„Ich musste ins Heim, weil mich meine Mutter zu anstrengend fand“

Ben aus Hamburg* musste ins Heim, als er zehn Jahre alt war. Gegen seinen Willen. Seine Mutter und sein Stiefvater wollten es so. Der aufgeweckte Junge fiel ihnen zur Last.

Heute ist Ben 18 Jahre alt und versucht trotz der schlimmen Kindheitserfahrung ein gutes Leben zu führen. Hier erzählt er seine Geschichte, auch um anderen Mut zu machen, stark zu bleiben und ihren eigenen Weg zu gehen:

„Als ich sieben Jahre alt war, nahm mein Leben eine Wendung. Leider zum Schlechteren. Meine Eltern waren schon lange getrennt, ich lebte bei meiner Mutter. Diese fand einen neuen Lebensgefährten, der kurz darauf bei uns einzog. Mein Stiefvater und ich verstanden uns nicht, es gab oft Auseinandersetzungen. An meine Mutter konnte ich mich nicht wenden, weil sie immer Partei für meinen Stiefvater ergriff. Mein leiblicher Vater lebte mehrere 100 Kilometer entfernt, zu ihm gab es keinen Kontakt.

Die Situation zu Hause verschärfte sich. Als ich in der vierten Klasse war, wollten meine Mutter und mein Stiefvater mich loswerden. So fühlte es sich zumindest an. Sie baten mich immer wieder, in der Mittelstufe ein Internat zu besuchen. Ich könne dann immer übers Wochenende nach Hause kommen, hieß es. Natürlich lehnte ich das ab, ich wollte bei meinen Freunden bleiben und meine Freiheiten genießen.

Was blieb mir anderes übrig, als in der Situation „ungehorsam“ zu sein? Ich wollte mich nicht von diesem neuen Mann bestimmen lassen, was ich zu tun und zu lassen hätte. Ich was sehr extrovertiert, irgendwas wollte aus mit heraus, auch wenn niemand – nicht mal ich selbst – damals genau wusste, was das war.

Ich war sehr aufgeweckt, unruhig und zappelig und deshalb bis dato schon mehrmals in therapeutischer Behandlung. Der Verdacht auf ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung) bestätigte sich aber nicht. Ich wies einen ziemlich hohen IQ auf, konnte mit Eintritt in die Grundschule lesen und mich gut ausdrücken. Da ich laut meiner Mutter aufsässig war, entschloss sie sich, mich in eine „Sonderpädagogische Wohngruppe“ zu schicken. Also ins Heim.

Meine Zeit im Heim

Als inzwischen Zehnjähriger hatte ich kein Mitspracherecht und bekam erst eine Woche vor dem Umzug Bescheid. Damals wusste ich natürlich nicht, was das zu bedeuten hatte. An einem Sommermorgen holten mich zwei Betreuer aus dem Heim ab und fuhren mit mir von Hamburg nach Sachsen Anhalt.

Mich an die neue Situation zu gewöhnen, fiel mir schwer – mit Fremden in einem Haus zu wohnen, die ganzen neuen Regeln. Die Regeln variierten abhängig vom Alter und manchmal schien es auch keine zu geben. Ich war der Jüngste dort, die anderen waren 15 Jahre alt und älter. Oft fiel es mir schwer, mich mit ihnen zu verstehen. Anschluss fand ich dort auch nicht so richtig, denn ich war der Einzige aus dem Heim, der aufs Gymnasium ging, und selbst dort fiel ich als Hamburger auf.

Ich konnte nie wirklich verstehen, warum ich dort war, ich habe zwar viel Unsinn getrieben, aber so wie die Jungs dort war ich nie.

Im Heim hatte ich meinen ersten Kontakt mit Drogen. Ich traute mich zwar nicht, selbst zu konsumieren, doch ich war dabei und hätte ich gewollt, hätte ich gekonnt. Ich musste mich anders behaupten, es gab viele Auseinandersetzungen untereinander. Dabei zog ich oft den Kürzeren. Mich an die Betreuer zu wenden war keine Alternative, da ich mich selbst durchsetzen wollte. Außerdem vertraute ich ihnen nicht wirklich, es waren in meinen Augen immer noch Fremde, die mir sagten, was ich zu tun hatte, und mich zu jemandem machen wollten, der ich nicht war. Zu meiner Mutter hatte ich kaum Kontakt. Sie kam mich, im Gegensatz zu meinen Großeltern, nicht einmal besuchen.

