„Ich kriege null Schlaf!“ Muss ich lügen, um keine Angebermutti zu sein?

Als unser Sohn auf die Welt kam, war ich für das gegenseitige Ausheulen in Mutti-Runden gut gerüstet. Er wollte alle anderthalb Stunden trinken und auch nach einem Jahr haben wir kaum einmal drei Stunden am Stück geschlafen. Ich fühlte mich wie ein Mombie und sah auch wie einer aus. Meine Umgebung war voller Mitgefühl – bis unser Kleiner plötzlich durchschlief. Spätestens da habe ich gelernt: Wenn es einmal gut läuft, ist die Begeisterung der anderen viel weniger groß.

Alles blöde Angebermuttis?

Klar habe ich in der harten ersten Zeit Muttis beneidet, die ihr sechs Wochen altes Baby abends einfach hinlegten, woraufhin es dann acht Stunden friedlich schlummerte. Ich habe auch etwas unruhig in der KiTa auf die Zeichnungen anderer Kinder geschielt, die schon komplette Märchenszenen darstellten, als wir noch gar nicht richtig bei den Strichmännchen angekommen waren. Offenbar war ich nicht die einzige, die sich mit anderen verglich. Wenn eine Mama von ihrem schlaffreudigen Baby oder den Talenten ihres Kleinkinds berichtete, hörte ich andere hinterher zischen: „Die soll nicht immer so angeben.“

Das Mamasein und vor allem das Zusammensein mit anderen Mamas ist eben ein echtes Minenfeld. Aber ist es denn wirklich immer gleich Angeben, wenn jemand erzählt, was bei ihm gut läuft? Eine Mama hat einen guten Schläfer, aber Dauerstress beim Essen. Eine Mama hat ein Kind, das echt früh läuft, aber spät spricht – so what? Klar gibt es die unsäglichen Besserwisserinnen („Du musst doch einfach nur…“, „Du kannst doch nicht…“) und Mamas, die permanent jede Leistung ihres Kindes so hochjubeln, als wäre es ihre eigene. Das nervt. Aber wisst ihr, was mir aufgefallen ist? Ich gehe schon mal in Deckung, weil es vielleicht niemand hören will: Insgesamt erlebe ich so etwas viel seltener, als Mamas, die sich persönlich angegriffen fühlen, wenn bei anderen etwas vermeintlich besser oder auch bloß anders läuft als bei ihnen.

Wieso sind wir eigentlich alle so empfindlich?

Offenbar sind wir alle hochsensibel, wenn es um unsere Rolle als Mutter geht. Logo, es geht dabei schließlich um etwas für uns sehr Wichtiges: unser Kind. Da wollen wir alles richtig machen. Das setzt unter Druck. Und diesen Druck spüren wir oft auch dann, wenn er eigentlich gar nicht vorhanden ist. Will die andere Mama uns wirklich einen reinwürgen, wenn sie sich über eine ruhige Nacht freut, während wir uns vor Erschöpfung der Ohnmacht nahe fühlen? Vermutlich nicht. Wahrscheinlich will sie einfach nur auch aus ihrem Alltag erzählen, in dem es – wie bei uns allen – mal gut und manchmal weniger gut läuft.

Es geht gar nicht um uns, wenn eine andere von sich erzählt – es geht um sie. Dass wir es manchmal nicht ertragen oder ein Urteil über uns in ihren Worten wittern, verrät mehr über unser Selbstwertgefühl als über unser Gegenüber. Weil WIR uns immer wieder unzulänglich fühlen, fürchten wir, die anderen könnten uns auch so sehen. Würde man sie darauf ansprechen, wären sie vermutlich ganz verdutzt.

Heute gilt oft: Wer es am schwersten hat, gewinnt

Habt ihr zufällig auch „Bridget Jones – Am Rande des Wahnsinns gesehen?“ Dann erinnert ihr euch sicher noch an die Szene, in der Bridget im thailändischen Frauenknast sitzt und die anderen Mädel berichten, wie sie von ihren Männern geschlagen, beraubt und zur Prostitution gezwungen werden. Als Bridget erzählen soll, was ihr mit ihrem Partner widerfahren ist, versucht sie es zunächst mit der Wahrheit. Dann merkt sie, dass ihre Harmlosigkeiten auf wenig Verständnis stoßen. Um ihren neuen BFFs zu gefallen, sagt sie deshalb schnell: „Ach das Übliche, er schlägt mich, nimmt mir mein Geld weg…“

So ähnlich fühle ich mich im Moment, wenn von mäkeligen Essern, unverändert schlechtem Schlaf und ersten Schulhofprügeleien die Rede ist. Gerade läuft es nämlich mal verdammt gut bei mir. Aber das ist offenbar nichts, mit dem man hausieren gehen darf. Anders als Bridget Jones lüge ich nicht direkt, wähle aber sehr genau aus, was ich berichte. Ich erzähle, wie unser Sohn Rabatz macht, wenn er Tomaten sieht. Ich erzähle, dass ich meine Augenringe der Tatsache verdanke, dass er uns um drei Uhr morgens geweckt hat. Ich trete breit, dass er in der Schule oft unaufmerksam und das Basteln immer noch nicht seine Lieblingsaufgabe ist. Dann höre ich mir die anderen Probleme an, und wir nicken alle verständnisvoll.

