Kontaktabbruch: „Ich habe mich meiner Mutter nie nahe gefühlt.”

„Ich bin 1978 geboren und habe keine Kinder. Zu meiner Mutter hatte ich immer ein sehr distanziertes Verhältnis und seit 2016 habe ich keinen Kontakt mehr zu ihr. Nun möchte ich unsere Geschichte erzählen, die vielleicht erklärt, wie es dazu gekommen ist.

Ich war das erste Kind, meine kleine Schwester wurde 1981 geboren.

Meine Mutter war zum Zeitpunkt meiner Geburt 30 Jahre alt und hatte einen Ruf als fleißige und engagierte Lehrerin. Sie hat mir später gesagt, dass sie eigentlich keine Kinder gewollt hätte. Sie hatte mehrere Freundinnen, die ledig und kinderlos waren und blieben, und meine Mutter redete von ihnen im Stil von: ‚So hätte ich mein Leben auch gern gestaltet; die haben es gut.‘

Ich glaube, es erforderte in den Siebzigerjahren noch Mut für eine Frau, ledig und kinderlos zu bleiben, und diesen Mut brachte meine Mutter nicht auf. Als
mein Vater um die Ecke kam, wurde geheiratet und dann kam ich.

Ich habe meine Mutter mal gefragt, warum es kein Foto gibt von uns beiden nach meiner Geburt.

Von meiner Schwester gibt es so ein Foto, von mir nicht. Meine Mutter sagte, meine Geburt sei extrem anstrengend gewesen, und als ich dann endlich da gewesen sei, sei sie so erschöpft und kaputt gewesen, dass sie an ein Foto überhaupt keinen Gedanken mehr verschwendet hätte und nur noch schlafen wollte. Es war dann auch so, dass ich als Neugeborenes eine eiternde Wunde hatte, die sofort versorgt werden musste. Also kam ich direkt nach meiner Geburt weg von meiner Mutter und wurde verarztet, und meine Mutter bekam ein Schlafmittel und durfte endlich schlafen.

Dass sie mir später oft wie eine völlig Fremde vorkam, hat auch mit anderen Dingen zu tun, aber in den letzten Jahren habe ich viel über Geburten gelesen, und mir wurde klar: ich wurde wahrscheinlich nach meiner Geburt meiner Mutter überhaupt nicht in die Arme gelegt. Nicht nur nicht für ein Foto, sondern überhaupt nicht. Erst mehrere Stunden später. Möglicherweise, denke ich heute, hat das viel mit meiner Distanzierung zu meiner Mutter zu tun: dass die Prägung direkt nach der Geburt ausblieb.

Und noch eine Erfahrung ist es, die wohl die tiefe Distanz begründet.

Meine Mutter sagte mir, 1978 habe man als Lehrerin nur vier Wochen Mutterschaftsurlaub bekommen, danach musste sie wieder in die Schule. Eine Hilfe wurde aber erst eingestellt, als ich bereits vier Monate alt war. In der Zeit dazwischen wurde ich in der Wohnung vormittags alleingelassen. Eine Nachbarin bekam den Wohnungsschlüssel, und es hieß, immer, wenn sie nach mir sah, hätte ich tief geschlafen, es gab nie Probleme.

Aber ich glaube heute, dass das nicht so ganz gestimmt hat. Ich habe tiefsitzende Ängste, die ich mir lange nicht erklären konnte, eine tiefsitzende, aber auch schicksalsergebene Angst vor dem Alleingelassenwerden. Lange dachte ich: naja, mit mir will sich niemand abgeben, ich bin es nicht wert. Ich glaube heute, das kommt u.a. daher, dass ich im frühen Alter von
vier Wochen jeden Vormittag mehrere Stunden alleingelassen wurde.

Ich bin bestimmt mal aufgewacht, habe geweint und geschrien und niemand kam.

Ich weiß nicht, warum ich das Bedürfnis habe, das hier zu erzählen. Heute ist das ja Gott sei dank anders, heute muss kein Säugling mehr stundenlang allein in der Wohnung sein, nur weil seine Eltern arbeiten müssen. Aber ich glaube, bei denen aus meiner Generation war so etwas nicht unüblich.

Als Kind habe ich meine Mutter angehimmelt und wollte sein wie sie. Ich wurde selten geschlagen, aber oft geschimpft. Ein Satz, den ich ständig hörte, war: ‚Jetzt nicht, Mama hat was Wichtigeres zu tun.‘ Meine Mutter hat mich überbehütet, aber es gab keine wirkliche Nähe zwischen uns. Ich konnte mit ihr nicht ehrlich über meine Erlebnisse in der Schule sprechen, und als ich das erste Mal verliebt war, reagierte meine Mutter so trocken und kalt, dass ich mir vornahm, nie wieder mit ihr über Liebesdinge zu sprechen.

Später, mit Mitte 20, fragte mich mein damaliger Freund, was meine Mutter wohl sagen würde, wenn er mir jetzt ein Baby machte. Ich antwortete ihm, dass sie sagen würde: ‚Aha, der kann
dann die Abtreibung bezahlen!‘ Mein Freund reagierte schockiert: ‚Ich dachte, sie würde sich freuen, dass sie Oma wird?!‘ ‚Nein‘, erwiderte ich, ‚bestimmt nicht. Sie würde dir das Leben zur Hölle machen und mir dazu, und wenn ich das Kind zur Welt brächte, käme sie ständig vorbei und würde meckern…‘

Ich weiß nicht, ob das so passiert wäre, aber das war einer der Gründe, warum ich mich vor dem Mutterwerden scheute.

Ich hatte Angst, dass ich ‚alles falsch‘ machen würde und dass meine Mutter dann ständig auf der Matte stünde und sich überall einmischen würde. Es war auch kein Wunder, dass ich Probleme mit Beziehungen hatte. Es schien immer so zu sein: Entweder der Mann oder meine Mutter. Beides zusammen schien nicht möglich zu sein. Am Ende habe ich einen Mann getroffen, der mich liebt und achtet und respektiert, und zu meiner Mutter habe ich den Kontakt abgebrochen.”


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Lena Krause

Ich lebe mit meinem kleinen Hund Lasse in Hamburg. Am liebsten erkunde ich mit ihm die vielen grünen Ecken der Stadt.

Auch wenn ich selbst keine Mama bin, gehören Babys und Kinder zu meinem Leben dazu. Meine Freundinnen machen mir nämlich fleißig vor, wie das mit dem Mamasein funktioniert und ich komme als „Tante Lena“ zum Einsatz.

Schon als Kind habe ich das Schreiben geliebt – und bei Echte Mamas darf ich mich dabei auch noch mit so einem schönen Thema befassen. Das passt einfach!

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