„Klar erziehe ich fremde Kinder, wenn ihre Eltern das schon nicht tun!“

„Ich war noch nie der Typ, der den Mund halten konnte, wenn mir etwas nicht gepasst hat. Oft habe ich das schon bereut, und diese Eigenschaft kommt auch nicht bei jedem gut an. Nun, auch als Mutter ist das nicht unbedingt besser geworden.

Ich kann es nur schwer ertragen, wenn Kinder Mist machen, also ECHTEN Mist – und die Eltern stumm danebenstehen, als würden sie gar nicht dazu gehören.

In der Krippe meines inzwischen Sechsjährigen gab es einen Jungen, der es faustdick hinter den Ohren hatte. Auch schon mit seinen zwei Jahren. Er sah aus wie ein Engel – aber er schubste und haute die kleineren Kinder in einer Tour und feixte sich dabei eins. Eines Tages zog ich meinen Sohn gerade in der Garderobe an, ihr wisst, das dauert. Das besagte Engelsgesicht kam mit seiner Mutter ebenfalls in die Garderobe.

Er rannte wie ein Irrer durch den kleinen Raum und pflügte dabei fast zwei kleine Krabbelkinder um – und zwar mehrfach.

Okay, okay, er war ein Kind. Aber meinem Sohn hätte ich trotzdem gesagt, dass er bitte aufpassen soll. Seine Mama aber beäugte ihn verliebt, ihren Prachtknaben. Bis er einem der kleinen Winzlinge auf die zarten Finger trat. Das kleine Mädchen schrie natürlich wie an Spieß, aber er rannte weiter. Und seine Mutter sagte: NICHTS. Ich mahnte mich selbst zur Ruhe. Bis er über das zweite Kind stolperte und es dabei umriss. Seine Mutter lächelte ihn an und sagte: ,Nun komm mal her, mein Schatz!` Ich sagte: ,Und hör jetzt mal auf, hier wie ein Irrer herumzurennen und pass auf die Kleinen auf!`

O Gott, ich rechnete damit, dass seine Mama mich anpampen würde.

Aber? Nichts. Sie mied meinen Blick und konzentrierte sich darauf, ihn anzuziehen.

Ich verstand das nicht: Was lief denn schief bei ihr? Als Elternteil muss man doch annähernd in der Lage sein, eine Position zu beziehen! Und wenn man schon sein Kind nicht ermahnen kann, dann doch wenigstens mich?

Eine andere Situation: Auf dem Platz neben mir im Bus saß ein kleines Mädchen. Ihre Mama saß auf der anderen Seite neben ihr, getrennt durch den Gang. Das Mädchen bollerte in einer Tour mit ihren Füßen, die in dicken Winterstiefeln steckten, gegen den Vordersitz. Auf dem saß eine alte Dame, die schon sanft mit im Takt wippte. Es war nicht so, dass die Mama das nicht mitbekommen hat – sie unterhielt sich durchgehend mit ,Gretchen` und schaute eindeutig auch auf die Füße ihrer Tochter. Aber sie sagte: NICHTS. Bis ich Gretchen ermahnte, doch mal ihre Füße stillzuhalten – und zwar sofort.

Gretchen schossen die Tränen in die Augen und ihre Mutter funkelte mich an: ,Meinen Sie nicht, das wäre meine Aufgabe?‘ Äh, ja, doch…

Ich kann nicht aus meiner Haut, ich weiß nicht, ob es richtig oder falsch ist, aber: Ich ermahne regelmäßig fremde Kinder.

Ich bitte sie eindringlich, doch nach zwanzig Minuten mal die Schaukel freizumachen, die auf dem Spielplatz so heißbegehrt ist, dass immer mindestens zwei Kinder auf sie warten. Max Mutter dazu: „Stimmt, Schatz, nur noch gaaaaaaanz kurz, ne? Mach mal, wie du meinst.“ (Ihr kennt die kindliche Auslegung von. ,nur noch ganz kurz`, oder?)

