„Ich wurde bei meinen Geburten unnötig gehetzt – mit Folgen“

Meine Tochter war entspannt. Sich zumindest hatte es nicht eilig. Stattdessen hatte sie es sich in der 41. Schwangerschaftswoche so richtig bequem gemacht in meinem Bauch. Auf eine bevorstehende Geburt deutete nichts hin. Aber es ging ihr gut und mir auch. Das war doch die Hauptsache, fand ich.

Natürlich war ich unglaublich gespannt auf mein erstes Kind. Wie sie wohl aussah? Wie groß sie wohl wirklich war? Aber ich war fest davon überzeugt, dass sie sich dann auf den Weg machen würde, wenn sie dazu bereit wäre.

Die Rechnung hatten wir leider ohne das Krankenhaus gemacht. „Ich habe hier einen Entbindungstermin +7. Wie soll es weiter gehen?“ fragte die Hebamme die Ärztin am  Telefon. Es war Freitag, mein Baby im Bauch und ich waren fit und entspannt. Die kommt bestimmt am Wochenende, war ich mir sicher. Und zitterte mittlerweile etwas. Denn die Ärztin kam zu mir und verkündete, was ich befürchtet hatte: „Spätestens zehn Tage nach dem errechneten Termin müssen wir einleiten.“

Das Wochenende verlief ereignislos. Am Montagmorgen wurde tatsächlich eingeleitet. Ich war gefasst, nicht wirklich ängstlich, aber doch etwas traurig, dass mein Kind sich seinen Geburtstag nicht selbst aussuchen konnte. Das Kind reagierte erst am späten Nachmittag auf die Hormon-Tablette. Mit kleinen Unregelmäßigkeiten im Herzschlag.

Grund genug für die Ärzte, mir keine weitere Tablette zu verabreichen, sondern mich an den Wehen-Tropf zu hängen. Die Dosis wurde ziemlich schnell ziemlich hoch gedreht. Noch heute verstehe ich nicht, warum. Ich bekam innerhalb von drei Stunden die schlimmsten Wehen. Alle zwei Minuten überrollten sie mich. Ich übergab mich immer wieder und versuchte ansonsten, den Schmerz wegzuatmen. Dachte ich doch, dass ich nun bald mein Kind bekäme.

Dann die Hebamme: „Der Muttermund ist bei ein bis zwei Zentimetern. Das dauert noch.“ Wie bitte? Da hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass hier gerade alles gegen die Natur ging. Meine Tochter fühlte das wohl auch. Ihre Herztöne wurden schlechter. Die Ärztin kam, betrachtete das CTG und ließ den Tropf abstellen. Ich bekam ein Medikament, das nun meine Wehen hemmen sollte, und es ging mir schlagartig besser.

Bei meiner Tochter verbesserte sich der Herzschlag aber nicht, weshalb sie eine Stunde später per Kaiserschnitt zur Welt kam. Fit und gesund – zum Glück!

unsplash / patricia prudente

Noch heute, fünf Jahre später, bin ich sicher, dass sie ein paar Tage später ebenso fit und gesund auf die Welt gekommen wäre. Vielleicht auch ohne schlechter werdende Herztöne. Stattdessen selbstbestimmter.

Vor kurzem brachte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) neue Richtlinien für Geburten heraus. Darin wird betont, dass Frauen während der Geburt stärker mit einbezogen werden sollen. Geburten, die normal verlaufen und bei denen Kind und Mutter fit sind, müssen nicht künstlich beschleunigt werden, so die WHO. Wenn der Muttermund sich nicht, wie die bisherige Regel, pro Stunde einen Zentimeter öffne, dann sei das noch kein Grund für eine Einleitung oder andere Eingriffe. Ebenso sei ein Dammschnitt nicht so oft nötig, wie er gemacht wird.

Wie schade, dass darauf überhaupt hingewiesen werden muss. Ist das nicht eigentlich selbstverständlich? Doch zu oft wird darauf geschaut, dass eine Schwangere nicht zu lange einen Kreissaal blockiert – vor allem, wenn Hochbetrieb herrscht oder das Krankenhaus personell knapp besetzt ist. Oder man hält sich – vielleicht aus Unsicherheit, Unkenntnis oder Angst vor Konsequenzen – zu oft starr an die Regeln, statt den Einzelfall zu betrachten.

Für meine zweite Geburt wählte ich eine Klinik, die für ihre niedrige Kaiserschnittrate bekannt war. Als ich am errechneten Termin, einem Montag, zur Kontrolle kam (meine Ärztin war im Urlaub), sagte Arzt Nummer eins am Ultraschall: „Wir können noch bis Freitag warten“. Arzt zwei – nach der Untersuchung mit unauffälligem Ergebnis – schaute in meinen Mutterpass und sagte: „Aber sie hatten ja schon einen Kaiserschnitt. Dann müssten wir eigentlich heute einleiten.“

Nun war ich wütend. Und diskutierte. Und argumentierte, dass es mir doch gut ginge. Und dass der Kaiserschnitt doch schon dreieinhalb Jahre zurück lag. Und und und. Keine Chance. Am nächsten Tag wurde eingeleitet. Wenigstens sehr sanft und mit allerbester Betreuung. Und am Ende ohne Kaiserschnitt.

Natürlich hätte ich einfach nicht erscheinen brauchen. Einfach auf eigene Gefahr die Wehen ein paar Tage abwarten können. Aber dafür fehlte mir ganz ehrlich der Mut. Wenigstens konnte ich es diesmal akzeptieren, wie es gelaufen war.

Wenn man bedenkt, wieviele Frauen unter der Behandlung während einer Geburt leiden – Frauen, die sich hilflos und ausgeliefert fühlen, die jahrelang an sich zweifeln, weil sie es nicht geschafft haben, natürlich zu gebären – dann war der WHO-Vorstoß jetzt mehr als nötig. Vielleicht bringt es besonders eiliges medizinisches Personal zum Nachdenken und sie geben den Frauen und Kindern die Zeit, die sie brauchen.

Julia Jung

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