Aua! Mein Kleinkind haut und beißt – wie reagiere ich jetzt richtig?

Also, ich dachte ja schon, als meine Tochter zwei Jahre alt war, dass sie im besten Trotzalter sei. Hätte ich geahnt, was jetzt, mit drei, hier zu Hause manchmal so abgeht In der letzten Zeit ist es tageweise wirklich schlimm. Ich schwanke zwischen Gereiztheit und Mitleid, versuche aber, gelassen zu blieben.

Ich versuche es, wirklich. Ist aber nicht immer so leicht!

Vor allem nicht, wenn sie mich haut, tritt oder beißt. Das kommt zum Glück recht selten vor, aber wenn, dann ordentlich… In solchen Momenten fühle ich eine leise Hilflosigkeit in mir aufkeimen. Wie reagiere ich denn bloß richtig? Laut werden ist doof (und bringt rein gar nichts, ich war natürlich allen guten Vorsätzen entgegen schon öfter mal laut), gut zureden nützt nicht… Ich dachte eine Zeit lang, das gibt sich schon wieder, aber es passiert wieder und wieder.

Juhu, schon wieder ein Trotzanfall. Foto: Bigstock

Ich habe Nicole Klütz, Erzieherin und Expertin in haltgebender Erziehung, gefragt, ob sie eine gute Idee hat. Hat sie!

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Für die Pädagogin ist es nicht ungewöhnlich, dass ein wütendes Kleinkind haut, beißt, kneift, kratzt oder tritt: „Kinder reagieren viel stärker auf der körperlichen als auf der intellektuellen oder sprachlichen Ebene. Das gilt etwa, bis sie zehn Jahre alt sind.“ Deswegen ist es eigentlich auch ein logisches Ventil, wenn sie ihre Wut so körperlich äußern. „Sie wissen einfach noch nicht, wie sie ihren Zorn angemessen äußern können.“

Und genau deshalb ist es wichtig, ebenfalls auf der Körperebene zu reagieren. Wir haben die Verantwortung, unserem Kind beizubringen, dass es einfach nicht in Ordnung ist, Mama und Papa (und allen anderen natürlich!) wehzutun.

Doch wie geht das denn nun in der Praxis?

Nicole Klütz erklärt: „Wie gesagt, die Wahrnehmungsebene der Kinder ist ihr Körper. Sagen wir deutlich ,Nein!` zum schlagenden Kind, erreichen wir seinen Intellekt. Wenn diese Ansage aber so richtig ankommen – und gespeichert – werden soll, brauchen wir die Körperebene noch dazu. Berühre also dein Kind an dem Körperteil, welches gerade das grobe Verhalten gezeigt hat. Wenn das Kind dich haut, fasse es an die Hand, wenn es tritt, fässt du das Bein an. Beißt es, nimmst du sein Kinn in die Hand.

Dann sage klar: „Nein. Aua. Nicht beißen (hauen/treten).“ Es ist nicht die Situation für lange Vorträge, eine knappe Ansage reicht völlig.

Und dann – bleib dran. Denn der zweite, wirklich absolut wichtige Schritt ist die Zeit. Kinder brauchen Zeit, um Informationen in ihrem Gehirn ankern zu lassen.

Wir Eltern schimpfen nicht gerne mit unseren Kindern, das kenne ich von mir. Ich mache daher meistens eine kurze Ansage und schalte dann schön schnell wieder ins fröhliche Miteinander zurück. Weil mir das eben auch viel besser gefällt als eine Konfliktsituation mit unseren Kindern.

Nicole Klütz: „ Das verstehe ich am besten, ich bin ja selbst Mama. Aber das Problem dran ist, dass ich auf diese Weise das gleiche Konfliktthema unzählige Male durchexerzieren werde. Denn wenn ich schimpfe und dann ist sofort alles wieder prima, verwirre ich mein Kind: ,Was war das denn jetzt!? Na, ist ja wieder okay. Keine Ahnung, wird schon passen…`

Deswegen: „Zieh die Klärung der Situation in die Länge. Halte das Kinn weiterhin. Nochmal eine kurze und deutliche Ansage machen: ,Nein. Nicht beißen. Aua.`. Kinn nicht loslassen! Waaaaarten … Waaaaarten… “

Kippt die Stimmung beim Kind schon? Ziel dieser Geduldsübung ist es, dem Kind den Spaß an der Situation zu vermiesen. Wenn das Kind noch bester Laune ist: Verlängerungsrunde und dabei immer in dem Körperkontakt bleiben.

