Fast jedes 6. Kind hat suchtkranke Eltern – mit traurigen Folgen

Eine Mama, die mitansehen musste, wie ihr Partner nach und nach dem Alkohol verfiel, erinnert sich genau, wie die Sucht schleichend Teil ihres Familienlebens wurde: „Immer häufiger trank er alleine, was er vorher nicht getan hatte. Er begann alle Aktivitäten nach und nach zugunsten des Trinkens aufzugeben. Er ging nicht mehr mit zu Veranstaltungen und machte immer weniger mit der Familie. Er hielt sich auch nicht mehr an Absprachen bezüglich der Kinder.”

Sie erkennt irgendwann, dass sie ihrem Partner nicht mehr helfen kann und zieht Konsequenzen. Die Mama, die uns ihre Geschichte anvertraut hat, trennt sich letztendlich, um sich und ihre Kinder zu schützen. Mit einer bundesweiten Aktionswoche vom 18. bis 24. Februar soll aktuell auf die Folgen von Sucht in Familien aufmerksam gemacht werden, denn es betrifft viel mehr Kinder, als viele denken.

2,65 Millionen Kinder leben mit alkoholkranken Eltern zusammen

Laut der Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien e.V. Deutschland (NACOA) leben 2,65 Millionen Kinder mit alkoholkranken Eltern zusammen. Noch einmal 40.000 bis 60.000 Kinder haben Eltern, die von illegalen Suchtmitteln abhängig sind. Fast jedes sechste Kind kommt damit aus einer Suchtfamilie. Jedes sechste Kind erlebt eine Kindheit voller Unsicherheit und Ängste. Diese Schicksale sollen durch die Aktionswoche sichtbarer gemacht werden.

Auch wir möchten die Gelegenheit nutzen, um dem Thema Aufmerksamkeit zu schenken, denn die Familienangehörigen und gerade die Kinder suchtkranker Menschen stehen oft im Schatten der Sucht. Eine solche Kindheit sei gekennzeichnet von einem Mangel an emotionaler Zuwendung und Geborgenheit, bestätigt die NACOA. Häufig kommen Gewalt, Vernachlässigung und Missbrauch hinzu.

Die Folgen für Kinder suchtkranker Eltern

Das Schlimmste: Kinder suchtkranker Eltern (Children of Addicts = COAs) sind die größte bekannte Sucht-Risikogruppe. Ihr Risiko, als Erwachsene selbst suchtkrank zu werden, ist im Vergleich zu Kindern aus nichtsüchtigen Familien bis zu sechsfach erhöht. Etwa ein Drittel dieser Kinder wird im Erwachsenenalter alkohol-, drogen- oder medikamentenabhängig.

Zusätzlich entwickelt ein Drittel psychische oder soziale Störungen (teilweise überschneidend mit dem ersten Drittel). Manche von ihnen suchen sich als Erwachsene selbst einen Partner mit Suchtproblemen und wiederholen unbewusst die eigenen Kindheitserfahrungen.

Trotzdem fällt es dem nicht betroffenen Elternteil oft schwer, Konsequenzen zu ziehen und die Kinder zu schützen. Auch davon berichtet uns die Mama, deren Partner in eine Alkoholabhängigkeit abrutschte. „Man will das gar nicht wahrhaben. Denkt, es sei eine Phase, beschönigt. Irgendwann sieht man zwar ein, dass es gesundheitsgefährdend ist, erkennt es aber nicht als Krankheit, sondern als Schwäche oder schlechte Angewohnheit.”

„Helfen kann sich der Betroffene nur selbst, indem er Krankheitseinsicht hat.”

Selbst wenn man die Tragweite erkennt, ist es für viele schwer, sich zu lösen: „Man möchte helfen; immerhin verlässt man einen krebskranken Menschen ja auch nicht, wenn er die Diagnose bekommt.” Doch auch die Mama aus unserem Beispiel musste irgendwann zur bitteren Erkenntnis kommen, dass sie machtlos ist.

„Denn so schlimm wie es ist: Ein alkoholsüchtiger Mensch verändert sich langsam, körperlich, aber vor allem auch in seiner Persönlichkeit, so dass irgendwann nur noch ein Schatten des Menschen übrig bleibt, den man einst kennen und lieben gelernt hat. Wenn die abhängige Person selbst keinen Handlungsbedarf sieht und aus ihrer Sicht nicht krank ist, wird kein Ratschlag und erst recht keine Hilfe angenommen. Helfen kann sich der Betroffene nur selbst, indem er Krankheitseinsicht hat.”

Hilfe für Kinder aus Suchtfamilien

Der NACOA Deutschland geht es vor allem darum, den betroffenen Kindern Unterstützung anzubieten und für ihre Situation zu sensibilisieren. Ganz wichtig seien für die Kleinen andere sichere Bindungen zu Erwachsenen, zum Beispiel zu liebevollen Großeltern, Erzieher*innen oder Lehrer*innen. „Die heilsame Kraft, die solchen sicheren Beziehungen innewohnt, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.” Sie ermögliche es den Kindern, sich sicher und angenommen zu fühlen, gesundes Beziehungsverhalten zu erlernen und über ihre Ängste und Nöte sprechen zu können.

Außerdem eine große Entlastung: Wenn die Erwachsenen ihnen altersgerecht zu einem geeigneten Zeitpunkt erklären, dass Mama oder Papa krank ist. Bei dysfunktionalen Familienverhältnissen neigen Kinder dazu, die Schuld bei sich zu suchen, deswegen brauchen sie eine Vertrauensperson, die ihnen deutlich macht, dass sie keine Schuld an der Suchterkrankung ihrer Eltern tragen.

Du hast die Befürchtung, dass ein Kind aus deinem Umfeld in einer Suchtfamilie lebt?

Die NACOA erklärt HIER, was du in so einem Fall tun kannst. Der Beauftragte der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen verweist betroffene Kinder an „Hilfen im Netz”.

Die COA-Aktionswoche gibt es seit 2011 in Deutschland und in den USA. Außerdem findet sie z.B. regelmäßig auch in Großbritannien, der Schweiz, in Korea oder Slowenien statt.

 

Lena Krause
Ich lebe mit meinem kleinen Hund Lasse in Hamburg. Am liebsten erkunde ich mit ihm die vielen grünen Ecken der Stadt. Auch wenn ich selbst keine Mama bin, gehören Babys und Kinder zu meinem Leben dazu. Meine Freundinnen machen mir nämlich fleißig vor, wie das mit dem Mamasein funktioniert und ich komme als „Tante Lena“ zum Einsatz. Schon als Kind habe ich das Schreiben geliebt – und bei Echte Mamas darf ich mich dabei auch noch mit so einem schönen Thema befassen. Das passt einfach!

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Christina Reich
Christina Reich
1 Monat zuvor

Vielen Dank, dass ihr das Thema Kinder aus suchtbelasteten Familien in den Blick nehmt. Danke für die Verlinkung! Es ist so wichtig das Tabu zu brechen.