Ich erkläre ihnen mit bestimmter Stimme, dass Vordrängeln in der Schlange vor dem Eiswagen keine Option ist. Luises Vater: „Schatz, dann komm wieder her zu mir. Die Mama und ihr Sohn haben eben so große Lust auf Eis.“

Und ich werde so richtig ungemütlich, wenn ein wildfremdes Kind in meinem – zugegebenermaßen nicht komplett geschlossenen – Rucksack wühlt, weil es dort den Knabberkram vermutet, den es eben bei meinem Sohn gesehen hat. Beide Eltern: „…“. Tun sie, als wären sie gar nicht da und hätten nichts bemerkt.

Ich weiß nicht, was der Grund für das große Schweigen vieler Eltern ist.

Ist es Faulheit? Ist es Angst, wovor auch immer? Ist es Ignoranz? Ist es Egoismus, hauptsache, dem eigenen Kind geht es gut? Oder bemerken diese Eltern gar nicht, wenn ihre Kinder mal danebenschießen – wie ja im Übrigens jedes Kind mal?

Es geht hier nicht nur darum, dass ich mich über unerzogene Kinder ärgere – und das tue ich wirklich. Nein, aber was gibt man den Kindern denn dann mit auf den Weg? Dass sich die Welt nur um sie dreht? Dass es egal ist, wie es den anderen geht? Dass es keine Regeln gibt?

Bitte, liebe Eltern, erzieht eure Kinder, zumindest in den Grundzügen. Klar, ich kann das auch gerne übernehmen – aber ich kann ja nicht überall sein 😉

Liebe Mama (echter Name ist der Redaktion bekannt), vielen Dank, dass Du Deine Meinung mit uns geteilt hast!

Wie ist denn eure Meinung dazu? Darf man fremde Kinder ermahnen?

WIR FREUEN UNS AUF DEINE GESCHICHTE!
Hast Du etwas Ähnliches erlebt oder eine ganz andere Geschichte, die Du mit uns und vielen anderen Mamas teilen magst? Dann melde Dich gern! Ganz egal, ob Kinderwunsch, Schwangerschaft oder Mamaleben, besonders schön, ergreifend, traurig, berührend, spannend oder mutmachend – ich freue mich auf Deine Nachricht an [email protected].

Laura Dieckmann
Als waschechte Hamburgerin lebe ich mit meiner Familie in der schönsten Stadt der Welt – Umzug ausgeschlossen! Bevor das Schicksal mich zu Echte Mamas gebracht hat, habe ich in verschiedenen Zeitschriften-Verlagen gearbeitet. Seit 2015 bin ich Mama einer wundervollen Tochter.

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Nicole
Nicole
9 Monate zuvor

Ja,ich denke das darf und muss man tatsächlich sogar,denn manch anderen Eltern scheint schon manchmal ein Mindestmaß an Erziehung zu viel zu sein.Ich für meinen Teil werde nicht zu sehen,wie ein anderes Kind seine Aggressionen an meinem auslässt,weil es seine Eltern scheinbar für unwichtig halten sich mit ihm/ihr zu beschäftigen..Das ist nur ein Beispiel.Ja,ich erziehe andere Kinder,wenn deren Eltern keine Lust,kein Interesse oder was auch immer daran haben,und ja ich stehe dazu! Traurigerweise fehlt es nämlich leider oft schon an vernünftigem Sozialverhalten.Und nun….start the Shitstorm!!!

Mama
Mama
1 Jahr zuvor

Ich bin auch mit einer Mutter befreunden dessen Sohn mit meinem befreundet ist.

Sie beklagt sich ständig über das Verhalten des Kindes Zuhause.

Auch wenn er alleine bei uns ist, bin ich schon an meine Grenzen gestoßen und habe sie gebeten ihn abzuholen.

Wenn sie nun zusammen bei uns sind gibt es auch immer wieder Situationen wo sie nichts sagt. Aber ich oder mein Mann. Weil unsere Möbel sonst kaputt gehen würden oder unser Rasen umgegraben wird.

