„Ich erlebe Eltern, die nicht mehr können.“ Eine Therapeutin hilft Familien, die ein Schreibaby haben

Eltern, deren Baby ungewöhnlich viel weint, sind oftmals völlig am Ende. Totale Erschöpfung, Paarkrisen, Selbstzweifel, Wut aufs Baby – ein Schreibaby kann das Leben gehörig ins Wanken bringen. Marei Theunert ist die Rettung für Familien, in denen ein „Baby mit mehr Bedürfnissen“ lebt – so nennt sie selbst betroffene Kinder viel lieber. Denn das klingt so viel weniger negativ.

Marei Theunert ist Familientherapeutin aus der Nähe von Hamburg und macht meistens Hausbesuche. Warum sie das tut und wie sie Eltern in anstrengenden Phasen hilft, erzählt sie in unserem Interview.

Frau Theunert, wer ihre Hilfe braucht, muss nicht in ihre Praxis kommen. Was erleben sie, wenn sie eine Familie mit einem Schreibaby besuchen?
Ich erlebe Eltern, die kaum noch ihre eigenen Bedürfnisse stillen können. Die oftmals sehr müde sind. Sie kämpfen mit Emotionen, die sie nicht haben wollen – Trauer, Wut, Enttäuschung. Das möchte niemand mit einem Baby in Verbindung bringen. Und das macht es dann noch schlimmer. Häufig hat ein Elternteil bereits eine leichte bis mittelschwere Depression entwickelt.

Was ist dann ihr erster Schritt?
Wir müssen schnell für Entlastung sorgen. Ich gebe den Eltern zu verstehen, dass alle Gefühle, die sie haben, absolut ok sind. Auch aggressive. Sie dürfen dem Baby, sich oder jemand anderem natürlich nichts tun, aber diese große Wut zu spüren, die einen befällt, wenn alles unlösbar erscheint, ist ganz normal. Oft hilft es schon, das mal gesagt zu bekommen. Dann mache ich mich auf die Suche nach Ursachen.

Wie geht man da vor?
Zunächst müssen körperliche Probleme ausgeschlossen sein. Zum Beispiel eine Nahrungsmittelunverträglichkeit. Dafür ist der Kinderarzt da. Aber in den allermeisten Fällen haben die Familien das schon lange erledigt, waren außerdem beim Ostheopathen und in engem Kontakt mit der Hebamme. Ich frage nach dem Tagesablauf des Kindes: Ist es viel unterwegs? Liegt es in Räumen, in denen geraucht wird? Ist es vielen Reizen, etwa durch Fernsehen oder Radio, ausgesetzt? Wenn diese Gründe ausscheiden, muss ich weiter fragen.

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Wonach?
Ich frage nach der Paar-Beziehung, lasse mir von der Schwangerschaft und von der Geburt erzählen. Vieles was die Eltern belastet oder sogar traumatisiert hat, spiegelt sich im Baby wieder. Manchmal hat die Mutter die Geburt als sehr negativ erlebt oder leidet unter einer unentdeckten postpartalen Depression. Dann ist es ihr kaum möglich, mit ihrem Baby in den Kontakt zu treten, den es braucht.

Wenn es der Mama schlecht geht, kann die Bindung zu ihrem Baby darunter leiden. Foto: Bigstock

Und das alles geht bei den Familien zu Hause besser?
Oft, ja. Eine Autofahrt zu einem bestimmten Termin kann für Baby und Eltern manchmal schon sehr anstrengend sein. Im eigenen Zuhause ist vieles entspannter. Außerdem bekomme ich einen besseren Überblick über den Familienalltag.

Wer kein Schreibaby hat, denkt erst einmal, dass ja alle Babys schreien. Was macht ein Baby zu einem Schreibaby?
Es schreit weitaus mehr, ist generell schwer beruhigbar, lässt sich kaum ablegen und reagiert auf Reize viel heftiger als andere Kinder. Diese Babys brauchen meistens viel mehr Körperkontakt. Das schlimme ist, dass sie sich auch auf dem Arm nicht sofort oder nur sehr schwer beruhigen können. Das macht es für die Eltern so schwer. Denn es scheint ja so, als wenn der Körperkontakt auch nichts bringt. Gerade dann ist es wichtig, dem Baby zu signalisieren, dass man bei ihm ist und es durch die schwere Zeit begleitet. Aber dafür brauchen Eltern sehr viel Kraft.

Die sie sicher irgendwann nicht mehr haben, oder?
Genau. Gemeinsam suchen wir nach Wegen, wie die Eltern einzeln oder gemeinsam Kraft tanken können. Wie sie wieder positive Momente erleben und neue Energie schöpfen, die sie dann für das Kind haben. Dafür brauchen sie ein Netzwerk aus Unterstützern. Allein schafft man es nicht.

Und das muss man erstmal akzeptieren?
Ja. Ein schreiendes Baby ist an sich ja ganz normal. Nur so kann sich das Kind bemerkbar machen und auf seine Bedürfnisse hinweisen. Heute denken viele Eltern aber, dass ein Baby gar nicht schreien sollte, dass sie etwas falsch machen, wenn es schreit. Und sie bekommen Angst vor dem Schreien. Das führt natürlich auch zu Stress, der sich wiederum auf das Kind überträgt.

Liebe Frau Theunert, vielen Dank für das Gespräch!

Marei Theunert bietet Einzel-, Paar und Familientherapie an. Sie ist Diplom-Pädagogin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Sie ist Mutter eines kleinen Sohnes. Unter www.elbfamilienglueck.de ist sie erreichbar.

Julia Jung

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