Mama hat Krebs: „Wirst du jetzt ein Engel?“

„Heute war ein toller Tag.

Ich war mit Mama und Papa am Hafen. Die Sonne schien, wir haben Eis gegessen und ganz viel gelacht. Mama sah so hübsch aus mit ihren blonden Haaren und sie musste gar keine Pausen machen, sondern konnte die ganze Zeit mit uns laufen und toben.

Vor einiger Zeit hab ich mal gedacht, dass das nie mehr so sein wird. Denn meine Mama war sehr krank.

Irgendwann fing es an, dass Mama immer schlapp war. Immer öfter blieb sie zu Hause, wenn Papa und ich auf den Spielplatz oder zum Inlineskaten gingen. Sie schlief manchmal schon, wenn wir Abendbrot gegessen haben.

Ich hatte immer öfter das Gefühl, dass sie mich gar nicht mehr lieb hat und keine Zeit mit mir verbringen mag.

Irgendwann sagten Mama und Papa mir dann aber, dass Mama ins Krankenhaus müsse. Sie wollten mir erklären, warum genau – aber ich wollte nichts mehr hören, nicht darüber sprechen und lief in mein Zimmer. Meine Mama sollte zwei Wochen lang weg sein? Wie sollte ich das denn gehen!!?? Ich musste ganz doll weinen, und später, als ich wieder zu ihr gegangen war, weinte meine Mama mit. Das fand ich ganz schlimm, sie weint wirklich sehr selten.

Am nächsten Tag traute ich mich dann zu fragen, was Mama denn eigentlich hat. Sie erklärte mir, dass sie eine Krankheit namens Krebs habe. Als erstes sagte sie, dass ich nicht daran schuld sei und dass diese Krankheit nicht ansteckend sei.

Wenn ich sie also kuscheln und drücken würde, könnte ich mich nicht anstecken – und ihr würde das sehr helfen.

Sie erklärte mir, dass die Krankheit aber nicht so schnell wieder weggehen würde und dass sie Medikamente bekommen würde, von denen es ihr vielleicht schlecht gehen würde. Und vielleicht würde sie auch ein wenig anders aussehen zu dieser Zeit, z. B. die Haare verlieren.

Dann war es soweit, Mama war einige Zeit im Krankenhaus. Ich durfte sie dort nicht besuchen, das war schlimm. Als sie wiederkam, war das so schön! Ich durfte sie leider nicht allzu fest drücken, weil sie operiert worden war und die Wunde noch weh tat.

Kurz danach begann ihre Behandlung und ich konnte es nicht verstehen: Ihr ging es wirklich immer schlechter. Sollten die Ärzte ihr denn nicht helfen, anstatt sie noch kränker zu machen?

Sie spuckte viel, sie verlor tatsächlich ihre schönen Haare und sie lag nur noch im dunklen Schlafzimmer. Ab und zu stand sie auf und setzte sich nachmittags zu mir.

Ich hatte solche Angst, dass sie sterben würde. „Mama, wirst du jetzt ein Engel?“ fragt ich sie, wenn ich abends noch kurz in ihrem Bett lag.

Sie antwortete mir meistens nicht, sondern schluchzte nur. Dann wurde ich wütend, wo war denn nur meine Mama, die immer so stark, gelassen und für mich da war. Ich schimpfte ärgerlich mit ihr.

Wenn ich dann in meinem Bett lag, bekam ich ein schlechtes Gewissen: Musste ich jetzt denn nicht immer extra brav sein?

Manchmal erkannte ich meine Mama nicht wieder. Sie war immer so fröhlich und lieb gewesen, jetzt saß eine graue, dünne Frau auf ihrem Platz am Tisch.

Ich war zu dieser Zeit am liebsten in meinem Zimmer und habe mir Bücher angesehen oder Hörspiele gehört, ich hatte keine Lust, mich mit Freundinnen zu treffen und zu spielen.

Am liebsten wäre ich auch nicht in die Schule gegangen, aber Papa meinte, das würde mich ein wenig ablenken und mir gut tun. Ich glaube, er hatte recht.

Irgendwann ging es Mama dann besser. Ich frage sie, ob der Krebs denn jetzt weg sei. Sie antwortete mir, dass man sich da nie so ganz sicher sein könne.

Aber erstmal sei er weg und sie müsste jetzt keine Medikamente mehr bekommen.

Und ganz langsam ging es ihr besser. Mir fiel es immer dann auf, wenn etwas passierte, dass ich lange nicht erlebt hatte. Ich hörte sie herzlich lachen. Oder sie kam in mein Zimmer und hockte sich zu mir, als ich Barbie spielte. Sie fragte mich, ob wir Adventskekse backen wollen.

Inzwischen scheint alles wieder gut zu sein, ich habe meine Mama wieder. Meine Mama, die immer so lustig ist und die blondes Haar hat, das ihr schon wieder bis zu den Ohren reicht.

Nur manchmal, wenn ich Zeit zum Nachdenken habe, überlege ich, ob es jetzt wohl für immer so bleibt – oder ob der Krebs mir nochmal meine Mama wegnehmen wird.

Laura Dieckmann

Als waschechte Hamburgerin lebe ich mit meiner Familie in der schönsten Stadt der Welt – Umzug ausgeschlossen! Bevor das Schicksal mich zu Echte Mamas gebracht hat, habe ich in verschiedenen Zeitschriften-Verlagen gearbeitet. Seit 2015 bin ich Mama einer wundervollen Tochter.

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