Wenn die Stimmung dann kippt, das Kind in den Arm nehmen und trösten. Nie das Kind im oder nach dem Konflikt von sich weg schicken! Lieber spiegeln: „Ja, ich weiß, das fandest du jetzt doof, dass ich dein Kinn festgehalten habe. Aber ich lasse mich nicht von dir beißen! Ich habe dich lieb, aber ich möchte nicht gebissen werden. Das geht nicht.“

„Zu oft behandeln wir Kinder wie kleine Erwachsene. Wir hoffen, dass sie sich intellektuell erziehen lassen…“ erklärt Nicole Klütz dieses Vorgehen. Klappt aber in der Regel nicht bei den Kleinen.

Aber: Wie doll soll ich meine Tochter denn festhalten, wenn sie sich „wehrt“ oder abhauen will? Ich weiß, dass sie sehr stark sein kann – und will ihr ja nicht den Arm quetschen oder ähnliches! „Nein, um Himmels willen! Dann nimmst du deine zweite Hand dazu, um mehr Kraft zu haben, ohne ihr wehzutun!“, meint Nicole Klütz. „Wichtig: Es geht niemals um laut, doll oder hart. Sondern darum, das Kind zu erreichen, bei ihm zu sein und ihm zu zeigen, wie Menschen miteinander umgehen. Wir müssen uns und unsere Meinung klar ausdrücken, damit die Kinder uns als stabil und verlässlich wahrnehmen können. Denn spüren sie bei uns Verunsicherung, macht ihnen diese wirklich große Angst. Denn wenn nicht meine Eltern, wer soll mich denn dann beschützen können? Es fühlt sich in dieser Situation nicht so an, ich weiß das, aber sie ist auch wertvoll für die Bindung.“

Wir testen das jetzt zu Hause. Und hatten dabei neulich schon eine dramatische Situation: Mein Freund hielt die Hände unserer Tochter sanft fest und sie wand sich hilfesuchend an mich: „Mama, hilf mir!“ Ich habe nichts gemacht, ihr aber hinterher erklärt warum. Währenddessen hätte ich heulen können. Dachte sie etwa, Mama lässt sie im Stich?

Nicole Klütz lacht: „Oh je, das war sicher ein grausames Gefühl für euch beide. Aber du weißt doch, dass dein Freund ein liebevoller Papa ist und ihr gegenüber nicht übergriffig oder grob wird. Er konfrontiert sie nur gerade mit ihrem Verhalten. Darauf hat sie keine Lust, verständlicherweise. Hätte ja keiner. Sie möchte raus aus der Situation. Sag ihr, wenn sie dich um Rettung anfleht: ,Mein Schatz, wir haben dich beide lieb und sind immer für dich da. Aber du hast Papa gehauen, er ist zu recht sauer und das klärt ihr beide jetzt alleine.“

Aber klappt das denn alles wirklich so? Ich habe immer das Gefühl, dass meine Kleine so außer sich vor Wut ist, wenn sie haut, dass sie gar keinen bewussten Gedanken fassen kann. „Doch, glaub mir. Es wird nicht sofort fruchten, es ist ein längerer Lernprozess. Aber so meistert ihr Konfliktsituationen gekonnt und wachst noch enger zusammen.“

 

Foto: privat

Unsere Expertin: Nicole Klütz ist gelernte Erzieherin und hat ihre Berufung durch weitere Ausbildungen komplettiert. Sie hilft Familien durch ihre Mischung von haltgebender Pädagogik und therapeutischen Arbeiten. Außerdem bietet sie Elternkurse in ihrem Seminarhaus und Vorträge in Kindertagesstätten an.

In ihrem Blog www.meine-haltestelle.com erzählt sie hilfreich über diverse Kinder-, Eltern- und Erwachsenthemen. Ihre Praxisseite findet ihr unter www.haltestelle-kluetz.de

 

 

Laura Dieckmann

Als waschechte Hamburgerin lebe ich mit meinem Freund und unserer vierjährigen Tochter in der schönsten Stadt der Welt – Umzug ausgeschlossen! Bevor das Schicksal mich zu Echte Mamas gebracht hat, habe ich in verschiedenen Zeitschriften-Verlagen gearbeitet. Ich mag leckeres Essen, laute Rockmusik und ab und zu sogar ein bisschen Sport.

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