„Mein kleiner Schatz, nicht jeder ist dein Freund“

Als ich vor kurzem meinen Sohn aus dem Kindergarten abgeholt habe, hörte ich, wie eine andere Mutter ihrem Kind sagte: „Aber Schätzchen, der XY ist doch auch dein Freund.“ Ihre Tochter hatte sich gerade beschwert, wie grob XY sie dauernd ärgert. Wetten, dass sie sich nicht sehr ernstgenommen gefühlt hat?

Am gleichen Tag schlug mir eine andere Mutter vor, dass sich unsere Kinder zum Spielen verabreden sollen. Ich habe reflexhaft „Na klar“ gesagt. Mein Sohn hat geschwiegen und hinterher gequält gemurmelt. „Muss ich mit dem spielen?“ „Ach komm, der ist doch auch dein Freund“, habe ich geantwortet, ohne eine Sekunde nachzudenken. „Stimmt ja gar nicht“, sagte mein Sohn zu Recht.

Ich fühlte mich ertappt. Und erkannte, dass ich mit meiner Einwilligung nicht das Sozialleben meines Kindes verbessern wollte. Eigentlich wollte ich mich nur vor dem unangenehmen Gefühl drücken, jemanden vor dem Kopf zu stoßen. Aber muss mein Sohn das „ausbaden“? Ich kam ins Grübeln: Ist es wirklich das Beste für unsere Kinder, sie glauben zu lassen, dass alle Freunde sind? Ich denke, das hängt vom Alter ab,

Muss wirklich jeder ein Freund sein?

Egal, ob klein oder groß – Menschen brauchen soziale Kontakte. Im Umgang mit anderen werden wir empathischer, aufmerksamer, einfach „menschlicher“. Das gilt sogar noch für imaginäre Freunde. Und wenn unter diesen Kontakten noch ein paar echte Freunde sind, ist das laut Studien noch wichtiger für Glücksempfinden und Langlebigkeit als die Partnerschaft.

Aber sollte man deshalb allen Bekanntschaften das Etikett „Freundschaft“ aufkleben? Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies glücklicher macht. Bei Kindern ist das doch etwas ganz anderes? Nicht unbedingt. Genau wie wir spüren sie Widersprüche und lassen sich von ihnen verunsichern. Zumindest ältere Kinder merken durchaus, dass unser Lächeln bei einer Person freundlicher wirkt als bei der anderen, obwohl wir beide als als Freunde bezeichnen. Sie spüren, dass auch sie selbst sich mit einem Kind wohler fühlen als bei einem anderen.

Mein Sohn wird bald sieben Jahre alt. Wäre er jünger, hätte ich ihn in dem Glauben gelassen, jede spontane Spielplatzbekanntschaft sei ein dicker Freund. Ein kleines Kind wäre von Unterscheidungen überfordert. Zumal ihre „Freundschaften“ ohnehin meist oberflächlicher und kurzlebiger ausfallen. Der beste Kumpel von heute kann morgen schon der Erzfeind sein und übermorgen wieder ein Blutsbruder. Das trifft teilweise auch noch auf größere Kinder zu. Wenn ich mir sicher bin, dass der Kontakt zwischen meinem Sohn und einem anderen Kind eigentlich okay ist, vermeide ich es deshalb, Öl ins Feuer zu gießen. Ich sage ihm zwar, dass ich seinen Ärger voll nachvollziehen kann, weise ihn aber danach z. B. auf ein nettes Verhalten des anderen Kindes hin. Und wenn mein Sohn sich mit jemandem grundsätzlich nicht wohl fühlt?

Zu wissen, dass nicht alle Freunde sind, ist auch ein Schutz

Auch wenn es vielleicht erstmal Risse in seiner heilen Welt verursacht: Ich habe mit meinem Kind darüber geredet, dass es Freundschaften gibt – und bloße Bekanntschaften, die durchaus auch mal Spielkameraden sein können. Ich finde es wichtiger, dass er lernt, mit der Wirklichkeit gut zurückzukommen, statt bonbonfarbene Lügen zu leben. Das hat auch etwas Befreiendes: Wenn er weiß, dass es okay ist, jemanden nicht zu mögen, lernt er, seine Gefühle nicht zu verdrängen, sondern wahrzunehmen – und damit umzugehen. Wenn er weiß, dass auch andere ihn nicht mögen, muss er sich nicht im Namen der Freundschaft für deren Zuneigung abstrampeln. Und wie soll mein Sohn später verstehen, wie wertvoll eine „Freundschaft“ ist, wenn er jeden einen Freund nennen soll?

Vielleicht hängt mit all dem „so-tun-als-ob“ auch zusammen, dass sogar noch wir Erwachsenen schlecht darin sind, einzuschätzen, ob diejenigen, die wir für Freunde halten, es genauso empfinden. Das lässt viel Raum für Enttäuschungen und falsche Erwartungen. Ich glaube, unsere eigenen wahren Gefühle zu sehen und zu ihnen zu stehen, kann ein Stück weit davor schützen.

Erzählt doch mal, wie ihr das handhabt. Macht ihr bei eurem Kind Unterschiede zwischen Freunden und Bekannten?

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Jana Stieler

Ich lebe mit Mann und Sohn im Süden Hamburgs – am Rande der Harburger „Berge“ (Süddeutsche mal kurz weghören: Der höchste Punkt misst immerhin sagenhafte 155 Meter ü. M.). Wenn ich nicht gerade einen Text verfasse, liebe ich Outdoor-Abenteuer mit meiner Familie, lange Buch-Badewannen-Sessions mit mir allein und abendliches Serien-Binge-Watching.

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