„Ich trug siamesische Zwillinge unterm Herzen, aber nie in meinen Armen.”

Vorsicht! In der Mitte des Artikels befindet sich ein Bild von der Hand eines Fötus, deshalb bitte nicht nach unten scrollen, wenn du sehr sensibel bist!

„Heute kann ich über unsere Geschichte sprechen, auch wenn ich sie nie richtig verarbeiten werde. Mein Partner und ich haben uns sehnlichst ein gemeinsames Kind gewünscht, weil er noch keine Kinder hatte. Ich habe zwar aus vergangener Ehe zwei Kinder mit in die Beziehung gebracht, aber ein gemeinsames Kind sollte uns als Familie komplett machen. Wir wünschten uns ein Baby.

Als wir dann entschieden, die Pille abzusetzen, hat es relativ schnell geklappt, dass ich schwanger wurde. Wir haben uns so sehr gefreut und ‚den‘ Kleinen liebevoll ‚Ulf‘ ?  genannt, weil ich mich ständig übergeben musste. In der neunten Schwangerschaftswoche war ich dann das dritte Mal bei meiner Frauenärztin. Endlich sollte ich auch den Mutterpass bekommen.

Doch das Gesicht der Ärztin beim Ultraschall vergesse ich nie mehr.

Sie sagte lange nichts und dann plötzlich ‚Ich glaube, ihr Kind hat zwei Köpfe‘. Ihr tat es so leid, das auszusprechen und sie schaute noch ganz oft nach. Schließlich sagte sie mir, dass sie sich auch irren könne, sie hätte so etwas noch nie gesehen. Die Ärztin brach die Untersuchung ab und schickte mich sofort zur Feindiagnostik in die nächste Klinik.

Ich fuhr völlig aufgelöst zur Arbeitsstelle meines Partners und erzählte ihm davon. Noch unterwegs rief ich in der Klinik an und sie sagten dort, dass ich sofort vorbeikommen kann. Also machte mein Mann direkt Feierabend und wir fuhren gemeinsam hin. Dort bestätigte der Arzt, dass unser Kind zwei Köpfe hatte. Mehr konnte er jedoch nicht sagen oder sehen. Es sei noch viel zu früh, um etwas genaues zu sagen.

Er riet uns sofort zur Abtreibung.

Wir haben uns vorerst dagegen entschieden, weil wir wissen wollten, wie sich unser Kind entwickeln würde, bevor wir so eine Entscheidung treffen. Innerlich haben wir immer noch auf einen Fehler oder einen Irrtum gehofft. Also holten wir eine weitere Meinung ein. In Berlin suchten wir uns professionelle Hilfe und machten eine genaue Untersuchung aus. Als diese stattfand, war ich bereits in der 12. SSW.

Dort wurde festgestellt, dass ich siamesische Zwillinge im Bauch hatte und dass es sich um die Art Thorakopagus handelt. Das heißt, sie sind am Brustkorb zusammengewachsen. Wir erfuhren, dass es keinerlei Lebenschance für sie gibt und auch nur einmal jedes Organ zusammen haben. Das schlimmste war aber, dass sie sich auch einen Blutkreislauf teilten und die Lunge außerhalb ihres Körpers lag.

Es gab keine Überlebenschance für Karl und Lenny.

Wir erfuhren an diesem Tag außerdem, dass es sich um zwei Jungs handelte. Wir gingen nach Hause mit Gewissheit und wollten es trotzdem nicht wahrhaben. Wir haben ganze vier Wochen gebraucht, um uns von den beiden Zwergen im Bauch zu verabschieden. Wir entschieden uns letztendlich schweren Herzens für einen Abbruch in der 16. SSW. Dieser endete mit fatalen Folgen und einer schweren Sepsis für mich.

Foto: Privat

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Ich lag nach sehr vielen Strapazen und einer unterirdischen, ärztlichen Pfuschbehandlung auf der Intensivstation und kämpfte um mein Leben. Als wir das alles nach Monaten überstanden hatten und lernten damit zu leben – und ich zweifle heute noch, ob der Abbruch richtig war – entschieden wir uns, es nochmal zu versuchen.

Dieses Mal überließen wir nichts dem Zufall.

Wir machten viele Untersuchungen im Vorfeld, wollten wissen, warum alles so gekommen war. Doch es gibt bis heute keine Erklärung dafür. Ich wurde schnell wieder schwanger. Aber in der 12. Woche konnten die Ärzte keinen Herzschlag finden. Wieder musste ich mein Baby in den Himmel ziehen lassen. Ich musste noch zweimal ausgeschabt werden, weil es erneut Komplikationen gab.

Einige Wochen nach der zweiten Ausschabung entschieden wir, unseren Kinderwunsch aufzugeben. Was wir nicht wussten: Ich war schon wieder schwanger. Doch die ganze Schwangerschaft war ein Albtraum voller Ängste. Mein Partner hat bis zum Entbindungstermin keine Bindung zu unserer kleinen Tochter aufbauen können, weil er solche Angst hatte. Er hat immer nur gesagt, ‚wenn sie lebend auf die Welt kommt‘, er hat nie daran geglaubt.

Im sechsten Monat erlitt ich einen Nabelbruch, der operativ behandelt werden musste.

Ich war mir sicher, spätestens nach der Vollnarkose wacht mein Kind im Bauch nicht mehr auf, aber sie war kerngesund und so stark. Und siehe da, unser Regenbogenmädchen blieb. Ich bin mir sicher, Karl und Lenny haben auf sie aufgepasst. Sie meldete sich sofort nach der Narkose mit ganz vielen Tritten in meinem Bauch. Es war so schön!

Drei Wochen vor dem Entbindungstermin gab es leider doch noch mal einige Probleme, die letztendlich der Auslöser für einen Kaiserschnitt waren. Zu hoher Blutdruck, Diabetes, eingeklemmter Ischiasnerv und eine angehende Präklampsie. Ich war trotz allem überglücklich und froh, dass sie endlich da war.  Zusammen haben wir alles geschafft und es hat uns noch enger zusammengeschweißt.

Heute ist unser Lottchen fast 10 Monate alt und wir könnten nicht glücklicher sein.”


Liebe Adriana, vielen Dank für deine berührende Geschichte! Wir wünschen Dir und Deiner Familie alles Liebe für die Zukunft.

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Lena Krause

Ich lebe mit meinem kleinen Hund Lasse in Hamburg. Am liebsten erkunde ich mit ihm die vielen grünen Ecken der Stadt.

Auch wenn ich selbst noch keine Mama bin, gehören Babys und Kinder zu meinem Leben dazu. Meine Freundinnen machen mir nämlich fleißig vor, wie das mit dem Mamasein funktioniert und ich komme als „Tante Lena“ zum Einsatz.

Schon als Kind habe ich das Schreiben geliebt – und bei Echte Mamas darf ich mich dabei auch noch mit so einem schönen Thema befassen. Das passt einfach!

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