Wer soll unser Kind abfeiern, wenn nicht wir?

Verschwiegen habe ich, dass er – zumindest aktuell – außer Tomaten alles isst. Inklusive Garnelen, Oliven, Brokkoli und anderes Gedöns, von dem man als Kind normalerweise Schreikrämpfe bekommt. Ich lasse auch aus, dass wir eigentlich fast immer durchschlafen können und gerade sein Talent für Sprache von einer Lehrerin gelobt wurde. Eigentlich finde ich das aber doof von mir. Wer soll denn unsere Kinder abfeiern, wenn nicht wir? Im Grunde finde ich es deshalb ganz okay, wenn jede Mama ihr Kind für das Tollste hält. Man muss es ja nicht gleich übertreiben und sein Kind zur Kunsthochschule anmelden, weil es zum ersten Mal eine Wurst in Schneckenform in die Toilette gepresst hat.

Damit will ich nicht sagen, dass Mütter weniger jammern sollen, ganz im Gegenteil. Das hier soll ein Appell für NOCH mehr Ehrlichkeit sein. Dazu gehört auch, aber nicht nur, dass wir unsere krassen Beichten und dunklen Stunden auf den Tisch packen. Heult euch bitte richtig aus, schimpft und jammert, wenn ihr Druck ablassen müsst. Aber freut euch bitte auch wie Bolle, wenn es gut läuft. Und vor allem: Sprecht anderen nicht das Recht ab, zu jammern oder zu feiern, nur weil ihr gerade anders empfindet.

Ich bin der Grabenkämpfe so müde. Wenn ich einmal begeistert von superschönen Stunden inklusive Baden im raschelnden Herbstlaub und Waffelnbacken schwärme, sehe ich manche Muttis schon gedanklich ausholen: „Voll verlogen, wie die das Muttersein verherrlicht.“ Oder: „Ey, das macht voll Druck auf andere Mütter.“ Wenn ich am Boden liege, weil ich überzeugt bin, nie wieder einen ausgeschlafenen Tag zu erleben, höre ich das „Stell dich mal nicht so an“, auch wenn es unausgesprochen bleibt.

Ich will das Gute UND das Schlechte

Aber ich will von dem Schlechten wie dem Guten erzählen dürfen. Auch von dir würde ich gerne alles hören. Ich verspreche auch, es stört mich nicht, wie liebevoll und gelassen du morgens drei tolle Pausenboxen zauberst, während ich mit nur einem Kind muffelig im morgendlichen Chaos nichts gebacken bekomme. Sollte dein Kind tatsächlich hochbegabt sein, will ich nicht darüber spotten, sondern dich offen fragen, ob das für dich eher ein Grund zu Freude oder der Sorge ist. Umgekehrt hoffe, es verärgert dich nicht, dass mein Kind im Urlaub zehn Kilometer gewandert ist, während deines am liebsten noch getragen werden würde. Na und? Jeder ist anders und auf seine Art okay.

Perfekt wird sie auch mir nicht immer gelingen, die Sache mit der Unvoreingenommenheit. Manchmal werde ich vielleicht doch wieder die Augen verdrehen und vielleicht sogar ein wenig lästern, um mich selbst zu schützen. Aber vielleicht können wir ja gemeinsam daran arbeiten. Wäre es nicht cool, wenn wir alles miteinander teilen könnten – die Begeisterung für unsere Kinder, den Nervkram, die Sorgen, die Schwächen, das Glück, die Unterschiede zwischen uns? Ich werde sogar versuchen, dich auch dann zu mögen, wenn deine Lieblingsfarbe Rot ist, wo ich doch Grün bevorzuge. Macht das Leben viel leichter, oder?

Jana Stieler

Ich lebe mit Mann und Sohn im Süden Hamburgs – am Rande der Harburger „Berge“ (Süddeutsche mal kurz weghören: Der höchste Punkt misst immerhin sagenhafte 155 Meter ü. M.). Wenn ich nicht gerade einen Text verfasse, liebe ich Outdoor-Abenteuer mit meiner Familie, lange Buch-Badewannen-Sessions mit mir allein und abendliches Serien-Binge-Watching.

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