Im Heim war ich ein Außenseiter. Foto: Bigstock

Als wäre das nicht genug, wurden aus dem ursprünglich geplanten Jahr zwei Jahre. Das gab mir den Rest und weckte eine Willenskraft in mir, die ich bis dahin vergessen hatte. Ich rief täglich meine Mutter an und flehte darum, endlich nach Hause kommen zu dürfen, ich hätte meine Lektion gelernt. Nach schließlich anderthalb Jahren gelang es mir, sie zu überreden. Meine Eltern kamen, um mich abzuholen, doch wirklich froh schien niemand zu sein.

Meine Zeit zurück in Hamburg

Zuhause angekommen brauchte ich erstmal einige Zeit, um mich an mein vorheriges Leben zu gewöhnen. Der Stress ließ allerdings nicht lange auf sich warten. Es ging im Prinzip weiter wie vorher. Zu Hause habe es oft Streit und in der Schule Stress, weshalb ich nach der sechsten Klasse auf eine Stadtteilschule wechselte.

Die Wut gegen meine Mutter wuchs langsam in mir. Ich verlor zunehmend das Vertrauen ihr gegenüber und fühlte, dass sie nicht verstand, was diese Heimzeit wirklich für mich bedeutet hatte. Ich redete öfter mit ihr darüber, sie zeigte auch Verständnis, doch am nächsten Tag war immer alles so, als wäre nichts gewesen. Auch mit meinem Stiefvater wurde es nicht besser, weshalb ich irgendwann damit drohte, auszureißen und nie wieder zurückzukommen. Doch das traf auf wenig Gehör.

Nach einer weiteren Auseinandersetzung mit meiner Mutter und meinem Stiefvater, packte ich meine Sachen und verließ die Wohnung, ohne ein Wort zu verlieren. Ernstgenommen hätte es sowieso keiner. Da ich nicht wusste wohin, flüchtete ich zu meinen Großeltern – die einzigen Familienmitglieder, die mir immer zur Seite standen. Das ist mittlerweile schon über drei Jahre her, seitdem lebe ich da. Ich konnte mir in der Zeit weitestgehend bewusst werden, wer ich bin, und einordnen, was geschehen war und was meine Familiensituation damit zu tun hat.

Heute kann ich verstehen, dass mich meine Eltern im Stich gelassen haben und dass ich mich quasi selbst erziehen musste. All diese Erfahrungen haben mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Es wäre Vieles leichter gewesen, wenn mich meine Mutter nicht ausgeschlossen hätte und ich mich der Familie zugehörig gefühlt hätte.

Meine Zukunft

Trotz alledem gehe ich meinen Weg, mache hoffentlich bald mein Abitur und danach etwas aus meinem Leben. Ich hoffe, dass ich das alles irgendwann hinter mir lassen kann. Inzwischen bin ich 18 Jahre alt und ironischerweise versuchen meine Mutter und mein leiblicher Vater seit kurzem, den Kontakt zu mir zu pflegen. Ich halte aber nicht viel davon. Ich hätte sie damals gebraucht, nicht erst jetzt, da ich alles selber regeln muss, wie zum Beispiel die Wohnungssuche.

Oft habe ich mich gefragt, ob mein Leben wirklich einen Sinn macht und ob meine Eltern nicht vielleicht doch noch hätten warten sollen, ehe sie mich bekamen. Auch wenn ich mich oft schlecht fühle, bin ich daran zum Glück nicht komplett zu Grunde gegangen, was mich umso zuversichtlicher macht, dass ich mein Leben in den Griff kriege und meine Ziele erreiche.“

* Danke an Max Wolf, der das Interview geführt und diesen Text mit Ben verfasst hat. Der Name wurde geändert und ist der Redaktion bekannt.

Tamara Müller

Als süddeutsche Frohnatur liebe ich die Wärme, die Berge und Hamburg! Letzteres brachte mich vor fünf Jahren dazu, die Sonne im Herzen zu speichern und den Weg in Richtung kühleren Norden einzuschlagen. Ich liebe die kleinen Dinge im Leben und das Reisen. Und auch wenn ich selbst noch keine Kinder habe, verbringe ich liebend gerne Zeit mit ihnen.

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