Wenn sie nichts sagt, muss ich das in meinem Haus nicht hinnehmen finde ich. Sollte sie sich beschweren, dass ich was sage – gut, dann treffen wir uns nur noch bei ihr. Da kann er dann machen was er will. 😂

Kati
Kati
2 Jahre zuvor

Ich finde es gut, wenn andere Mütter (und zu denen zähle ich auch dazu) bzw. auch Väter bitte mit „erziehen“/ etwas sagen, in eben oben genannten Situationen. Es gibt das alte Sprichwort „Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf“. Wir können vielleicht auch als Eltern nicht immer alles sehen und dann ist es gut, wenn andere einspringen und gerne auch mal meinem Kind eine deutliche Ansage machen. Wie oft habe ich auch erlebt, dass die Eltern reden und reden und es kommt beim Kind einfach nicht an … sagt ein anderer Erwachsener, vielleicht auch ein Fremder dazu etwas, wird es vom Kind auf einmal angenommen!

Anonym
Anonym
3 Jahre zuvor

Liebe Laura, ich verstehe dich. Diese Kinder sind mir auch schon begegnet, und ich habe sie auch miterzogen. Wie der Vierjährige, dem ich ziemlich deutlich gesagt habe, dass er mein Baby nicht antatschen soll, weil es endlich, endlich, endlich einmal im Kinderwagen eingeschlafen war – um von der Mutter einen empörten Blick zu ernten und ein „Aber das ist doch nur ein Kind“. Klar Ingeborg, und deshalb darf es mein Baby wecken, obwohl ich kurz davor bin zu kollabieren? Andererseits. Andererseits waren das auch schon meine Kinder, die eine Ermahnung gebraucht hätten, und ich war die Mutter, die die Klappe gehalten hat. Ging dir bestimmt auch schon so. Wenn der kleine Bruder gezahnt und uns die dritte Nacht infolge wachgehalten hab, und ich froh war, einfach mal ein paar Minuten auf dem Spielplatz auf einer Bank zu sitzen, und ich sehr gehofft hab, dass die Kinder, die hinter meinem Vierjährigen an der Schaukel anstehen, sich vielleicht doch spontan entschließen zu rutschen, weil ich einfach die Energie nicht mehr hatte, von meiner Bank aufzustehen und mein Kind von der Schaukel zu holen. Danke, wenn du ihm dann Bescheid gegeben hast, hätte ich an anderen Tagen auch, an dem Tag ging aber nichts mehr. Wenn mein Kind tagelang abwechselnd hoch gefiebert und gespuckt und insgesamt wie ein Handtuch im Sessel gehangen hat und ich einfach so begeistert war, dass er jetzt wieder fit und lebendig war, dass mir gar nicht aufgefallen ist, dass es vielleicht für die anderen in dem Café ein bisschen zu fit und ein bisschen zu lebendig war. Als mein Vater gestorben ist und wir eine Pflegekraft für meine schwerbehinderte Mutter finden mussten, die 200 km weit weg wohnt, und die Beerdigung organisieren und und und, und es mir gerade echt mal wumpe war, ob meine Jungs gerade andere Mütter um Gummibärchen anbetteln. Versteh mich nicht falsch, ich finde es völlig richtig, wenn andere Mütter dann mal einspringen und was sagen. Und normalerweise sollte das schon funktionieren, wenn ein Kind immer machen kann, was es will, ohne dass die Eltern auf die Idee mit dem Erziehen kommen, läuft was falsch. Ich finde nur, dass dieser Artikel von dir ein bisschen unbarmherzig klingt. Denn in den meisten Fällen ist es doch so: 99 Mal reagieren die Eltern auf alles, womöglich nicht immer genau so, wie ich es gerne hätte, aber sie sind doch präsent. Und ein Mal sind sie offline, aus Gründen, die du und ich bei genauem Hinsehen jederzeit nachvollziehen können, und dann sind sie darauf angewiesen, dass andere nicken, nicht über sie herziehen, sondern sich an die Mal erinnern, wo sie mal 5 Minuten einfach nicht mehr konnten, und ihnen ein bisschen helfen.

Anonym
Anonym
3 Jahre zuvor

Hallo Mama,
Vielen Dank für deinen Bericht. Du bist nicht alleine! Mir geht es auch so. Ich habe dadurch auch schon Freundinnen verloren, aber dem trauer ich nicht hinterher.
Jetzt ist mein Sohn schon fast 20 Jahre alt und ich habe keine Kinder mehr in der Bekanntschaft die erzogen werden müssen.
Viele liebe Grüße
aus Thüringen