Meine liebe kinderlose Freundin, …

Ihr Lieben, vielleicht kennt ihr diese Situation: Ihr habt eine beste Freundin, mit der ihr schon in der Kindheit durch dick und dünn gegangen seid. Dann änderte sich durch die Schwangerschaft euer Leben. Ihr habt euch auf euren kleinen Schatz gefreut. Der Bauch wuchs, ihr gingt Babysachen einkaufen, zum Frauenarzt, zur Geburtsvorbereitung. Währenddessen lebte eure Freundin ein anderes Leben als ihr: Denn bei ihr änderte sich nichts. Sie ging weiterhin zur Arbeit, traf Freunde, ging ins Kino, ins Theater, feiern. Und schließlich habt ihr euch immer weiter voneinander entfernt.

Das tut unheimlich weh

Irgendwann gab es bei uns sogar die folgende Situation: Meine Freundin und ich waren verabredet. Eigentlich wollten wir einen Kaffee trinken gehen. Aber mir fehlte die Betreuung für meinen Sohn. Darum bat ich, ihn mitbringen zu dürfen. Meine Freundin reagierte mit totalem Unverständnis: „Was? Du bringst Felix mit? Muss das sein? Ich wollte doch einfach mit dir in Ruhe quatschen.“

Das verletzte mich sehr. Natürlich war mir meine Freundin wichtig, ich wollte sie nicht verlieren. Schließlich kannten wir uns schon unser ganzes Leben. Seit dem Kindergarten. Andererseits ist mein Sohn mir das wichtigste auf der Welt. Menschen, die nicht akzeptieren können, dass ich Mutter bin, möchte ich nicht in meinem Umfeld haben.

Also schrieb ich meiner Freundin einen Brief:

Liebe Julia,
Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem wir uns kennenlernten. Wir waren noch klein und saßen alle in einem Kreis auf Stühlen. So niedrig, dass unsere Füße den Boden berührten. Ich hatte gerade neue Hausschuhe von meiner Oma bekommen, die ich stolz in die Mitte des Stuhlkreises reckte. Blau, mit einem roten Elefanten mit großen, schwarzen Kulleraugen auf der Spitze. Du warst in der Mitte des Kreises und sahst schüchtern auf den Boden, während unsere Erzieherin uns „die Neue“ vorstellte.

Ich fand dich gleich sympathisch. Als ich dann auf deine Füße schaute, war ich begeistert. Du hattest tatsächlich die gleichen Hausschuhe an wie ich! Von diesem Tag an waren wir unzertrennlich. Wir spielten zusammen, vormittags im Kindergarten und nachmittags auf dem Spielplatz. Als wir dann in die Schule kamen, saßen wir natürlich nebeneinander.

Später, auf der weiterführenden Schule, sahen wir uns weiterhin täglich und teilten alles miteinander: die erste Party, den ersten Kuss, den ersten Liebeskummer. Wenn wir uns nicht sahen, telefonierten wir stundenlang, bis spät in die Nacht. Ich erzählte dir von meiner ersten Zigarette, von der ich mich übergeben musste. Und du lachtest.

Als ich dann schwanger wurde, war deine Freude zunächst groß.

Wir gingen Babykleidung kaufen und dachten uns schon aus, was wir gemeinsam mit dem Kleinen unternehmen könnten.

Doch das änderte sich schnell. Du hattest immer weniger Interesse für die Ultraschallfotos, auf denen Felix abgebildet war, wolltest mir nicht dabei helfen, einen Namen für ihn auszuwählen. Das hat mich sehr verletzt und tief traurig gemacht. Das erste Mal, dass ich etwas mit dir teilen wollte, ohne dass du Notiz davon genommen hast.

Stattdessen forderst du von mir flexibel zu sein.Dich zu besuchen, weil du keine Lust hast, mit der U- Bahn zu fahren. Oder weil dir zwei Euro fünfzig für eine Bahnfahrt zu teuer sind. Spontan soll ich sein und schnell Kinderbetreuung organisieren, wenn du ins Kino oder feiern gehen willst. Für dich da sein, wenn dein Freund dich verlassen hat. Auch nachts um zwei erreichbar sein, das Telefon am besten neben das Bett legen.

Am liebsten möchtest du mich ohne Kind, wie früher. Aber das geht nicht.

Wahrscheinlich kannst du dir nicht vorstellen, wie anstrengend das Leben mit einem Kind ist. Dass es ewig dauern kann, den schreienden Felix anzuziehen und ihn dann samt Kinderwagen und Wickeltasche aus dem vierten Stock nach unten zu tragen.  Ich muss für ihn verfügbar sein, 24 Stunden, an sieben Tagen in der Woche. Ich schlafe wenig, esse unregelmäßig und gehe selten aus. Gleichzeitig macht mich nichts glücklicher, als in das zufriedene Gesicht meines Sohnes zu schauen.

Dein Leben unterscheidet sich stark von meinem: Du brauchst nur Deine Angelegenheiten unter einen Hut zu bekommen. Ich dagegen muss die Bedürfnisse meines Kindes berücksichtigen. Gerne würde ich auch mal wieder früh morgens von einer Studi-Party nach Hause kommen. Oder bis nachmittags schlafen.

Ich vermisse Dich als Freundin in meinem neuen Alltag sehr.

Und ebenso unsere alten Zeiten. Ich verstehe deine Wut auf mich. Gern würde ich wieder mit dir unbeschwert ins Kino oder in die Disco gehen, ohne den Babysitter im Hinterkopf, der jeder Zeit anrufen könnte. Ich würde mich gern mit dir ganz spontan zum Kaffee verabreden. Ohne Kind. Manchmal möchte ich mich in einen Zug oder in ein Flugzeug setzen und in den Urlaub fahren. Ganz allein, nur mit dir. Aber das geht leider nicht, so lange Felix noch so klein ist.

Ich wünsche mir, dass du mich auch mal besuchen kommst, wenn ich dich darum bitte. Und, dass du verstehst, dass mein Sohn bei unseren Treffen dabei ist, wenn ich keine Betreuung für ihn habe. Auch, wenn ich es nicht mehr so kann wie früher, bin ich trotzdem für dich da und höre dir zu. Und auch, wenn wir nicht mehr das gleiche Leben führen, können wir uns sicher trotzdem nahe sein, wenn wir beide Rücksicht aufeinander nehmen. Ich habe dich sehr lieb und möchte dich auch weiterhin bei mir haben. Ich wünsche mir, dass wir mehr miteinander reden und versuchen, uns gegenseitig besser zuzuhören und zu verstehen.“

Julia heißt eigentlich anders. Und ich habe sie mittlerweile schon seit mehreren Jahren nicht mehr gesehen. Zu groß sind die Unterschiede zwischen unseren Leben. Natürlich habe ich mittlerweile andere Freundinnen gefunden, die auch Kinder haben. Die mich verstehen können. Und ich habe auch kinderlose Freundinnen, die meinen Sohn akzeptieren, wie er ist. Aber trotzdem denke ich noch hin und wieder an diese Freundschaft zurück.

Wie ist es bei euch? Habt ihr durch euer Kind eine Freundin verloren oder eine neue dazu gewonnen? Schreibt uns an mamas@echtemamas.de.

Sarah Wiedenhoeft

Hamburger Deern, Journalistin, Mutter eines Sohnes. Immer auf der Suche nach besonderen Menschen und dankbar, ihre Geschichten zu erzählen.

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