„Meine Kinder trauern um ihren Vater, das habe ich immer im Hinterkopf.”

Vor drei Jahren starb mein Ehemann bei einem Autounfall. Wir haben zwei wundervolle Kinder zusammen, einen inzwischen elfjährigen Sohn und eine neunjährige Tochter.

Wir trauern also seit drei Jahren um einen geliebten Menschen.

Und seit drei Jahren begleite ich meine Kinder durch ihren Trauerprozess.

Zunächst haben sie offen getrauert. Sie haben viel geweint und nachts kamen die beiden meistens zu mir ins Bett. So verging das erste Jahr ihrer Trauer. In dieser Zeit war für mich klar, dass ich die sonst geltenden Regeln im Familienalltag außer Kraft setze.

Wir mussten uns als Familie wieder sammeln, verstehen, was geschehen war.

Früher habe ich streng auf eine ausgewogene Ernährung geachtet. Süßigkeiten gab es nur ausnahmsweise. Aber nach dem Tod ihres Vaters sagte ich nur selten nein, wenn sie mich nach Chips oder Schokolade fragten.

Vor dem Unfall ihres Papas gab es für meine Tochter und meinen Sohn strenge Fernsehzeiten. Doch als ihr Vater gestorben war, saßen wir stundenlang zusammen vorm Fernseher und schauten uns Kinderfilme an. Oft liefen wir den ganzen Tag im Schlafanzug herum.

Hausaufgaben oder gute Noten? Die waren mir in dieser Zeit herzlich egal. Wenn meine Kinder es überhaupt in die Schule schafften, sah ich das als großen Erfolg.

Im zweiten Jahr war ihre Trauer weniger sichtbar.

Es gab eher Wutanfälle oder trotziges Schweigen. Das war sehr schwer für mich. Doch egal, wie oft mir meine Tochter die Tür vor der Nase zuknallte, egal, wie wütend mein Sohn herumschrie, ich versuchte diesen Ausbrüchen immer mit Liebe zu begegnen.

Von außen hat es wahrscheinlich manchmal so ausgesehen, als würde ich meine Kinder verwöhnen oder sogar verwahrlosen lassen. Sogar meine Mutter redete mir anderthalb Jahre nach dem Tod meines Mannes ins Gewissen: ‚Kinder kommen viel besser mit so einem Verlust klar als wir denken. Du kannst dir nicht von ihnen auf der Nase herumtanzen lassen!‘

Aber innerlich spürte ich einfach, dass meine Kinder noch voll von Traurigkeit und Verzweiflung waren.

Es wäre falsch gewesen, ihren Emotionen mit Härte zu begegnen. Manchmal ist ein kindlicher Wutanfall einfach nur ein Wutanfall. Aber manchmal steckt auch mehr dahinter.

War mein Sohn vielleicht gerade mit seinem besten Freund und dessen Vater unterwegs? Musste meine Tochter in der Schule womöglich gerade die Frage beantworten, was denn ihr Papa beruflich macht?

Drei Jahre nach dem Unfall haben wir beinahe in unseren Alltag von früher zurückgefunden.

Inzwischen können sie von ihrem Papa sprechen, ohne dass sie den Tränen nahe sind. Süßigkeiten sind wieder die Ausnahme und Hausaufgaben und Schulnoten habe ich im Blick.

Meistens wirken meine beiden wie glückliche Kinder, denen man nicht anmerkt, dass sie ihren Papa verloren haben. Doch plötzlich ist die Trauer dann wieder da, in Momenten, in denen ich sie nie erwartet hätte.

Neulich musste mein Sohn einen Aufsatz zum Thema ‚Ein besonderer Tag‘ schreiben.

Zu meinem Erstaunen schrieb er über den letzten Tag, den er mit seinem Vater verbracht hat. Er erinnerte sich erstaunlich genau daran, wie die beiden, das Planschbecken aufgestellt und mit dem Wasserschlauch gespielt hatten.

Ich hätte nie gedacht, dass er all diese Dinge noch weiß, dass er sie offenbar in seinem Herzen bewahrt wie einen Schatz. Obwohl ich jeden Tag mit meinen Kindern verbringe, habe ich unterschätzt, wie tief der Verlust ihres Papas sie geprägt hat.

Ich glaube, es ist wichtig, dass wir uns bewusst machen, dass Trauer nicht einfach aufhört, nur weil eine gewisse Zeit vergangen ist.

Sie ist immer da, auch wenn sie vielleicht für eine Zeit lang nicht so präsent ist. Und das betrifft besonders Kinder, die uns Erwachsene nach einem Verlust mehr brauchen als je zuvor.

Ihr Verlust wird immer ein Teil von ihnen sein, auch wenn ich mir wünschen würde, dass es anders wäre. Das heißt für mich, dass die Trauer indirekt auch immer ein Teil unserer Beziehung sein wird.

Deswegen betrachte ich jetzt viele Situationen durch den Filter der Trauer.

Kann ich meinen Kindern einen bestimmten Film zumuten, den sie im Kino sehen wollen, oder könnte er zu belastend für sie sein? Wie kann ich sie auf Situationen im Alltag vorbereiten, die womöglich schmerzhafte Gefühle hervorrufen?

Das sind Fragen, die nach dem Tod meines Mannes, ganz wichtig für die Erziehung unserer Kinder geworden sind. Mir ist heute klar, dass ich nie mehr die Mutter sein werde, die ich einmal war.”


Liebe Mama (Name ist der Redaktion bekannt), vielen Dank für deine Geschichte. Wir wünschen Dir und Deiner Familie alles Liebe für die Zukunft!

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Lena Krause

Ich lebe mit meinem kleinen Hund Lasse in Hamburg und bin dort immer gerne im Grünen unterwegs.

Auch wenn ich selbst noch keine Mama bin, gehören Babys und Kinder zu meinem Leben dazu. Meine Freundinnen machen mir nämlich fleißig vor, wie das mit dem Mamasein funktioniert und ich komme als „Tante Lena“ zum Einsatz.

Seit ich denken kann, liebe ich es, zu schreiben – und bei Echte Mamas darf ich mich dabei auch noch mit dem schönsten Thema der Welt auseinandersetzen. Das passt einfach!

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