PR-Beraterin. Die Turbulenzen des echten Mamalebens halten mich dabei täglich auf Trab und machen mich gleichzeitig zum glücklichsten Menschen aller Zeiten.

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Kommentare

  1. Völliger Schwachsinn!!!! Meine beiden Kinder liefen mit 9 Monaten und krabbelten mit 6 Monaten. Ich habe sie immer „passiv hingesetzt“ -sofern es ging und das Kind Lust dazu hatte! Treffe immer wieder Mütter die Angst haben ihre Kinder hinzusetzen weil sie der Wirbelsäule schaden könnten. Das sind dann die Kinder, die mit einem Jahr noch auf dem Bauch herumkriechen. Unser Kinderarzt und mein Mann, der Wirbelsäulenhirurg ist, vertreten übrigens die selbe Meinung. Ganz schön krass, dass Menschen die nicht mal ein Medizinstudium absolviert haben solche „Thesen“-anders kann man es nicht nennen- veröffentlichen dürfen.

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